Netflix im September 2020: Es wird existenziell

Netflix im September 2020: Es wird existenziell

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SLEAZE + Netflix September 2020
Öhm… was soll ich nur gucken?

Martin Scorsese (The Irishman), Alfonso Cuarón (Roma), Noah Baumbach (Marriage Story), Fernando Meirelles (The Two Popes) oder auch Michael Bay (6 Underground): Längst sind Streamingdienste und somit auch Netflix eine ernstzunehmende Anlaufstelle für ambitionierte Filme- und Serienmacher geworden.

Fernab des traditionellen und zuweilen risikoarmen Studio- bzw. Senderbetriebs finden sie hier die notwendige Zuwendung für die Realisierung ihrer Stoffe, die eben nicht das x-te Sequel oder das nächste Superhelden-Gekloppe darstellen.

Der September 2020 startet bei dem kalifornischen Streamer denn auch gleich mit einem potenziellen Höhepunkt und zeigt nach rund fünf Jahren Leinwandabstinenz das nächste Werk von einem der kreativsten Köpfe der Filmwelt. Wenn du also den Tag überstanden hast und aus deinem sexy Stromer ausseigst, um in deinen sexy Streamer einzusteigen: Bei SLEAZE findest du die Vorauswahl für den Monat September 2020.

Neue Filme auf Netflix im September 2020

I’m Thinking of Ending Things (4. September)

Ende September 2011 hielt Charlie Kaufman eine beeindruckende Rede über das Dasein als Autor. Schon zu Beginn seines Vortrags dekonstruierte er das „merkwürdig ritualisierte Vortragsmodell”.

Nein, er werde nicht vorgeben, ein Experte zu sein. Er wisse überhaupt nichts. Diese Realisierung charakterisiere sein Schreiben. Es folgte eine der einfühlsamsten, ehrlichsten und inspirierendsten Reflektionen nicht nur über die Existenz als Filmschaffender, sondern über den Menschen an sich.

Nun zeigt Netflix mit I’m Thinking of Ending Things den neusten Streifen des vor allem als Drehbuchautor bekanntgewordenen US-Amerikaners, dessen letzter Film in Form der existenziellen Stop-Motion-Geschichte Anomalisa 2015 erschien.

SLEAZE + Netflix September 2020
Existenzkrise bei den (künftigen?) Schwiegereltern.

Seine damaligen Ausführungen dürften für Kenner seines Werks kaum überraschend gewesen sein. In Filmen wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) oder seinem Regiedebüt Synecdoche, New York (2008) erzählte Charlie bereits offenen Auges vom widerspruchsvollen Komplex Homo sapiens.

Seine zuweilen surrealen, absurd komischen und gleichzeitig hochdramatischen Geschichten sind von solch schonungsloser, da konsequent-ehrlicher Natur und erzählen klischeelos von den schönen, schmerzhaften, romantischen und verletzenden Irrwegen menschlicher Beziehungen. Und auch davon, was es heißt, Mensch zu sein. Zu seinen bekanntesten Schöpfungen zählen neben den bereits erwähnten Titeln etwa Being John Malkovich (1999) und Adaptation (2002).

Sein neuster Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Iain Reid und handelt von einer jungen Frau (Jessie Buckley), die trotz Zweifeln an ihrer Beziehung mit ihrem Freund (Jesse Plemons) einen Roadtrip in Richtung der Farm seiner Eltern (Toni Collette und David Thewlis) unternimmt. Während eines Schneesturms findet sie sich schließlich ausweglos auf der Farm wieder und beginnt, alles über ihr Leben und die Welt zu hinterfragen.

The Devil All the Time (16. September)

Ebenfalls eine Originalproduktion von Netflix erwartet dich mit The Devil All The Time. Auch hierbei handelt es sich um eine Roman-Adaption nach dem titelgebenden Buch von Donald Ray Pollock. Die Handlung ist im provinziellen Knockemstiff in Ohio, zugleich Geburtsort des Schriftstellers, angesiedelt und macht Lust auf ein mit bekannten Namen besetztes düsteres Drama.

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Unter Feinden: Tom Holland in The Devil All The Time.

Im Mittelpunkt des zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Vietnamkrieg angesiedelten Geschehens steht der junge Arvin Russell (Tom Holland), der sich und seine Liebsten gegen den von Korruption und Brutalität verseuchten Ort verteidigen muss. Hierbei bekommt er es u.a. mit einem gottlosen, vom nächsten Batman-Darsteller Robert Pattinson dargestellten Prediger zu tun.

Hauptdarsteller Tom, den manche vor allem als Spider-Man im MCU kennen dürften, trifft zudem auf einen alten Bekannten aus dem Marvel-Universum: Bucky Barnes-Akteur Sebastian Stan schlüpft in die Rolle eines korrupten Sheriffs.

Fear and Loathing in Las Vegas (4. September)

Inzwischen längst ein Kultfilm: Fear and Loathing in Las Vegas zeigt Johnny Depp auf einem psychedelischen Trip durch die Wüste Nevadas bis in die Spielermetropole Las Vegas.

Die Geschichte um Raoul Duke und dessen Begleiter Dr. Gonzo (Benicio del Toro) basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman des berühmten Schriftstellers Hunter S. Thompson und polarisierte damals mit seiner rauschhaften Erzählung die Gemüter. Der Film sei ein „schreckliches Durcheinander eines Films”, urteilte der bekannte Filmkritiker Roger Ebert bei der Veröffentlichung im Jahre 1998.

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Was glotzt’n so?

Andere wiederum sehen in seinem bizarren und unberechenbaren Naturell seine Stärken. Für die Regie zeichnet übrigens Monty Python-Mitbegründer Terry Gilliam verantwortlich, der mit Filmen wie dem dystopischen Brazil (1985) und dem Science-Fiction-Streifen 12 Monkeys (1995) auf ein beeindruckendes, illustres Gesamtwerk zurückblicken kann. Zuletzt erschien nach langer Realisierungsphase seine Don-Quijote-Verfilmung The Man Who Killed Don Quixote (2018).

Neue Serien auf Netflix im September 2020

The Americans, Staffel 6 (14. September)

Kurz nach der Amtseinführung Ronald Reagans als frischgewählter US-Präsident im Januar 1981 setzt die Handlung der FX-Serie The Americans an.

Zur Zeit des Kalten Krieges begleiten wir die beiden nahe Washington D.C. lebenden KGB-Agenten Elizabeth (Keri Russell) und Philip Jennings (Matthew Rhys) in ihrem aufregenden Doppelleben zwischen aufrechten Amerikanern einerseits und ihrer wahren Identität als sowjetische Spione andererseits.

Nach der deutschen Pay-TV-Ausstrahlung vor rund einem Jahr kommt die finale Season wie die Vorgängerstaffeln nun auch ins Angebot von Netflix.

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Sowjetische Spione in Amerika: Keri Russell und Matthew
Rhys in The Americans.

Die Serie wandelt wie seine Hauptfiguren stets auf einem schmalen Pfad zwischen Thriller und Drama. Den verdeckten und manchmal blutigen Spionageaktivitäten des Ehepaars steht ein gewöhnliches Mittelklasseleben mit ihren zwei heranwachsenden Kindern gegenüber, was in Kombination eine dramatische Mischung ergibt.

Bei allem Agenten-Thrill erzählt The Americans nämlich vor allem von den Menschen hinter der Fassade, ihren alltäglichen Sorgen und der Last zwischen überzeugter Pflichterfüllung und Menschsein. Mit manchmal tragischen Konsequenzen für alle Beteiligten.

Ratched (18. September)

2018 holte Netflix den erfolgreichen Serienschöpfer Ryan Murphy (American Horror Story) in einem Berichten zufolge bis zu 300 Millionen US-Dollar schweren Deal in die eigenen Reihen. Den Auftakt der auf fünf Jahre ausgelegten Zusammenarbeit machte die siebenteilige Miniserie Hollywood, die im Mai dieses Jahres beim Streaming-Giganten erschien. In diesem Monat erwartet uns mit Ratched der nächste Spross der Kooperation, dessen Entstehung Ryan als Produzent entscheidend mitgestaltete.

Evan Romanskys Serie ist ein Prequel zu Ken Keseys Roman Einer flog über das Kuckucksnest, der bereits 1975 als gleichnamige Filmadaption unter der Regie von Miloš Forman mit Jack Nicholson in die Kinos kam.

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Irre gut? Sarah Paulson als Krankenschwester Mildred in Ratched.

Die serielle Vorgeschichte handelt von der in einer Nervenheilanstalt arbeitenden Krankenschwester Mildred Ratched (Sarah Paulson), in dem neue, beunruhigende Experimente mit dem menschlichen Verstand durchgeführt werden. Die hingebungsvolle junge Frau sieht sich nicht nur mit den dunklen Abgründen eines entsetzlichen Systems konfrontiert, sondern droht selbst von der Finsternis verschlungen zu werden.

Away (4. September)

Seit langer Zeit finden Planungen für die erste bemannte Raummission zum Mars statt, doch bisher wurden sie nur in der Fiktion Realität.

So auch in Netflix‘ Weltraumserie Away, die Hilary Swank (Million Dollar Baby) als astronautische Kommandantin Emma Green auf dem Weg zum roten Planeten zeigt.

Für ihren dreijährigen Trip in die Weiten unseres Sonnensystems lässt sie ihren Ehemann und ihre Tochter auf dem Heimatgestirn zurück.

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Auf zum Mars mit Hilary Swank.

Der Kritiken-Pool Rotten Tomatoes fasst das bisherige Presseecho bisher wie folgt zusammen: Away erreicht die Stratosphäre nicht als Raumzeitabenteuer, aber emotionale Ernsthaftigkeit und eine starke Besetzung helfen dabei, die Serie zu einer fesselnden Reise zu den Sternen zu machen.” Was will man mehr im September 2020?

Alex

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