Nach dem Urteil – ein hartes Teil!

Nach dem Urteil – ein hartes Teil!

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SLEAZE + Nach dem Urteil
Ist der Vater nun ein Arsch - oder nicht?

„Ein inneres Zittern.“ Diese erste Diagnose meines Gemütszustands kam mir nach der Sichtung des französischen Dramas „Nach dem Urteil“ (OT: „Jusqu’à la garde“) in den Sinn.

SLEAZE + Nach dem Urteil
Der Klassiker: After laughters comes tears

Mit seinem Spielfilmdebüt zieht uns der französische Filmemacher Xavier Legrand, der zuvor vor allem als Schauspieler in Erscheinung trat, den Boden unter den Füßen weg. Er schockiert mit seiner Geschichte um eine dysfunktionale Familie im Endstadium durch ein ständiges Gefühl von Bedrohung, Zweifel und Enge. Mon Dieu.

Die unerträgliche Macht des Unwissens

„Nach dem Urteil“ handelt von der zerrissenen Familie Besson, in der Mutter Miriam (Léa Drucker) und Vater Antoine (Denis Ménochet) im Zuge ihrer kaputten Ehe um das Sorgerecht ihrer Kinder kämpfen. Im Zentrum des Konflikts steht vor allem ihr kleiner Sohn Julien (Thomas Gioria), da Tochter Joséphine (Mathilde Auneveux) kurz vor der Volljährigkeit und damit eigenen Entscheidungen auch vor dem Gesetz steht. Wobei „kämpfen“ kaum das passende Wort ihres entsetzlichen Gegeneinanders ist.

Denn ohne dass uns Xavier konkrete Umstände an die Hand gibt und vor allem andeutet, zeigt schon der nicht enden wollende Gerichtstermin zu Beginn des Films, wie viel (An-)Spannung durch das Verhältnis der Eltern strömt. Es ist ein hässliches, zum Teil kaum erträgliches, aber eben leider so realitätsnahes Verhältnis. Was wir einander antun (können), ist grausam.

SLEAZE + Nach dem Urteil
Im Zentrum des Familien-Dramas: Julien

Doch Xavier gibt sich eben nicht der Versuchung hin, Stellung zu beziehen. Wir wissen oftmals nicht, warum sich Miriam, so gut es geht, vor Antoine versteckt. Warum ihr der Atem stockt. Warum sie kaum zu reden imstande zu sein scheint. Wir wissen nicht, ob dieser, der so massive und zwischen Ruhe und Inferno zu stehen wirkende Hüne von einem Mann tatsächlich diese Schreckensgestalt ist. Vieles deutet darauf hin: Die Kinder wollen etwa nicht zu ihm. Doch könnte es nicht die Mutter sein, die hinter dem Schreckensbild steckt?

Die Familienbombe

So stehen wir selbst in ständigem Zweifel, während Xavier uns tiefer und tiefer in die Unerträglichkeit entführt, uns von einem unangenehmen Moment in den nächsten zwingt. Denn vieles erleben wir an der Seite von Antoine und Sohn Julien. Er avanciert zu einer Art stummem Opfer, dem nicht ein einziges Lächeln abzugewinnen ist, wenn der Vater ihn offenbar gegen seinen Willen zu sich holt. So will es das Gesetz. So hat es entschieden.

Aber ganz gleich, welche Wahrheit hinter der quälenden Lage stecken mag: Der Junge leidet und wir mit ihm. Zum Teil entlädt sich Frust und Aggression denn auch auf ihn und ganz nebenbei blickt Xavier in die komplexen Gefühlswelten, die sich hin und wieder in Lügen äußern, während wir dem kleinen Julien tief in seine unendlich traurigen Augen blicken. Wir werden Zeuge eines heraufziehenden Traumas.

SLEAZE + Nach dem Urteil
Ist der Vater nun ein Arsch – oder nicht?

Einen Blick in der in uns steckenden Unendlichkeit aus sich widersprechenden Gegensätzen gewährt uns der Filmemacher nicht nur in Form von Julien, sondern der Familie Besson als Ganzem. Sie wirkt wie eine tickende Zeitbombe, die zwischen der Leichtigkeit eines Geburtstags und existenziellen Ängsten pendelt.

Und irgendwann zieht Xavier in aller Geduld die emotionalen Stellschrauben dermaßen fest zu, dass wir kaum umherkommen und nur noch denken: „Diese Bombe geht jetzt hoch. Ohne Zweifel.“ Und das Zittern rollt endgültig durch den Körper. Mon Dieu.

Alex

Titel: Nach dem Urteil (OT: „Jusqu’à la garde“)
Kinostart: 23.08.2018
Dauer: 93 Minuten
Genre: Drama
Produktionsland: Frankreich
Filmverleih: Weltkino Filmverleih

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