Neue Kunst, alte Macken

Neue Kunst, alte Macken

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Künstlerin: Sophia Marie Böttger

„Die andere Kunstklasse kam in den Raum. Sie waren sofort begeistert von meinem Arsch und meinen Brüsten!“, erzählt Sophia Marie Böttger stolz und lacht. Sie ist eine Studentin der Universität der Künste (UdK) in Berlin. Ihr Bildnis einer nackten Frau mit überdimensionalen, sexualisierten Körperteilen war ein Teil des Rundgangs der UdK am letzten Wochenende. Diese freie Veranstaltung zeigte ein vielfältiges Spektrum neuer Kunst.

Aber nicht nur die UdK, auch das Neonchocolate Festival lockte mit Künstlern der Moderne. Bei diesem Berliner Festival drehte sich alles um Street- und Graphic Art.

Fusionen des Digitalen und Altmodischen, Entdeckung der Sexualität, Tätowierungen oder Rosen aus Spraydosen – es gab an diesem Wochenende einiges zu entdecken!

Klassische Kunst, neue Formen

„Fass das nicht an!“, ruft eine Künstlerin. Während sich eine Gruppe Schaulustiger um den Stein mit braunem Pulver versammeln, rätseln sie, ob es Kakao oder Kaffee sein könnte. Eine der Versammelten fasst schließlich in das Pulver, versucht daran zu riechen. Plötzlich interveniert die Frau an der Seite: „Vorsicht, das ist getrocknetes Blut!“ Die Menge erschrickt. Sie löst sich rasch von dem Stein, strömt zu den anderen Kunstwerken. Beispielsweise zu einem sich krümmenden Menschen: Zusammengeschweißt aus Plastik, liegt er am Boden. Die Besucher schlendern um ihn herum. Würdigen ihn all ihrer Blicke, während es im echten Leben doch häufig konträr verläuft…

Künstler: Francesco Petruccelli
Künstler: Francesco Petruccelli

„Die Leute fragen mich immer, was ich mir dabei gedacht habe.“, erzählt Sophia, die Frau mit den Brüsten: „Ich weiß es nicht. Kunst ist für jeden etwas anderes. Auf manche Dinge muss man sich einlassen.“ Bei manchen Kunstwerken ist das schwierig: eine an die Wand genagelte Aubergine oder Heizröhren beispielsweise. Während wir neben Letzterem brutzeln, sehnen wir uns doch nach der kleinen Schwarzen zum Verzehr. Wäre es nicht Kunst, sie von der Wand zu reißen? Wir befreien uns rasch von dem Hirngespinst und schwenken zu phantasievolleren Gebilden: Ein von Pflanzen umrankter Herd oder Schattenspiele abstrakter Treppengemälde, ein von Kreide kreiertes Gesichtsviertel oder eine gemalte Frau, die auf Plastikmüll schläft. Ist das die Kunst unseres Zeitalters?

Geile Kunst, schlecht präsentiert

Das Neonchocolate Festival gestaltet sich eintöniger. Dafür künstlerisch nicht schlechter. Es bedient die Sparte Graphic- und Streetart. Die Künstler stammen größtenteils aus der Sprayer-Szene. „Wir mussten uns um den Stand bewerben, nicht jeder kann hier ausstellen.“, erzählt Glönn, dessen Hände noch vom Live-Painting zeugen. Seine Bilder sorgen mit Schwarzlicht für Aufsehen: Die Neonfarben lächeln die Besucher aus weiter Ferne an. Dicht daneben weitere Stände: Wir erblicken metallene Rosen aus alten Spraydosen, phantasievolle Zeichnungen auf Buchseiten oder Zombiememory.

Wenige Besucher schlendern jedoch durch die Weiten des Berliner Postbahnhofs. Nur die Hälfte der Fläche wurde für die Ausstellung genutzt. Die andere: gähnende Leere.

Der Innenhof beim Neonchocolate Festival
Der Innenhof beim Schokoladenfestival

„Wir wussten selber gar nicht, was uns erwartet“, erzählt Glönn weiter: „Hier ist’s gemütlich.“ Auf der Internetseite selbst lassen sich nicht viele Bilder finden und unter Kunstfestival kann sich kaum jemand etwas vorstellen. Das Neonchocolate ist weder Ausstellung noch ein Festival im herkömmlichen Sinne: Es erinnert eher an eine Flohmarkt. Die Künstler sind heute Verkäufer anstatt Maler, Grafiker, Sprayer. Ihre Werke liegen vor ihnen ausgebreitet, jedes mit einem Preisschild versehen.

Das kommt bei den Besuchern entsprechend an: „Ich find’s überteuert.“, so Danika, die durch Empfehlung gekommen ist. Sie sei enttäuscht. Tommy aus Osnabrück kritisiert ebenfalls: „Eine reine Ausstellung ohne Verkauf wäre besser gewesen.“ Er fügt hinzu: „Die Künstler sind aber top!“ Das Neonchocolate fand zum ersten Mal statt. Hoffentlich nicht zum letzten Mal. Denn so viele Ausstellungen zu Graphic- und Streetart gibt es nicht.

Neue Kunst, alte Bedingungen

Die UdK und das Neonchocolate vertreten unterschiedliche Kunststile. Das macht sie schwer vergleichbar. Nur die Besucherzahlen zeigen den Unterschied: Diese explodierten bei der UdK. Die UdK muss sich nicht mehr vermakten, sie besitzt einen Ruf, der über ganz Deutschland hallt.

Das Neonchocolate nicht. Nun wissen die Besucher zumindest, auf was sie sich einstellen können. Selbst wenn die Webseite nicht genug Informationen hergibt, bleibt noch die Mundpropaganda. Aber ob sie selbst das Festival promoten, bleibt die Frage. Denn neue Kunst verhält sich wie alte Kunst: Sie will gesehen werden. Dazu muss sie sich besser präsentieren.

Lisbeth

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