Netflix und Kino: Findet endlich zueinander!

Netflix und Kino: Findet endlich zueinander!

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Warum ist friedliche, fruchtbare Koexistenz eigentlich so schwer? Seit sich Netflix innerhalb weniger Jahre zu einer mächtigen Film- und Serieninstanz erhoben hat, ist immer wieder vom Kampf zwischen Kino und Streaming zu lesen.

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Vom Weltraum in die eigene Kindheit: Alfonso Cuaróns Roma

Das prominenteste Beispiel ist der erzwungene Rückzug des Streaming-Dienstes vom Filmfestival von Cannes. Nachdem noch 2017 die zwei hauseigenen Produktionen Okja sowie The Meyerowitz Stories im Wettbewerb liefen, kündigte Festival-Präsident Thierry Frémaux im März dieses Jahres den Ausschluss von Netflix zumindest für den offiziellen Wettbewerb an – Preise kann der kalifornische Branchenriese an der Côte dAzur nicht mehr gewinnen.

Kurze Zeit später verkündete Netflix-Programmchef Ted Sarandos, keine Werke mehr an die südfranzösische Küste zu schicken. Das heißt auch, dass Alfonso Cuaróns (Children of Men, Gravity) jüngst erschienene Netflix-Produktion Roma stattdessen weiter östlich auf dem Filmfestival Venedig lief und gleich mit dem Hauptpreis prämiert wurde.

Doch viel wichtiger: Die persönliche, tief menschliche Kindheitsreise des mexikanischen Regisseurs zeigt, wie schmerzhaft die Grenzen zwischen Streaming und Kino sind.

Das Kino hat ein Luxusproblem

Hintergrund des Cannes-Geplänkels war, verkürzt gesagt, ein Streit um die Kinoauswertung von Filmen und eine neue Regel des Festivals, nach denen Wettbewerbsbeiträge einen französischen Kinostart vorweisen müssen. Bekanntermaßen kommen Netflix-Produktionen nur selten und wenn überhaupt, lediglich limitiert in die Lichtspielhäuser. Im Kern geht es tatsächlich um etwas viel Fundamentaleres: Der Konflikt zwischen Netflix und Kino ist ein ideologischer und wirtschaftlicher.

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Symbolbild des Mainstream-Kommerzkinos: Marvels Avengers: Infinity War

Wer Streaming im selbsternannten Dienste des Kinos verpönt, ignoriert die historische Entwicklung der großen Leinwand. Einst war das Kino so etwas wie die erschwingliche Unterhaltung und gewissermaßen eskapistische Realitätsflucht für den arbeitenden, “kleinen Mann”.

Das Mainstream-Erlebnis von heute ist ein kommerziell durchgeplantes Event-Spektakel, das sich bei Ticketpreisen von durchschnittlich gut 8,60 Euro in Deutschland (2017 via Statista; für 3D, IMAX & Co. sind es in der Regel deutlich mehr) eben nicht mehr jeder einfach leisten kann. Kino ist gewissermaßen auch Luxuserlebnis geworden. Eine traurige Entwicklung. In Deutschland kostet das teuerste Premium-Abo bei Netflix 13,99 Euro und ist auf vier Geräten und damit von vier Personen gleichzeitig nutzbar. Den ganzen Monat lang!

So sehr auch ich das Kino als Ort des gemeinsamen Träumens auf der einen Seite liebe. Auf der anderen Seite konnte sich mit Netflix ein Außenseiterphänomen zu einer eigenständigen Plattform der Film- und Fernsehkunst etablieren. Das eröffnet neue Möglichkeiten.

Da ist es kein Wunder, dass mit Roma, der auch hierzulande einen limitierten Kinostart erhielt, nun einer der intensivsten, schmerzhaftesten wie schönsten Streifen des Jahres exklusiv auf Netflix erscheint. Alfonsos filmisch eindringliche Erinnerung an seine Kindheit ist ein Wunderwerk des Mediums, das mit seiner hypnotischen Bildgewalt eigentlich regulär ins Kino gehört – und steht daher stellvertretend für den traurigen Fundamentalismus dieses Konflikts zwischen neu und alt, Streaming und Kino.

Netflix befreit sich und seine Künstler vom Kostenfaktor Kino”

Die Vorteile von Netflix für Filmschaffende sowie Financiers liegen auf der Hand: Der Streaming-Gigant hatte eigenen Angaben zufolge bis zum Ende des ersten Quartals 2018 eine weltweite Kundenbasis von 125 Millionen Abonnenten (Variety). Es entfallen in der Regel die großen Marketing-Budgets für aufwändige Kinoauswertungen, für die beispielsweise Disney mit dem diesjährigen Marvel-Film Avengers: Infinity War einen neuen Ausgabenrekord in Höhe von 150 Millionen US-Dollar aufstellte (Deadline).

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Paramount fuhr mit Ben Hur gegen die Wand

Das Netflix-Risiko eines Flops ist gering, womit die Bereitschaft potenziell wächst, Künstlern die totale, kreative Kontrolle ihrer Vorhaben zu gewähren. Der Südkoreaner Bong Joon-ho, dessen Film Okja 2017 via Netflix erschien, sprach damals von „totaler Freiheit” in der Zusammenarbeit mit dem kalifornischen Konzern (The Hollywood Reporter).

Großen, auch namhaften wie traditionsreichen Studios im klassischen System” können dagegen einige finanzielle Fehlgriffe bis an den Rand des Ruins treiben. So erlebte Paramount Pictures einen heftigen Fall innerhalb von nur sechs Jahren vom erfolgreichsten Filmunternehmen hin zu einem kommerziellen Notfall. Analyst Brian Wieser beschrieb die Entwicklung der Firma gegenüber dem Guardian im Frühjahr 2017 mit den Worten: „Es ist wie Disney in andersrum.”

Die kommende Transformers-Ermüdung in Gestalt des fünften Teils The Last Knight war zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht und enttäuschte wenig später an den Kinokassen. Vorige Flops wie die Neuverfilmung des Historienstreifens Ben Hur, der Spionage-Film Allied mit Brad Pitt und Marion Cotillard oder die mutmaßliche Franchise-Hoffnung Monster Trucks taten ihr Übriges.

Inzwischen erholt sich das Studio mit einem weinenden Auge. Denn mit Viacom kündigte der Mutterkonzern einen Disney-artigen Plan an, was im Wesentlichen massentaugliche Familienfreundlichkeit und eine damit einhergehende Risikoreduzierung sowie Homogenisierung der Filmstoffe bedeutet.

Netflix und Kino: Gemeinsam sind wir magisch

Ist es daher verwunderlich, dass immer mehr namhafte Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten den Schulterschluss mit Netflix suchen? Wohl kaum. Zu diesen zählen nebem den erwähnten Alfonso und Bong etwa Martin Scorsese, dessen Gangster-Reunion The Irishman im kommenden Jahr beim VoD-Anbieter erscheint ebenso wie Steven Soderberghs Sportdrama High Flying Bird.

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Wir brauchen auch im Kino mehr „Roma“

Natürlich besteht auch das auf Kino setzende Studiosystem nicht nur aus Disney, Paramount & Co. Etliche, nicht zu den zu Milliardenerfolgen verdammten Filmschmieden arbeiten mit einigen der aufregendsten Filmemachern der Welt zusammen: Man denke hierbei etwa an Annapurna Pictures, das u.a. Werke von Paul Thomas Anderson (The Master), Kathryn Bigelow (Zero Dark Thirty), Wong Kar-wai (The Grandmaster) und Bennett Miller (Foxcatcher) mitproduzierte.

Gleichwohl bietet Netflix eine spendable, risikobereite und freiheitgebende Alternative, die eigentlich keine Bedrohung für das Kino darstellen sollte. Die Ablehnung auf der einen ist ebenso verbohrt wie die Sturheit auf der anderen Seite:

In der Vergangenheit gewährte Netflix Kinos kein exklusives Auswertungsfenster für seine Filme. Das könnte sich künftig ändern, denn mit limitierten Vorführungszeiten für Roma sowie The Ballad of Buster Scruggs und dem post-apokalyptischen Thriller Bird Box der dänischen Regisseurin Susanne Bier könnten erste Schritte der Annäherung gemacht sein.

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Auch diese beiden fanden eine Heimat bei Netflix: Okja

Es kann also nicht um einen Kampf der Vertriebswege, sondern um eine Vereinigung beider Seiten gehen. Auf dass wir filmische Wunderorte – wie Roma – künftig auch ganz selbstverständlich auf Wunsch im Kino besuchen können.

Alex

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