Nicht nur Höhenangst – Billy Talent im Interview

Nicht nur Höhenangst – Billy Talent im Interview

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Jordan und Benjamin mit der Autorin kurz vor Rock am Ring / im Park
Unsere Lisbeth traf zwei der Billy Talente kurz vor Rock am Ring / im Park

Billy Talent! Früher gehört, aber schon vergessen? Nun sind sie wieder da! Die ehemalige Punkband bringt Ende Juli ihr neues Album raus. In „Afraid of Heights“ singen sie nicht nur darüber, sich seinen Ängsten zu stellen, sie taten es währenddessen selber: Die zunehmende Krankheit eines Bandmitglieds beeinflusste das Album maßgeblich, denn die Multiple Sklerose brachte ihn zuletzt ins Krankenhaus. Wir sprachen mit dem neuen Drummer Jordan (Alexisonfire) und Sänger Benjamin aber nicht nur über ernste Themen, sondern auch über viel Schabernack.

 

SLEAZE: In eurem neuen Album singt ihr viel über Selbstüberwindung und das Bekämpfen der Angst. Wann musstet ihr selbst besonders viel Mut aufbringen?

Benjamin: Im Leben einer Band gibt es viele Mutproben. Aaron ist unser Drummer für die letzten 23 Jahre gewesen. Nun kann er nicht mehr spielen. Das ist wahrscheinlich die größte Hürde, die wir überwinden müssen. Er ist unser Bruder, unser Freund, unser Kamerad, unser Ein undAlles.
Aber mit jedem Hindernis kommt ein Licht. Und unser Freund Jordan, der bei Alexisonfire spielt, widmete uns seine Zeit, wirkte beim Album mit und entschied sich, mit auf Tour zu kommen. Immer wo ein Kampf im Leben tobt, erscheint auch Licht. Da muss man positiv bleiben. Und Jordan macht einen tollen Job.

SLEAZE (zu Jordan): Also bleibst du für immer in der Band?

Jordan: Aaron beginnt gerade wieder Fahrrad zu fahren, aber er hat auch wieder Schlagzeug gespielt. Hoffentlich geht’s ihm bald besser. Solange halte ich ihm den Platz warm. Ich will auf keinen Fall irgendwas der Band wegnehmen. Ich will hier aushelfen und die beste Zeit dabei haben. Und so lange wir eine tolle Zeit haben… –

Benjamin: Gib es zu! (neckend)

Jordan: Okay, ich… habe auf jeden Fall eine tolle Zeit. (lacht) Diese Jungs sind wie Brüder für mich. Trotz der Situation fiel es mir erstaunlich leicht zu übernehmen.

SLEAZE: Also kennt ihr euch schon lange?

Jordan: Ja, 15 Jahre.

SLEAZE: Wie hat Aarons Krankheit das neue Album beeinflusst?

Benjamin: Auf dem Album gibt es keinen Song, der direkt über ihn geschrieben ist. Aber ich denke, dass seine Krankheit und sein Abschied einen großen Gesamteinfluss hatten. Ich habe mich dabei gefühlt, als müsste ich mein Bestes geben und ihn stolz machen. Es war ein komisches Gefühl, aber ich habe das Gefühl, das gesamte Album sei für ihn.

SLEAZE: Auf dem Album singt ihr auch über andere Themen. Zum Beispiel, dass Rock’n’Roll langsam stirbt. In Deutschland sprießt ein Electroclub nach dem anderen aus dem Boden. In wieweit meint ihr diese Worte ernst?

Benjamin: Wir denken nicht, dass Rock’n’Roll stirbt, sondern es ist vielmehr ein Song, um ihn zu beschützen. Wir haben viele Freunde als DJs. Wir kennen Skrillex und Deadmau5, das sind echt talentierte Künstler. Wir wollen nur sagen, dass Rock’n’Roll unser Leben veränderte und uns sogar rettete.

SLEAZE: Rock’n’Roll rettete euer das Leben?

Benjamin: Ja, er rettete uns. Es gab uns einen Zweck, eine Richtung und eben ein Leben. Wir gingen schon als Kinder zu Rockshows. Danach sind wir nach Hause, haben Gitarre oder Schlagzeug gespielt oder gesungen. Wir hatten diese Inspiration, dieses Feuer, dieses Licht und es wandelte sich um in „Das müssen wir tun“. Vor allem um die nachfolgende Generation für Rock’n’Roll zu begeistern.

Die Band vor ein paar Jahren. Von Anssi Koskinen aus Turku, Finland (Billy Talent @ Ruisrock 2007) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
Ein Auftritt vor ein paar Jahren. Von Anssi Koskinen aus Turku, Finland (Billy Talent @ Ruisrock 2007) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
SLEAZE: Seid ihr begeistert vom neuen Album?

Benjamin: Auf jeden Fall! Wir sind sehr glücklich und stolz über das gesamte Bild! Denn Ian (Gitarre, Background, Anm. d. Red.) ist ein Typ, der wirklich auf das gesamte Bild achtet. Er sieht alles vom Beat des Schlagzeugs bis zum Mikrophon an der Bassdrum. Wir sind sehr mit dem Klang zufrieden. Alles klingt gewaltig.

SLEAZE: Würdet ihr jemals einen Song machen, der mehr wie elektronische Musik klingt? Wie beispielsweise Linkin Park es taten?

Benjamin: Nein. Definitiv nein.

SLEAZE: Oder generell, dass ihr mehr in eine bestimmte Musikrichtung geht?

Benjamin: Wir versuchen immer, unseren Horizont zu erweitern, aber wir versuchen uns auch immer daran zu erinnern, was der Kern der Band ist. Und das ist Rock’n’Roll. Schlagzeug, Gitarre, Gesang, nicht wahr? Wir werden nie sagen: „Wir sind nun eine christliche Countryband.“

SLEAZE: Was ist besonders daran, Rock’n‘Roll in Deutschland auszuleben? Was ist das Besondere an den deutschen Fans?

Jordan: Deutsche und insgesamt europäische Fans sind besonders leidenschaftlich, was Musik angeht. Viel mehr denke ich als Leute in Amerika. Du siehst selten Festivals in Kanada oder den USA, die länger als drei Tage gehen. Obwohl das nun langsam kommt. Und auf diesem Festivals vor 100.000 Menschen zu spielen… Davon träumst du nur als Kind, aber du denkst nie, dass du das selber tun würdest. Und wenn du auf der Bühne stehst, denkst du dir: „Wie zur Hölle bin ich hier hergekommen? Das ist unglaublich!“ Ich freue mich total, hier zu sein und bin gespannt auf die Shows.

SLEAZE: Seid ihr denn gerade auf Tour?

Benjamin: Ja. Wir haben Konzerte bei Rock am Ring und Rock im Park, waren aber auch in Russland, Ungarn, Österreich, Großbritannien, Tschechien, Australien, Japan, Frankreich, USA, Italien, Spanien… ein paar Shows halt.

 

Was sie in diesem Moment verschweigen und sich ein paar Tage später für ein Konzert aufheben: Ab Oktober sind sie wieder in Deutschland. Bei Rock am Ring und im Park gaben sie schon ein paar Kostproben des neuen Albums. Dieses erscheint am 29.07.

 Lisbeth

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