Mystery-Abenteuer „Those Who Remain“: um die Ecke gebracht

Mystery-Abenteuer „Those Who Remain“: um die Ecke gebracht

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Die Dunkelheit ist dein ultimativer Feind im kürzlich erschienenen Videospiel Those Who Remain. Düstere, humanoide Gestalten mit leuchtenden Augen warten in der Finsternis nur darauf, den Spieler mit einem einzigen unspektakulären Hieb zu töten. Oft genug lassen sich die unbeweglichen und starr blickenden Wesen durch einen simplen Klick auf den Lichtschalter in Luft auflösen.

SLEAZE + Those Who Remain
Wo geht die Reise hin?

Wenn es doch nur so einfach wäre. Der Titel aus dem Hause des weitgehend unbekannten Studios Camel 101 scheitert selbst an seinen grundlegendsten Spielmechaniken und einer an aufgeblasenen Plattitüden krankenden Geschichte.

Mir geht kein Licht auf

Kaum ein spielerisches Kernelement steht jedoch so stellvertretend für das misslungene Game Design wie die einfach klingende Aufgabe, einen Lichtschalter zu betätigen. Dafür musst du dich nämlich ein kleines Stück in den Raum mit der dunklen Bedrohung wagen, um den Stromkreislauf zu deiner Linken oder Rechten zu aktivieren. Dieses absurd simple Vorhaben verkommt aber nicht selten zu einer frustrierenden Angelegenheit.

Das schwammige Justieren der aus der Egoperspektive bewegten Spielfigur gleicht dem Andocken eines Raumschiffs, während die Lichtschalter teils dermaßen unglücklich platziert wurden, dass sie entweder kaum zu sehen oder nur schwer zu treffen sind. Das winzige Interaktionsfeld führt zu einer unnötig komplizierten Präzisionsaufgabe.

Zusätzliche Schwere erhält dieser Akt – und ich schreibe noch immer nur über das Ziel des Lichtanmachens – durch den inkonsequenten und offenbar leicht variierenden Einflussbereich der One-Hit-Dunkelheit. Es kann also durchaus passieren, dass du dich etwas zu weit in den Raum wagst und unerwartet das Zeitliche segnest. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir in rund 25 Jahren Videospielerfahrung dermaßen schwerfiel, lebend um eine Ecke zu kommen.

Dieses bizarre Eckenphänomen ist aber bestenfalls nur die Spitze eines aus vielen weiteren Ecken und Kanten geformten Eisbergs. Dabei hat Those Who Remain zumindest in seinem ersten Abschnitt noch meine Neugier geweckt.

SLEAZE + Those Who Remain
Da stehen sie, die Leuchtaugen. Viel mehr passiert tatsächlich
nicht mit ihnen.

In einem Motel in der Nähe des US-Städtchens Dormont will Edward seiner Affäre erklären, dass ihr Verhältnis vorbei ist. Es ist keine Menschenseele zu sehen. Stattdessen wird er auf seiner Suche nach Antworten bald mit dem Dunkel des Ortes konfrontiert.

Was anfangs noch den Charme eines interessanten Mystery-Falles samt surrealer Anleihen à la David Lynch versprüht, verkommt bald zu einer sich ständig wiederholenden Schnitzeljagd, deren Plot sich in zunehmend plattem Symbolismus und Schwarz-Weiß-Moralismus verliert, in der Edward sogar selbst einige wenige Entscheidungen ohne interessante Konsequenzen fällt.

Die Auseinandersetzung mit Themen wie Schuld und Tod leidet neben ihrer unfertig wirkenden Umsetzung an einem grundlegend banalen Skript, das versucht, von Schicksalen zu erzählen, aber letztlich nur flache Schablonen anlegt.

Müder Sisyphos

Diese narrative Ebbe liegt auch in der flutartigen Geschwätzigkeit des Spiels begründet. Ständig verliert sich der Protagonist und andere anzutreffende Figuren in schwafelnder Exposition, die der Story ihr restliches Geheimnis raubt und auch den Spielfluss massiv beeinflusst und erlahmt.

Der Titel gaukelt Kombinationsrätsel mit der Umwelt vor, führt dich mit seinen ständigen erklärenden Kommentaren aber an der kurzen Leine durch die verschiedenen Umgebungen, in die du vollkommen zusammenhangslos befördert wirst. Hier entsteht ein seltsamer Zwiestreit.

Einerseits weißt du nämlich in der Regel, was zu tun ist und das zum Teil sogar vor Erkundung des dafür vorgesehenen Abschnittes, da der Hauptcharakter ohne erkennbares Vorwissen weiß, dass er etwa Ventile bedienen muss. Andererseits packt dich das Spiel nicht bei deiner Intuition, sodass die ständige Suche nach den willkürlich platzierten Gegenständen oftmals in einem langweiligen Herumirren ausartet.

So kann es etwa passieren, dass du in einem Raum etliche Spinde durchsuchen musst, weil sich in einem der vielen Schränke der entscheidende Gegenstand versteckt. Those Who Remain ist ein Spiel, das ständig spricht und doch nichts zu sagen hat.

Hier hilft dir auch kaum die logische Herangehensweise an die vor dir liegende Herausforderung, da diese zum größten Teil im bloßen Auffinden eines Items oder eines Hinweises in nicht zusammenfließenden und unglaubwürdig konstruierten Rätselumgebungen besteht. Es ist eine reine Sisyphos-Aufgabe, die Zeit aus dem denkbar schlechtesten Grund verschlingt: Zusammenhangsloses und konsequent mieses Game Design ohne Aha-Momente in einer Welt, die künstliche Level-Grenzen als zu meisternde Hindernisse ausgibt.

Später kommen neben dem exzessiven Suchen noch starre Schleich- und Fluchtsequenzen hinzu, deren Umsetzung aber ebenfalls misslungen ist und teilweise sogar am Rande der Funktionalität stehen. Einmal musste ich beispielsweise in einer Art Labyrinth light insgesamt sechs Löwenstatuen sammeln und korrekt auf drei Podeste verteilen, während ein größeres Monster seine langsamen Kreise durch die Umgebung zog.

Dem Umlegen eines Lichtschalters gleich eine ähnlich einfach erscheinende Aufgabe, deren Ausführung einmal mehr spielerisch torpediert wurde. Abgesehen von der Stumpfheit der eigentlichen Aufgabe selbst war das Schleppen der Figuren ein nerviges Unterfangen.

Sie bremsten Edward nicht nur aus und blockierten das Sprinten, sondern versperrten zudem oft einen Großteil des Sichtfelds. Mir war es nicht möglich, sie in den Händen haltend zu drehen. Freie Sicht hatte ich nur, wenn ich sie ablegte und mein Glück darin versuchte, sie in einem gnadenvollen Winkel aufzuheben.

SLEAZE + Those Who Remain
Verliert in Bewegung schnell an Reiz: Those Who Remain.

Die Gegenstandsphysik entpuppte sich ohnehin als wortwörtliches Hindernis. Als ich einmal durch einen Gang mit tanzenden Möbeln flüchten und dabei Stühle aus dem Weg räumen sollte, starb ich in schlimmster Trial-and-Error-Manier einige Male an der Ausführung. Hierbei ergaben die fummelige, ungenaue Steuerung in Kombination mit der blockierenden Heißer-Draht-Physik eine fast unspielbare Mischung. Manchmal ließ ich die Stühle ungewollt fallen, da das Greifen teils unterbrochen wird, sobald der Gegenstand einen anderen oder eine Wand berührt.

Was bleibt?

Als weiterer Bremsklotz erwies sich das eingeflochtene Thema der Paralleldimension. Wo Spielereihen wie Silent Hill ihrer Geschichte besonders in den früheren japanischen Ablegern dadurch eine zusätzliche atmosphärische und psychologische Ebene verleihen, nutzt Those Who Remain die Reise in eine zweite Dimension lediglich als weiteres Alibi platt entworfener Aufgabenerfüllung, bestehend aus dem bereits erwähnten Suchen oder extrem versimplifizierten Umgebungsrätseln.

Somit entsteht zu keinem Zeitpunkt auch nur irgendein ansprechend gearteter Spielfluss. All die anfängliche Neugier weicht innerhalb der ersten Minuten einer trockenen Routine. Rasch entzaubert sich auch der Horroraspekt mit seiner Dunkelheit als omnipräsenten Bedrohung als durchschaubares und damit kaum mehr bedrohliches Spielelement einerseits.

Der Titel definiert Gefühle von Sicherheit und Stress stets als zwei voneinander abgekapselte und nie zueinander findende Emotionen, die somit nur vorhersehbare Langeweile ohne jegliche Überraschung erzeugen. Andererseits rufen später dazukommende Gestalten in ihrer staksig-stupiden Realisierung eher Gelächter denn Furcht hervor.

Das Geschehen findet denn auch in einem technisch unfertigen Rahmen statt (getestet wurde auf einer Standard-PS4). Zwar gibt es einige optische und vor allem auditive Reize. Besonders die Musik webt manch stimmungsvollen, ambientischen Klangteppich.

Die Grafik leidet jedoch immer wieder unter argen Rucklern in einer zu großen Teilen ohnehin bieder entworfenen Spielwelt, während die zuweilen zu leise Sprachausgabe das Niveau verkrampften Schauspiels nicht übersteigt.

SLEAZE + Those Who Remain
Wenn schon nicht das Spiel, setzen immerhin Stühle zu Höhenflügen an.

Im Grunde trifft Those Who Remain niemals den richtigen Ton, weder spielerisch noch erzählerisch oder technisch. Die zu Beginn interessante Ausgangslage ist nicht mehr als der Auftakt einer schnell müde machenden Reise, die an generischen und dazu schlecht umgesetzten Designklischees und narrativer Oberflächlichkeit leidet.

Alex

Titel: Those Who Remain
Publisher: Wired Productions
VÖ: bereits erhältlich
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch, Microsoft Windows

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