Nicht cool genug für das Business

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Sie sind endlich wieder in Berlin, praktisch ihrer zweiten Heimatstadt. Fat Freddy’s Drop spielten gestern in der komplett ausverkaufen Columbiahalle. Die achtköpfige Band aus Wellington in Neuseeland hat sich vor allem einen Namen gemacht als herausragende Liveband. In unzähligen Shows unterhalten sie durch Improvisationstalent und ihren einzigartigen Genre-Mix. Vor der Show hat sich Trompeter Toby noch Zeit für uns genommen. Ausführlich philosophiert wurde dabei über die (Un)Wichtigkeit von Alben und das alles am besten zu funktionieren scheint, wenn man nicht so genau weiß, was man da eigentlich tut. Da sind wir ganz bei ihm.

Ihr seid so eine große Band mit vielen Leuten. Ist euch schon mal jemand verloren gegangen auf Tour? Bei der Tankstelle oder so?

In Berlin haben wir schon einige verloren, weil wir so viele Freunde hier haben. Wir kommen seit 2003 hierher, damals für sechs Wochen. Da haben wir viele Leute kennengerlernt, mit denen wir noch befreundet sind. Immer wenn wir herkommen, passiert etwas. Aber alle aus der Band sind sehr gut darin, auf sich selbst aufzupassen. Das ist auch das Gute an uns. Selbst wenn jemand verloren geht: Zur nächsten Show ist er wieder da.

Hat bei euch jeder noch weitere Aufgaben außerhalb des Gesangs und den Instrumenten, die ihr spielt?

Ja, haben wir tatsächlich. Zum Beispiel sind wir zu dritt an den Blasinstrumenten und da sind wir auch zuständig für die Arrangements. Viele davon sind ja auch improvisiert und wir bringen dort immer etwas Struktur rein. Ich persönlich arbeite auch viel im Studio und bin bei den Aufnahmen am Pult dabei. Wenn man bei unserer Liveshow dabei ist, sieht man natürlich auch, wer was macht. Joe als unser Posaune-Spieler bringt die meiste Energie rein. Außerdem gleichen wiSLEAZE.Fat Freddy's Toby3r auf der Bühne aus, wenn bei jemand anderem etwas gerade nicht geklappt hat. Auch die Songs schreiben wir alle zusammen. Manchmal hat man selber einfach keine Ideen, aber die anderen dafür.

Begonnen habt ihr als Jam-Band und einige von euch haben auch gleichzeitig noch in anderen Gruppen gespielt. Wie kamt ihr zu dem Punkt, daraus tatsächlich Fat Freddy’s Drop zu machen?

Es war eigentlich immer mehr wie ein Soundsystem. DJ Fitchie hat Platten aufgelegt in Wellington und war mit ein paar von uns befreundet und hat ein oder zwei von uns gefragt, ob wir nicht Lust hätten mit ihm zu spielen. Als wir dann irgendwann alles hatten, also Gitarre und Keyboard, dachten wir uns, okay, wir sind schon wie eine Band jetzt. Dann haben wir angefangen, wirklich Gigs zu spielen und Festivals in Neuseeland. Die Lieder waren aber eher abstrakt und improvisiert. Als wir dann irgendwann nach London gegangen sind für ungefähr sechs Wochen und nach Berlin, haben wir viele Leute kennengelernt und Shows gespielt. Das hat uns dann wirklich zu einer richtigen Band gemacht. Wir sind eben so weit weg gewesen und waren immer zusammen und als wir dann zurück nach Hause kamen, haben wir angefangen, für unser erstes Album zu schreiben. Das war „Based On A True Story“ 2005. Da haben wir wirklich erst angefangen, bewusst Songs zu schreiben und das Projekt als richtige Band behandelt.

Normalerweise ist die Reihenfolge ja, dass man Songs schreibt, ein Album rausbringt und dann damit auf Tour geht. Bei euch läuft das eher anders. Warum ist das so?

Ja, das war wirklich anders. Weil wir eben aus dieser Soundsystem-Sache kamen mit DJs. Das funktioniert dann so: Du hast Musiker und Zeit zum Spielen. Also spielst du einfach. Wellington ist aber auch so eine kleine Stadt, das die ganze Musikszene sich die wenigen Leute teilt. Also selbst du wenn du Indie-Musik machst, sind da vielleicht ein paar Musiker dabei, die sonst Jazz spielen oder so. Zu unserer Anfangszeit war die DJ-Kultur eben sehr beliebt, besonders für Reggae. Und es gab viele gute Sänger. Es ist einfach eine kleine Stadt und alle Musikszenen sind sehr miteinander verbunden. Aber wir hätten wahrscheinlich wirklich schon vorher ein paar Songs schreiben sollen.

Euer Album „Bays“ ist vor einem Monat erschienen. Darauf sind sehr viele lange Lieder, manche bis zu zehn Minuten. Heißt das, ihr wollt definitiv nicht im Radio gespielt werden?

Eigentlich wurden wir ja noch nie viel im Radio gespielt. Aber ich weiß auch nicht, ob das einen großen Unterschied macht, ehrlich gesagt. Wir sind einfach keine wirklich kommerzielle Band. Der eine Song von uns, der im Radio gespielt wurde, war „Wondering Eye“ von unserem ersten Album. Das war eher ein humorvoller Partysong und es war eigentlich wirklich lustig, dass das eine große Single wurde in Australien und Neuseeland. Es war einfach dieser Blödsinn, den wir im Studio gemacht haben. Radio verleiht dem Ganzen einfach manchmal einen anderen Schwerpunkt, als das was du eigentlich machst.

Wir machen aber immer lange Lieder und das hat sich einfach so entwickelt. Das ist nicht mal unbedingt beabsichtigt.

Offensichtlich liegt der Fokus bei euren Liveauftritten. Wie wichtig ist das Alben oder Singles veröffentlichen für euch?

Es ist schon wichtig. Ich arbeite zum Beispiel sehr gerne im Studio und ein paar der anderen auch. Wir haben uns ja auch entwickelt und ein schönes, großes Studio gebaut. Das ist ein wunderbarer Ort zum Arbeiten. Wir veröffentlichen besonders gerne Vinyls. Dafür haben wir schon mal ein paar Remixe gemacht und auch Sachen von unserem letzten Album. Es macht einfach wirklich Spaß, all diese Versionen zu erschaffen. Eigentlich ist es Hälfte-Hälfte. Der eine Teil ist das Performen, das ist auch definitiv, was wir am besten können. Und jetzt haben wir auch ein Studio in dem wir gerne arbeiten und da schreiben wir auch unsere Musik.

Mir kommt es so vor, als wären eure Platten eher eine Zusammenfassung von dem, was ihr die letzten Jahre auf Tour gemacht habt.

So ist es schon oder so war es, besser gesagt. Bei dem neuen Album ist es anders. Wir sind wirklich zu Hause in Wellington geblieben für neun Monate und nicht aufgetreten. Wir haben einfach Songs geschrieben. Fast alle Lieder wurden also live noch nie gespielt. Normalerweise haben wir die Songs immer geschrieben, während wir auf Tour waren. Also war es dieses Mal wirklich anders. Wir haben etwas Neues ausprobiert. Der ganze Prozess war einfach anders. Als wir das dann auf die Bühne gebracht haben, war es ein komplett anderes Gefühl.

Ist denn dann bei den Konzerten immer noch so viel Platz für eure berüchtigten Improvisationen?

Ja, auf jeden Fall. Die Songs sind noch nicht auf die Bühne angepasst, sie haben also vielleicht einen anderen Charakter als die älteren Sachen. Das passt schon gut zusammen.

Wenn ihr bei einem Konzert improvisiert und dann ein Song direkt auf der Bühne entsteht, schaffen diese es dann manchmal auch auf das nächste Album?

Die Lieder von „Blackbird“ sind zum Beispiel so entstanden. Beim Soundcheck denken wir uns auch manchmal etwas aus und das funktioniert dann oft. Im Moment gibt es auch wieder Sachen, an denen wir auf dieser Tour arbeiten. Vielleicht wird ja das nächste Album wieder wie die vorherigen entstehen und wir schreiben alle Songs, während wir unterwegs sind.

Ist denn bei der letzten Tour nicht genug Material für ein neues Album entstanden, so dass ihr im Studio schreiben musstet?

Doch schon und das ist ja immer noch da. Wir wollten einfach mal etwas anderes ausprobieren und hatten plötzlich auch so schon neun Songs zusammen und uns gedacht, wow, wir haben ja schon genug Lieder. Wir haben auch im Studio zusammen improvisiert, was auch lustig war. Es ist also schon ein ähnlicher ProzSLEAZE.Fat Freddy's Toby.Planess wie auf der Bühne, nur nicht vor Publikum.

Habt ihr dann überhaupt eine konkrete Setlist auf Tour?

Nein, die verändert sich jeden Abend. Das ändert den Schwerpunkt auch jeden Tag.

Heute ist zum Beispiel eine große Show, also es wird erbarmungslos!

Dann passt ihr die Lieder die ihr spielt auch darauf an, in welchem Land oder welcher Stadt ihr spielt?

Genau und auch wie die Songs so angekommen sind. Sie funktionieren auch nicht jeden Abend gleich gut. Sie durchlaufen oft Phasen. Wir denken gerne, dass wir wissen was wir tun. Wir sitzen dann zusammen uns sagen, lass uns das verändern und das rausnehmen.

Zu Berlin scheint ihr ja auch eine spezielle Verbindung zu haben, wenn ihr hier so viel Zeit verbracht habt.

Das liegt vor allem an den Leuten, die wir getroffen haben und die uns bei sich wohnen lassen haben. Das waren wirklich zehn oder zwölf von uns immer unterwegs, die so viele Shows wie möglich gespielt haben. Wir haben auch mit ein paar Leuten im Studio gearbeitet wie Jazzanova. Durch sie haben wir auch viele andere Musiker kennengelernt. Es ist auch lustig, das wir genau hier gelandet sind, das war einfach ein glücklicher Zufall. Ich glaube, es war sogar, weil ein Label hier einen unserer Songs auf einer 12‘‘-Vinyl rausgebracht hat.

 Ihr habt mehr als 1.000 Liveshows gespielt. Passieren da immer noch Sachen, die ihr niemals erwartet hättet oder habt ihr schon alles gesehen?

Es ist immer toll, irgendwo hin zu gehen, wo wir noch nie waren und dort Leute treffen, die die Musik kennen. Das Publikum ist trotzdem enthusiastisch und mag die Songs. Wir waren gerade in Stuttgart und Karlsruhe, da waren wir auch noch nie, obwohl es gleich nebenan ist. Besonders auf dieser Tour gehen wir in Städte, die wir noch nicht kennen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, an neuen Orten zu spielen.

Woher wisst ihr, was ihr in diesen Städten für Lieder spielt?

Ich habe gar keine Ahnung, worauf das eigentlich basiert. Jemand sagt einfach, das müssen wir unbedingt spielen und die anderen sind meistens einverstanden. Wir haben nie plausible Gründe dafür. Als wir aber zum Beispiel das erste Mal in Australien gespielt haben, dachten wir, dass wir alle unsere alten Songs spielen müssen, weil die Leute die eher kennen. Aber das machen wir nicht mehr. Das Set beinhaltet einfach viele neue und alte Sachen.

 Wie ist es mit euch auf Tour? Hört ihr gemeinsam viel Musik?

Ja, das machen wir schon. Manchmal wenn wir auf eine Show warten und den ganzen Tag nichts zu tun haben, dann trinken wir Wein und essen Käse. Aber wenn wir nach einer Show nachts nach Hause fahren, dann ist viel Zeit, um Musik zu hören. Wir sind einfach alle gute Freunde in der Band und nur deshalb funktionieren wir auch als Gruppe. Wir können zusammen verreisen und in einem Bus zusammen leben. Über Musik streiten wir uns nie. Das ist wirklich lustig. ein Freund von mir ist bei The Black Seeds, auch eine Band aus Neuseeland. Sie können den ganzen Tag damit verbringen, darüber zu streiten, welche Musik sie hören wollen. Dann fragt er mich immer, wie wir das machen. Aber wir hatten absolut noch nie ein Problem. Da haben wir echt Glück, auch wenn das vielleicht nicht normal ist.

 Macht ihr immer noch nebenbei Musik in anderen Projekten?

Das machen wir schon, aber dieses Jahr nicht so viel, weil wir nur gearbeitet haben. Wir machen sonst aber viele Sachen, die mehr studiobezogen sind, wie Kollaborationen und so oder auch einfach kleine Gigs zu Hause in Wellington mit Jazzbands zum Beispiel. Da gibt es immer einige Sachen, die man machen kann.

 Vermisst ihr diese Abwechslung momentan?

Ich weiß nicht, vielleicht braucht man es. Das Gute in unserer Gruppe ist aber, dass wir ein tolles Studio haben, viel Arbeit und dadurch auch einfach viel Musik, die wir machen können. Dann gibt es auch den Produzenten Lord Echo, mit dem einige von uns zu Hause arbeiten und er hat tolle Sachen gemacht, die sogar an Orten wie Japan gut funktionieren. Es gibt also immer genug interessante Projekte, bei denen man mitmachen kann, wenn man mag.

 Ihr habt auch euer eigenes Plattenlabel „Drop“. Veröffentlicht ihr auch Musik von anderen Künstlern?

Nein, das funktioniert einfach nicht. Wir haben darüber nachgedacht, es zu versuchen. Es funktioniert einfach so gut im Moment mit der Band und wir haben unseren Manager. Wir teilen die Arbeit gut untereinander auf. Besonders für unseren Manager ist Fat Freddy genau die richtige Menge an Arbeit, also schon sehr viel. Wenn du jemandem wirklich helfen wollen würdest, wäre das einfach zu viel. Ich denke einfach, es gibt so viele gute Künstler, SLEAZE.Fat Freddy's Toby1die brauchen ihre eigenen Leute, die sich ihnen komplett widmen. In Amerika würde das vielleicht sehr gut funktionieren, aber nicht für uns.

 Dann habt ihr das Label wirklich nur für euch selbst gegründet, um unabhängig zu sein ohne den Hintergedanken, andere unter Vertrag zu nehmen?

Wir sind vielleicht auch einfach zu faul und nur besonders gut dabei, das so tun, was für uns das Offensichtliche ist. Wir sind auch nicht so die Business-Leute. Vielleicht, wenn wir etwas cooler wären. Wir hatten noch nie eine Strategie, wie wir uns in der Musikindustrie verhalten wollen. Das Einzige, worüber wir immer nachgedacht haben war, was für uns am besten funktioniert. Manchmal haben wir versucht, Verträge mit anderen Plattenfirmen abzuschließen, aber die waren einfach nicht gut. Also mussten wir einfach unser eigenes Label gründen. Sonst wäre das Urheberrecht der Songs auf die Firma übertragen worden, sie wollten das Marketing machen, die Tour buchen und sowas. Keine ihrer Ideen war besonders gut. Wir hatten also eigentlich keine Wahl als unser Ding durchzuziehen. Wir hatten aber auch wirklich Glück, denn zu der Zeit wurde Musik noch gekauft in Form von CDs.

 Ihr macht sicherlich noch ganz lange Musik zusammen. Aber was werdet ihr länger machen: Konzerte spielen oder Musik schreiben und veröffentlichen?

Wenn wir wirklich alt sind, kommen wir vielleicht zu dem Punkt, dass wir keine Alben mehr veröffentlichen. Aber wahrscheinlich sind wir dann immer noch im Studio und nehmen auf, doch keine ganze Platte. Dafür brauchen wir nämlich normalerweise um die fünf Jahre.

Ich glaube einfach, wir werden immer Songs schreiben und vielleicht ein paar davon rausbringen.

 

Wir danken für das Gespräch und hoffen, das Toby mit Posaune-Spieler Joe und Saxophonist Scott auch heute improvisierte Stücke in toll arrangierte Lieder umwandeln kann. Vielleicht schafft es ja ein Song dank des unglaublichen SLEAZE-Inputs auf die nächste Platte.

Maurin

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