MotoGP 20: Nervenkrieg auf zwei Rädern

MotoGP 20: Nervenkrieg auf zwei Rädern

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Schöne neue virtuelle Welt? Ursprünglich sollte die diesjährige MotoGP-Saison bereits Anfang März in der katarischen Wüste starten. Doch genau wie bei Formel 1 & Co. stehen die Motoren bis heute auf Grund der Corona-Pandemie still.

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An der Tagesordnung: Enge Gefechte zwischen PS-Monstern.

Inzwischen finden sogar Rennen mit Valentino Rossi, Marc Márquez und weiteren Fahrern an der Konsole statt. Auch wir haben den Controller in die Hand genommen und uns Milestone’s MotoGP 20 genauer angesehen.

Knick in der Karriere

Der italienischen und für ihre Renntitel bekannten Spieleschmiede schleppt das Gewicht des jährlichen Veröffentlichungsrhythmus auch in dieser Saison mit. Noch immer leidet die Zweiradhatz an inhaltlicher Oberflächlichkeit.

Wie gewöhnlich stehen einzelne Rennwochenenden, das obligatorische Zeitrennen sowie die komplette Saison des Jahres in allen drei Klassen (MotoGP, Moto 2, Moto 3) sowie einzelne historische Rennen, durch die du neue Fahrer und Motorräder aus der Geschichte des Sports freispielen kannst, zur Verfügung.

Eine Art Herzstück stellt hierbei der Karrieremodus dar, indem du dich mit deinem eigenen erstellten Fahrer und bei Bedarf sogar mit eigenem Rennstall entweder direkt an der Königsklasse MotoGP versuchst oder dich von der kleinsten Hubraum-Klasse bis hin zu den entfesselten PS-Biestern hocharbeitest.

Neben dem eigentlichen Treiben auf den zwanzig offiziellen Kursen findet ein Teil der Karriere im Menü-Management statt: Indem du den Entwicklungsfokus deines Motorrads steuerst, Personal anheuerst und selbiges auf entsprechende Aufgabenbereiche verteilst.

Mich konnte das sterile Umhergeschiebe der Mitarbeiter in der ohnehin staubtrocken präsentierten Karriere allerdings kaum motivieren, da das Spiel seine Stärken auf der Strecke entfaltet.

Überwinde den Frust

Jedenfalls dann, wenn man bereit ist, vor allem als Anfänger die erste Hürde potenziellen Frustes zu nehmen. Selbst mir fiel es als Rennspiel-erfahrener Spieler in den ersten Stunden schwer, eine ansprechende Symbiose aus Erfolgserlebnis und Herausforderung zu finden.
Ein ums andere Mal verfehlte ich den Bremspunkt, landete im Kiesbett oder verlor auf Grund der in diesem Jahr besonders sensibel reagierenden Zweirädler in schnellen Kurven bei weit über 200 km/h die Kontrolle.

Lediglich das anspruchsloseste der insgesamt drei Steuerungs-Setups verwandelt die Maschinen in relativ gut zu zähmende Geschosse, die selbst bei harten und eigentlich sturzfördernden Manövern beide Reifen (aka Augen) zudrücken. Setzt erstmal eine gewisse Sicherheit auf dem Sattel ein und hat man erst einmal den passenden Schwierigkeitsgrad gefunden, ergeben sich aber teils hitzige Rennen bis zur letzten Kurve.
In meiner aktuellen Saison mit dem italienischen Ducati-Piloten Andrea Doviziosi gewann ich zuletzt etwa den spanischen Grand Prix im für seinen Sherry bekannten Jerez de la Frontera.

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Auch im Regen geht’s zur Sache, wenn auch nicht durch dynamische Wetterwechsel.

Immerhin rettete ich die 25 Punkte mit gut zwei Sekunden ins Ziel, doch musste ich während meines zuweilen wilden Ritts manche Schockmomente durchleben, als ich beispielshalber in der rasanten Kurvenkombination vor der letzten Haarnadel den Einlenkpunkt knapp verpasste und gefährlich nah Richtung Kiesbett steuerte.

Bremsen für den Sieg

Ein zu abruptes Abbremsen hätte in dieser Situation höchstwahrscheinlich zum gefürchteten Einklappen des Vorderrads geführt, das sich manchmal nicht anzukündigen scheint. Auch wegen dieser stets mitfahrenden Gefahr liegt ein großer Fokus der diesjährigen Fahrphysik zumindest der mittleren und höchsten Handlingstufe auf der sensiblen Dosierung der Vorderbremse, wobei dir der manuelle Einsatz der Hinterradbremse freisteht.

Besonders bei zugeschalteten elektronischen und auch während des Renngeschehens stets justierbaren Fahrhilfen ist der Beschleunigungsakt dagegen weitaus friedfertiger, wenngleich das zum Ausbrechen neigende Heck oft einen der berüchtigten Highsider anzukündigen scheint, bei dem der Fahrer nach Ausbrechen des Hinterrads vom Motorrad geschleudert wird.

Das Wegrutschen nimmt bei zugeschaltetem Reifenverschleiß auch tatsächlich zu, doch große Gefahr droht vor allem bei fiesen Bodenwellen und bei der Reduzierung oder gar dem kompletten Verzicht der Traktionskontrolle. Dann entwickelt sich jedes Beschleunigen zur chirurgischen Tastenoperation.

Insgesamt gelingt es Milestone, seinen virtuellen Motorrädern spürbares Gewicht zu verleihen, die sich in der Boxengasse auch mit Hilfe deines Technikers konfigurieren lassen. Es ist ungemein befriedigend, zielgenau von weit über 300 km/h herunterzubremsen, sein wackliges Gefährt sanft in die Kurve zu legen und nach präzisem Erreichen des Scheitelpunkts sicher wieder zu beschleunigen.

Die stufenlos einstellbaren KI-Konkurrenten reichen zudem von leicht zu überholenden Sonntagsfahrern bis hin zu nur schwer knackbaren Nüssen. Abgesehen vom zuweilen wuseligen Start erschienen mir die systemgesteuerten Kontrahenten als überwiegend faire Sportsmänner, gegen die selbst enge Rad-an-Rad-Gefechte im dichtgedrängten Fahrerfeld möglich sind.

Schön, dass selbst kleinere Kollisionen einen merkbaren Stabilitätseffekt auf die Beteiligten haben und die Rivalen ebenfalls nachvollziehbare Fehler machen. Kurvenlange Auseinandersetzungen zählen wie in der Realität zu den adrenalingetränkten Höhepunkten dieses Spiels.

Weniger nachvollziehbar ist dabei das optionale Schadensmodell, das sich selbst bei geringen Berührungen in Nachteilen des Fahrverhaltens teils stark bemerkbar macht. Hinzu kommt das Strafsystem mit seinen unverhältnismäßigen Zeitstrafen. Hüte dich selbst in der milderen von zwei Einstellungsmöglichkeiten vor das etwas zu großzügige Abkürzen auf der Kurveninnenseite. Hier unterscheidet das Spiel leider nicht konsequent zwischen dem mutwilligen Verschaffen eines Vorteils oder einem Nachteil, der etwa durch einen Fahrfehler zur ungewöhnlichen Linienwahl führte.

Rahmen mit Rissen

Schade ist ferner das Fehlen dynamischen Wetters, das sich beispielsweise wie bei den Formel 1-Spielen aus dem Hause Codemasters bei eingeschalteter Option während des Rennens verändert und für zusätzlichen Thrill und taktischen Spielraum sorgt.

Zudem läuft MotoGP 20 zwar grundsätzlich flüssig. Der Vollständigkeit halber sei jedoch erwähnt, dass 60 Bilder pro Sekunde (fps, also frames per second) lediglich auf den technisch erweiterten Konsolen PlayStation 4 Pro sowie Xbox One X und den PC (hier sogar bis zu 120fps) trotz einer eher nur zweckmäßigen Darstellung inklusive ständiger Ladezeiten zwischen den Veranstaltungen und in den Menüs möglich sind und auch die Motorengeräusche sicher knackiger hätten klingen können.

In Zweckmäßigkeit übt sich denn auch der Mehrspielerpart, der keine Offline-Splitscreenduelle ermöglicht und online für bis zu zwölf Teilnehmer nur einzelne Rennen ermöglicht. Auf Wunsch können Bots hinzugeschaltet werden.

Auf der Nintendo Switch fehlt der Onlinemodus komplett: Bis zu acht Fahrer können lokal im Adhoc-Modus antreten, wobei das Feld auch hier durch Bots aufgefüllt werden kann.

Mir ist allerdings schleierhaft, warum längere Turniere oder ganze Meisterschaften nach wie vor kein Usus sind und auch hier fehlen. Potenzial zeigt dagegen die Möglichkeit, in die Rolle des Rennleiters zu schlüpfen, der u.a. die Startreihenfolge festlegen und sogar Strafen während des Rennens und danach aussprechen kann.

Was mich zusätzlich stört, ist der Umstand, dass bereits zum Start des Spiels zwei herunterladbare Inhalte gegen Aufpreis erhältlich sind. Das eine verdoppelt für den Karrieremodus wichtige Punkte, während das andere vier historische Fahrer und ihre Motorräder enthält.

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Nicht die Knie kaputtmachen!

Trotz seiner inhaltlichen und technischen Unzulänglichkeiten sorgt MotoGP 20 aber vor allem auf der Strecke dank anspruchsvoller Fahrphysik und einer herausfordernden KI für ein spannendes Rennerlebnis, sofern du eine gewisse Eingewöhnungszeit mitbringst. Ein aufregenderer und geschliffenerer Rahmen hätte dieser virtuellen Variante des faszinierenden Motorsports aber sicher gut gestanden.

Alex

Titel: MotoGP 20

Publisher: Milestone

VÖ: bereits erhältlich

Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch, Microsoft Windows

Wir haben MotoGP 20 auf einer regulären PS4 getestet (viele PS auf der PS 4!)

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