National Bird: Der (tödliche) Finger Gottes

National Bird: Der (tödliche) Finger Gottes

TEILEN
SLEAZE + National Bird

Soldaten sind Mörder? Und Drohnen erst! In der kämpferischen politischen Doku (danke dafür!) National Bird der Filmemacherin Sonia Kennebeck geht es um den Drohnenluftkrieg der USA gegen den Terrorismus, sprich hauptsächlich die Kampfhandlungen in Afghanistan und dem Irak. Größtenteils erhalten die US-Opfer dieses Kriegs eine Stimme und die Möglichkeit, über Erlebtes und Erlittenes vor der Kamera zu berichten.
Moment mal, US-Opfer? Die dürfte es ja eigentlich gar nicht geben, ist doch gerade Kennzeichen dieser Art des Kriegs, dass die eigenen Leute geschützt sind: Die Drohnen-Piloten sitzen weit weg vom Kampfgebiet in Schiffscontainer-großen „Cockpits“ und steuern von dort aus die UAVs (Militärsprech für „unmanned aerial vehicle“). Oft wird diese Art des Kriegführens aka Tötens auch mit einem Computerspiel verglichen.

Und doch können auch die Beteiligten auf der „Joystick“-Seite schwerstens traumatisiert sein. So wie Heather: Sie war Analystin, das heißt, sie wertete den Livefeed der jeweiligen Predator– oder Reaper-Drohne aus, das Bild der Kamera sowie andere Echtzeit-Informationen. Und aufgrund dieser Auswertung gab sie dann den Piloten beispielsweise ein Ok zum Schießen. Die Piloten drücken streng genommen ab. Aber macht das wirklich so einen Unterschied? Für Heather nicht so sehr, in ihrer Psyche haben die Einsätze erhebliche Spuren hinterlassen. Andere aus ihrer Einheit haben bereits Selbstmord begangen.

Ex-Analystin Lisa fährt sogar nach Afghanistan, um mit den Leidtragenden ihres Militärdienstes zu sprechen.

Womöglich kennen einige die Bilder aus Nachrichtensendungen: In Schwarzweiß und verpixelt sieht man irgendwo einen Ausschnitt Wüste. In diesem Rechteck bewegen sich ein paar Gestalten. Dann schlägt die Rakete ein, man sieht eine gewaltige Explosion und ganz viel Staub. So weit, so eventuell bereits Zuschauern bekannt. Heather erzählt jedoch, wie es danach weitergeht: Die Drohnen-Operateure können dann nicht etwa abdrehen und Feierabend machen. Das Fluggerät kreist weiter über dem Kampfplatz. Heather wartete dann früher, bis sich der Staub legte und die Wolke der Explosion weg ist. Danach kommen dann Körperteile ins Bild. Manchmal leben einige Menschen auch noch. Denen musste sie dann beim Todeskampf zusehen. Angehörige kommen oft angerannt und versuchen zu helfen oder die Toten zu bergen. Hardcore-Stuff!

Regisseurin Sonia hat einen eher ungewöhnlichen Zugang für National Bird gewählt: Während die meisten Dokus, zumindest die, die es ins Kino schaffen, eher Informationen-basiert sind und mit Daten, Fakten und Experten-Interviews um sich werfen (nichts dagegen!), spricht Sonia zuerst mit den Menschen. Ihre Schicksale und ihr Leid werden rübergebracht und auch den Emotionen wird einfühlsam Raum geboten.
Hauptsächlich konzentriert sich Sonia auf drei ehemalige Analysten, die frei vor der Kamera sprechen. Sie alle sind traumatisiert, sie alle erzählen, wie sie überhaupt einst bei der Air Force landeten. So lebte Daniel beispielsweise auf der Straße. Schon verständlich, dass man dann nach jedem Strohhalm greift. Und diese drei sehr sympathischen Protagonisten begleitet Sonia nun in ihrem neuen Zivilleben oder etwa bei Besuchen in Hilfegruppen oder bei einer Whistleblower-Anwältin. Und oft erzählen sie eben vom Erlebten.

Hat das Herz am rechten Fleck: Regisseurin Sonia

So wird dem ganzen durch den Krieg gegen den Terror verursachten Leid ein Gesicht gegeben. Auch nach Afghanistan springt die Doku im mittleren Teil mal. Gerade das sollte man selbst gesehen haben. Am Eindrücklichsten ist hier wohl die kurze Szene, wie eine Familie, die einen kleinen Sohn und eine siebenjährige Tochter bei einem Drohnenangriff verloren hat, während des Interviews verängstigt zum Himmel blickt, als ein US-Kampfhubschrauber das Gelände überfliegt.

Überhaupt Kinder und andere unschuldige Opfer. Selbstverständlich steht an fast oberster Stelle der offiziellen US-Kriegsvorschriften, dass zivile Opfer vermieden werden sollen. Wie sieht jedoch die Realität aus? Heather schaut sich zusammen mit den Zuschauern einige typische Bilder an: Man sieht ein wenig Sand oder die landestypischen Häuser, dazu Figuren in langen Gewändern. Das Ganze noch in ziemlich geringer Bildauflösung. Wer ist jetzt hier Terrorist? Besonders perfide: Es wird dann auch nicht immer darauf gewartet, dass die Zielpersonen ganz alleine unterwegs sind. Kinder kann man womöglich noch aufgrund der Körpergröße unterscheiden. Wenn die Amerikaner Teenager töten, ist das aber schon mal nicht so schlimm. Und wenn Unschuldige bei einem Angriff getötet werden, kann man sie auch im Nachhinein noch zu Komplizen erklären. Wusch! Mit einem Federstrich ist die Statistik ok und der Krieg „sauber“. Perverser geht es eigentlich gar nicht mehr, obwohl das nichts Neues ist und beispielsweise auch schon in Vietnam praktiziert wurde.
Einer der ehemaligen Analysten bemerkt hierzu, dass man sich beim Abdrücken eigentlich nie sicher sein kann, dass keine Zivilisten getötet werden, sondern, wenn überhaupt, erst hinterher, wenn sich Rauch und Staub der Explosion verzogen haben oder sogar noch später erst auf der Grundlage von neuer „Intelligence“. Im Fall der bereits erwähnten afghanischen Familie hat das überhaupt nicht funktioniert. Bei dem Angriff kamen 23 Menschen ums Leben. Der US-Oberkommandierende in Afghanistan entschuldigte sich dafür beim afghanischen Volk.

SLEAZE + National Bird
Beinprothesen sind in Afghanistan traurigerweise schwer gefragt!

Ich könnte hier noch ewig weiter über dieses große Unrecht schreiben, das auch in deinem und meinem Namen angerichtet wird. (Hey, Deutschland kämpft auch in Afghanistan – angeblich, um unsere Freiheit zu verteidigen.) Doch bist du politisch bewusst oder ganz einfach Mensch geblieben, dann schau dir National Bird einfach mal an. Es lohnt sich wirklich. Nebenbei entsteht auch ein Bewusstsein für das absolut Sinnlose dieses ewigen Krieges, der ja immer mehr und mehr Terroristen zu produzieren scheint. Die einzelnen Schicksale der interviewten Whistleblower sind äußerst schockierend. Sie werden sogar, obwohl schon höchst traumatisiert, von der eigenen Regierung noch bedroht und eingeschüchtert, damit sie endlich wieder ihre Klappe halten. Und Daniel, Heather und Lisa sind letztendlich ein paar Leute wie du und ich und gleichzeitig arme Seelen, die in einen perversen, zynischen, komplett durchgeknallten Krieg reingeraten sind. Anschauen also.

Robert

Titel: National Bird
Regie: Sonia Kennebeck
Executive Producers: Wim Wenders und Errol Morris
Produzentin: Ines Hofmann Kanna
Produktionsdaten: Deutschland / USA 2016
Länge: 92 Min.
Verleih: NFP marketing & distribution
Vertrieb: Filmwelt Verleihagentur GmbH
Kinostart: 18. Mai 2017

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen