Neues von Marvel’s VENOM…inöse Müdigkeit

Neues von Marvel’s VENOM…inöse Müdigkeit

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Nur noch ab ins Bett. Nach der morgendlichen Sichtung des neusten Marvel-Streifens Venom verließ ich das Kino in leichter Erschöpfung. Dieses Körpergefühl der Bettsehnsucht lag nicht etwa an dem Umstand, dass die Berliner Pressevorführung bereits um 10 Uhr stattfand.

Nein, Grund war der Film selbst, der in mir ein tiefes Gefühl des Überdrusses stimulierte. Es scheint vollkommen egal zu sein, wer wen oder was spielt und wer für die Umsetzung der modernen Marvel-Filme verantwortlich zeichnet. Marvel bleibt sich seinem nervösen Effekt-Gewitter treu und lässt auch Venom mit Tom Hardy (Dunkirk) in der titelgebenden Hauptrolle zu einem oberflächlichen, gehetzten Spektakel verkommen.

Auch Marvel’s Venom wird zu filmischem Fast Food

Dabei lag dem ersten sich um Venom drehenden Kinofilm ursprünglich eine Vision fernab der nun als lauwarme Action-Komödie daherkommenden Leinwandrealität inne. Mit einem vergleichsweise kleinen Budget sollte der Super- bzw. Antiheldenflick einst angeblich mit einem R-Rating, der zweithöchsten Altersfreigabe in den USA, erscheinen.

SLEAZE + Marvel's Venom
Hahaha, wieder kreative Belanglosigkeit!

Collider verglich das Vorhaben im Frühjahr 2017 mit 20th Century Fox‘ eigenen Marvel-Werken wie der X-Men-Reihe und Logan. Letztlich sprang für Venom eine PG-13-Freigabe heraus, in Deutschland ist der Streifen ab 12 Jahren freigegeben.

Nun hängt die Freigabe selbstredend nicht zwangsläufig mit der Stimmung eines Films zusammen. Gleichwohl zeigt sich auch hier wieder, wie sehr das Schielen auf eine möglichst breite Massenakzeptanz einen Film in ernsthafte Atemnöte bringt. „Wir wollten keinen Film machen, der irgendwelche Fans ausschließt“, ließ Regisseur Ruben Fleischer, der eigenen Angaben zufolge selbst immer eine PG-13-Freigabe anstrebte, kürzlich gegenüber Polygon wissen. Das lässt tief blicken.

Denn aus der Geschichte um den gefallenen Journalisten Eddie Brock (Tom Hardy), der vor dem Hintergrund verschwörerischer Experimente in Kontakt mit dem außerirdischen Symbionten kommt und fortan eine Zweckverbindung in Form von Venom eingeht, entstand der übliche, verwässerte Marvel-Brei.

Dabei ist es völlig egal, dass der Film außerhalb von Disneys riesigem Franchise Marvel Cinematic Universe (MCU) spielt, sondern Teil von Sonys Superheldenreihe um Spider-Man ist. Es lässt sich auch hier die als Fan-Nähe verschleierte Glattgebügeltheit erkennen. Das wäre als solches kein Problem, wenn er seine Zuschauer nicht fortwährend mit plumpen, eiskalten Alibi-Plots des ständig selben Schemas für blöd halten würde.

Typisch: Venom ist das nächste Opfer der Seichtigkeit

So hat Eddie neben seiner folgenreichen Zwangsjacke Venom nämlich noch mit Freundin Anne (Michelle Williams) zu hadern, die ihn verlässt, nachdem diese wegen ihm den Job verliert. Dabei geht es dem Regisseur allerdings völlig ab, dieser eigentlich durchgeschüttelten Beziehung irgendeinen Spannungsraum zu geben.

Ereignisse und Stimmungsbilder wie die Heiterkeit des gemeinsamen Glücks, das Verlassenwerden oder Küsse sind lediglich Vorbereitungen oder Auflösungen eines konventionell strukturierten Drehbuchs, die nie den Raum irgendeiner Eigendynamik bekommen. Vielmehr lässt es Ruben im Marvel-Mantel krachen, wo es nur geht.

SLEAZE + Marvel's Venom
Ob das jetzt an „Die Fliege“ erinnern soll?

Hier offenbaren sich die Action-Sequenzen zu großen Teilen als Schnittmassaker, dem Überblick und Physis fehlen. Stattdessen regieren unter dem Brummen eines weitgehend generischen, lärmenden Soundtracks von Ludwig Göransson, der zuletzt u.a. schon die Musik zu Ryan Cooglers Marvel-Eintrag Black Panther beisteuerte, das Laute und Reizüberflutende.

Diese Actionhatz gebärt infolge einer Paarung mit dem ebenfalls Marvel-typischen Verwässerungshumor einen ungemein sich selbst im Weg stehenden Film, der bloß niemandem vor den Kopf stoßen will. Es wirkt auf mich, als nehme sich der jeweilige Verantwortliche eine Phrase oder Zitat aus einem Comic und streckt diese ohne Hinzufügung dringlicher Eigenimpulse auf in diesem Fall gut anderthalb Stunden.

Ruben erwähnte laut Variety an früherer Stelle diesen, angeblich aus einem Comic stammenden Satz: „Du bist Eddie Brock. Ich bin der Symbiont. Zusammen sind wir Venom.“ Okay, und sonst? Offiziell geht Venom im Übrigen 112 Minuten, doch inklusive sind hier u.a. eine traditionelle Mid-Credits-Scene sowie Ausschnitte aus dem kommenden Animationsfilm Spider-Man: Into the Spider-Verse.

Venom geht auf die Knie. Das ist der eigentliche Konflikt dieses Films

Es ist schon erstaunlich, wie weit zuvor Angekündigtes mit dem fertiggestellten Film im Konflikt liegen kann. Columbia Pictures-Präsident Sanford Panitch ließ im Juli vergangenen Jahres wissen, dass sich Venom an Filmen von John Carpenter (Halloween) und David Cronenberg (The Fly) orientieren würde. Ruben brachte die in einem Körper manifestierte Dualität der Persönlichkeiten des Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus der Feder von Robert Louis Stevenson in Verbindung mit dem Film.

Es fielen also große, bekannte Namen, die den Streifen unnötigerweise mit manch großen Namen assoziierten. Denn die Gegenüberstellung aus Eddie Brock und dem Symbionten, die gemeinsam Venom ergeben, zerfließt bald in eine sich arrangierende Komödie, in der die große Alien-Bedrohung im Körper des gefallenen Hauptcharakters soweit verdünnt wird, dass sie nur noch einen flachen Randwitz in Form eines launigen Sidekicks darstellt.

Mit seichtem Humor rollen dann, der Altersfreigabe entsprechend, zwar nicht grafisch, wohl aber Off-Screen die Körperteile umher und als wäre es nichts, interessiert sich Eddie denn auch bald nicht mehr für das, was er gemeinsam mit seinem unfreiwilligen Gast anrichtet.

SLEAZE + Marvel's Venom
„Gruselig? Du müsstest erstmal meinen Mundgeruch erleben!“

Jeglicher Tod ist folgenlos, jegliche Gewalt reiner, generischer Unterhaltungszweck und jedes Potenzial persönlicher Konsequenzen für die Hauptfigur findet sich mit einem Oneliner weggewitzelt im Vakuum der filmischen Gewöhnlichkeit verloren wieder. So ist denn auch die so herrlich verzerrte Comic-Gestalt Venom dermaßen entzerrt und auf Massenkurs gebracht, dass sie nicht wiederzuerkennen ist.

Und darin liegt die eigentliche Dualität nicht nur dieses Films, sondern der Marvel’schen Kino-Moderne, die einmal mehr beweist, was der Kniefall vor dem vermeintlichen Willen des Mainstreams bewirken kann.

Alex

Titel: Venom
Heimkinostart: 03.10.2018
Dauer: 112 Minuten
Genre: Action, Komödie, Science-Fiction
Produktionsland: USA
Filmverleih: Sony Pictures

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