Mit Pubertät auf Zeitreisen: Life is Strange

Mit Pubertät auf Zeitreisen: Life is Strange

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lifeisstrange_SLEAZE2Wir schlüpfen in die Rolle der 18-jährigen Maxine „Max“ Caulfield. Nach einigen Jahren in Seattle zieht diese zurück in ihre Heimatstadt Arcadia Bay, um dort an der Blackwell Academy Fotografie zu studieren. Das Spiel startet wie einer dieser 08/15-Teenie-Filme. Max stellt den typischen Geek dar. Ruhig und zurückgezogen versinkt sie in ihren Tagträumen. Papier fliegt durch die Luft und trifft den Kopf einer Mitschülerin, die grade gemobbt wird. Nachdem man sich ein bisschen mit der Steuerung angefreundet hat, geht es raus auf den Schulflur. Das anfangs geschilderte Klischee bestätigt sich auch hier wieder. Die „coolen“ Rüpel, die einen Jungen zusammenschlagen, Mädchencliquen, die über Außenseiter lästern. Max beschließt sich kurz auf die Mädchentoilette zu verziehen um durchzuatmen. Plötzlich kommt ein verwirrter und nervöser Junge aufs Klo gestürmt, gefolgt von einem Mädchen mit kurzen blauen Haaren. Der Junge bedroht das Mädchen mit einer Waffe und schießt ihr anschließend in den Bauch. Max schreit auf und plötzlich sitzt sie wieder im Klassenzimmer. Was ist da grade passiert?

Mit „Life is Strange“ zeigst uns das französische Entwicklerteam von Dontnod Entertainment ein Adventure-Game im Stil von bereits bekannten Serien wie „The Wolf Among Us“ oder „Walking Dead“. Veröffentlicht wird das ganze unter Square Enix. Wer hier auf der Suche nach epischen Boss-Kämpfen oder Drachen ist, ist hier falsch. Das Spiel beweist jedoch, dass das reale Leben noch viel schlimmer und grausamer sein kann als jeder feuerspeiende Drache. Life is Strange besteht aus fünf Episoden. Die erste kann man sich nun für 4,99 kaufen. Zumindest reingucken sollte also jeder mal. Wie bereits erwähnt befasst sich das Spiel mit dem typischen Teenie-Leben, wie man es aus Filmen kennt. Alles wirkt sehr Klischee-überladen. Das Spiel fackelt aber nicht lange rum und macht dich kurzerhand mit Max bekannt, die die Zeit zurückdrehen kann. Woher diese Gabe auf einmal kommt und wozu diese dient, weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der Schmetterlingseffekt
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Mit einem Rechtsklick dreht Max die Zeit zurück und erlebt Ereignisse aufs neue

Wer einen der „Butterfly Effect“-Filme geguckt hat (der erste ist sehr empfehlenswert), dem dürfte schon klar sein, was kommen wird. Als Schmetterlingseffekt bezeichnet man die Auswirkungen, bei dem die kleinsten Änderungen einer bestehenden Realität alles ins Chaos stürzen könnte. So wird gesagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen könnte, wenn man nur ausreichend viele Ereignisse verändern würde.

Der Klassiker also: Als Max die Zeit zurückdreht um das Mädchen auf der Toilette zu retten, greift sie drastisch in die vorbestimmte Zukunft ein. Was für Veränderungen das mit sich bringt, wird man jedoch erst in den nächsten Episoden feststellen können. Mit Macht die Zeit zurückzudrehen eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Vermasselt man beispielsweise einen Dialog und verärgert dadurch jemanden, könnte man einfach wieder zurückgehen und das Gespräch in eine andere Richtung lenken.

Man kann erkennen, wie sich die eigenen Entscheidungen auf die Zukunft auswirken. Nun könnte man meinen, wenn man mit der Entwicklung nicht zufrieden ist, dann dreht man einfach wieder alles auf Anfang. Ganz so einfach macht es einem das Spiel dann aber doch nicht. Wie bei den Telltale-Spielserien gilt: Allen Recht machen kann man es nie. Jede Auswahl hat ihre Konsequenzen und nicht immer hat man die einfache Wahl zwischen einer guten oder schlechten Entscheidung. Man verändert also aktiv die Zukunft durch seine Entscheidungen. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, die Geschehnisse zurückzudrehen, seien die Vorfälle auch noch so klein. Wir erinnern uns: Schmetterlingseffekt. Verhindert Max z.B., dass die Schul-Security weiterhin auf einer der Mitschülerinnen herumhackt, rettet sie somit ihren Tag, steht jedoch selbst auf der schwarzen Liste des unangenehmen Herrn der Security. Beschließt sie stattdessen ein Foto von der Situation zu machen, hat sie zwar konkrete Beweise für das Mobbing, die Sympathie der Mitschülerin geht jedoch verloren. Wie in anderen Spielen macht man also wieder mal so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Mit einem feinen Unterschied: Man kann in diesem Fall die Entscheidung wieder rückgängig machen.Rewind_burn_1407851743

Sehr praktisch, aber ist das auf Dauer nicht etwas langweilig? Schließlich gehören die schlechten Entscheidungen genauso zum Spiel wie die guten. Das wird sich in den kommenden Episoden rausstellen. Bis dahin werde ich die Episode noch einige Male durchspielen, um die unterschiedlichen Entscheidungen auszutesten. Für die erste Episode habe ich übrigens um die zweieinhalb Stunden gebraucht. Das liegt im guten Mittelmaß für eine Episode. Was mich persönlich stört ist – wie bei vielen anderen Spielen leider auch – die „Kartoffel-Mimik“. Der Mund bewegt sich teilweise wie der eines Nussknackers. Die Reaktionen und Gesichtszüge sind oft gleichzusetzen mit einer „Botox-Maske“.

 

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Chloe’s Stiefvater ist alles andere als sympathisch
Depressionen, Drogen und Gewalt: Die schöne Jugend

Das Ausgangskonzept des typischen Hipster-Teenie-Mädchens mag nicht jeden auf den ersten Blick ansprechen, darüber sollte man jedoch erst mal hinweg sehen. Mittlerweile weiß man, dass das blauhaarige-Mädchen Chloe heißt, die zufälligerweise auch Max‘ ehemalige beste Freundin ist. Durch ein paar harte Schicksalsschläge hat diese einige Veränderungen, sowohl äußerlich als auch innerlich, durchlebt. Chloe stellt also den rebellischen Punk dar, der alles hasst und einfach nur raus aus dem Kaff namens Arcadia Bay will. Statt auf Innovationen wird an dieser Stelle lieber auf die klischeebefleckten Charaktere gesetzt. Im Zusammenspiel mit der Story klappt das aber ganz gut. Man muss jedoch eine klare Grenze zwischen den oberflächlichen Filmen und Life is Strange ziehen. Oberflächlich ist dieses Spiel auf keinen Fall. Im Gegenteil. Im Fokus des Spiels liegen immer die dunklen Seiten der Jugend: Mobbing, Drogen, häusliche Gewalt, Depressionen.
So habe ich beispielsweise am Ende der Episode in der Zusammenfassung festgestellt, dass ich einen drastischen Fehler gemacht habe. Dieser könnte, so schätze ich, später sogar zum Selbstmord eines Charakters führen (ich sage natürlich nicht welchen). Der „Teenage-Dream“ kommt hier also mit einem bitteren Nachgeschmack. Schon die erste Episode hinterlässt einen gewaltigen Eindruck; einen teils verwirrenden, dennoch sehr beeindruckenden. Es ist schwer, jetzt schon über die Geschichte zu urteilen. Die erste Episode war schließlich grade einmal der Einstieg. Über die Gabe selbst erfährt man hier noch nichts. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sich Spiele mit diesen ernsten Themen durchsetzen, nicht zuletzt auch Spiele wie „Wolf Among Us“, das klar Themen wie Depressionen und Rassismus behandelt. Vergleicht man das Ganze einmal mit dem momentanen deutschen Fernsehen (Dschungelcamp) finde ich es recht ironisch, dass die Gaming-Szene immer noch als der „Loser-Verein“ dargestellt wird. Ich persönlich sitze jedenfalls nicht fünf Stunden am Tag vor dem Fernseher und lache, wenn jemand Känguru-Hoden isst. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Life is Strange hinterlässt schon jetzt einen enormen Eindruck auf den Spieler. Mit der Kombination aus dem Ernst des Life_is_strange_SLEAZELebens und den Zeitreisen schafft es Square Enix, einen zu fesseln. Die Charaktere selbst sind bis jetzt nicht sonderlich überzeugend, vor allem Chloe ist einfach noch zu festgefahren in ihrer „Zu-cool für-alles“-Rolle. Da uns jedoch noch vier Episoden bevorstehen, kann sich das alles noch entwickeln. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, mehr über Chloes Schicksal, den riesigen Tornado und die Zeitreisen zu erfahren.

Anne

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