Mit Nisse Hollywood schaukeln

Mit Nisse Hollywood schaukeln

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sleaze.nisse.interview4Als wir es uns mit Nisse auf dem Balkon seiner Plattenfirma bequem machen, gibt er sich zunächst ein bisschen fotoscheu. „Ich war bis fünf Uhr morgens im Studio“, sagt er, „alles ein bisschen unfresh heute.“ Er sagt, er hat Angst, dass seine Sonnenbrille arrogant wirkt, aber wir sagen ihm nicht, dass wir das von Ice Cube & Co schon gewohnt sind. Aus Höflichkeit nimmt er sie dann aber trotzdem ab und platziert einen Energydrink vor sich auf dem Tisch.
An Output und Energie mangelt es dem Hamburger anscheinend kaum, wenn er trotz noch nicht mal erschienendem Album schon wieder fleißig vorm Mikro steht. Und zwar nicht nur morgens um fünf Uhr.

In den letzten Wochen warst du schon ein bisschen unterwegs und hast Konzerte gegeben. Wie war es für dich, auf der Bühne zu stehen?
Voll gut. Ich hab wirklich die perfekte Band. Das sind alles Freunde von mir, Leute, die ich alle schon seit Jahren kenne. Ich musste also niemanden extra anheuern.

Am 26. September spielst du zum Auftakt deiner Tour auf dem Reeperbahn-Festival. Wird das ein Heimspiel für dich?
Ja, ich denke, dass viele Freunde von mir da sein werden. Aber wenn ich Glück hab natürlich auch welche, die mich noch nicht kennen. Vielleicht bisher nur vom Hörensagen. Aber die Hälfte der Leute dort in Hamburg werden bestimmt meine Freunde sein.

Wie war’s für dich in Hamburg aufzuwachsen?
Schön, ich bin im Süden von Hamburg groß geworden. Dort ist es ein bisschen ländlicher, aber mit 17 bin ich auf die Reeperbahn gezogen und dadurch irgendwie relativ schnell erwachsen geworden. Da sieht man schon Sachen, die man nicht kennt, wenn man vom Dorf kommt. Das war schon ein extremer Bruch. Aber ich liebe die Stadt. Die vereint alles. Du hast Gegensätze aus arm und reich und gerade auf der Reeperbahn gibt’s die teuersten Wohnungen, weil du in den Hafen gucken kannst und die Location einfach speziell ist. Aber gleichzeitig sitzen Menschen auf der Straße. Ich mag das, wenn’s echt ist. Wenn man das echte Leben irgendwie spürt und nicht nur so von heiler Welt umgeben ist.

Hat der Süden von Hamburg seinen schlechten Ruf verdient?
Na ja, schwer zu sagen. Wir als die Jugend auf dem Dorf hatten kein Internet wie heute. Hobbys waren Fußballspielen – und dann wurde es schon schwierig. Was machst du auf dem Land? Trecker fahren? Wenn du noch richtig jung bist, dann gehst du durch den Wald, du machst Sport. Aber wenn du in die Pubertät kommst, keine Spielkonsolen hast oder deine Eltern dir so was nicht erlauben und nicht Fernsehen gucken kannst, dann ging’s vielen so, dass sie nicht wussten, wohin mit sich selbst. Da versucht man dann, ein Ventil zu finden. Du wirst von den Eltern nicht verstanden, von den Lehrern nicht, die Schule nervt und der Druck von dem, was danach auf dich wartet – ich glaube das ist für viele zu viel. Da sucht man sich Sachen, um sich ein bisschen auszutoben. sleaze.interview.nisse

Wie habt ihr euch also die Zeit vertrieben?
Es gab zum Beispiel relativ klassisch diese Opel-Gangs. Dass man sich ein Auto kauft und dann tunet, wie man das von anderswo auch kennt. Und dann trinken. Ich hab nie getrunken, das war irgendwie nichts für mich. Bestimmt hat man im Großen und Ganzen dann doch irgendwie eine gute Zeit für sich selber, aber da war schon viel irgendwie mit Schlägereien und Leuten, die sich dann irgendwie nicht mehr unter Kontrolle hatten. Aber ich hab mich von den meisten Sachen, die Ärger gebracht haben, ferngehalten. Ich war schon immer eher der Beobachter. Zum Glück haben wir irgendwann die Musik gefunden. Bloß war die Auswahl von Musik damals ja auch noch anders.

Und zwar?
Also, es gab vielleicht irgendeine Hip-Hop-Show abends um halb 12, aber wenn du 15, 16 Jahre alt bist, dann bist du trotzdem nicht in der Lage, das zu gucken. Ich war’s nicht. Dann musstest du hoffen, dass vielleicht irgendwer von deinen Freunden das aufgezeichnet hat, deren Eltern lockerer waren. Oder nicht zuhause. Und dann bist du hingegangen, um ein bisschen was mitzubekommen von der Welt, die dich gerade interessiert.

Wie ging es für dich dann vom Land auf die Reeperbahn?
Mein Nachbar und damaliger bester Freund ist dort hingezogen, weil er wen kennengelernt hatte, dem die Wohnung gehörte. Hatten auch das Studio da. Und dann bin ich mit da hingezogen, wollte auch vom Dorf weg. Hab direkt bei der Davidswache gewohnt.

Stimmt das also mit dem Ausblick aus eurer Wohnung direkt in die Herbertstraße?
Ja. Wir haben über einem Puff gewohnt. Direkt unter uns war ein Bordell für philippinisch-vietnamesische Prostituierte. Die Pinoy Bar in der Davidstraße. Wenn du da lang gehen solltest, ist da immer noch so ein Schild vom Erotic Art Museum um die Ecke. Ich hab direkt über dem Schild gewohnt. Wir konnten auch immer schräg in die Bordelle auf der anderen Straßenseite reinschauen.

Zwischenzeitig hast du auch einige Zeit in England verbracht. Wie kam’s dazu?
Das war, als ich 14 war. Ich bin dort zur Schule gegangen, zu so einer richtigen Ganztagsschule mit Uniform. War eine christliche Schule, aber es war super. In meiner Jugend eigentlich die schönste Zeit, weil ich die Mentalität der Engländer total mochte, zu mindest von denen, bei denen ich dort gelebt habe. Auch die Art von Freundschaft, immer für den anderen einzustehen und immer für einander da zu sein, das mochte ich schon sehr.

War’s nicht schwer für dich, deine Freunde in Deutschland zurückzulassen?
Irgendwie nicht. Die Schule in Deutschland hat mir auch nicht gefallen. Ich hab immer Probleme gehabt. Wahrscheinlich war ich immer aufmüpfig und hab die falschen Fragen gestellt. Ich wollte immer mehr wissen, als in den Büchern steht und wenn man dann merkt, dass die Lehrer es auch nicht wissen, dann nervt die das und man fängt an, da so Reibungspunkte zu entwickeln.

Warum seid ihr also nicht in England geblieben?
Das war nur so kurz geplant. Ich rechne meiner Mutter das auch hoch an, uns noch mal so eine andere kulturelle Sicht kennenlernen zu lassen. Mein Englisch war in Deutschland vorher auch richtig schlecht. Dann kommst du zurück und schreibst nur noch einsen und weißt manche Sachen besser als dein Lehrer. Und dann hat man wieder Reibungspunkte.

Wie ging es denn nach der Schule in Hamburg für dich weiter?
Ich hab nach der Realschule eine Ausbildung angefangen, aber wieder abgebrochen nach ’nem Jahr. Weil’s nichts für mich war. Hab dann ein Jahr rumgehangen, wie’s bei vielen Leuten irgendwie ist. Wusste nicht, was ich machen wollte, außer, dass ich irgendwie Musik machen wollte. Aber das kam zu der Zeit nicht in Frage und es war auch nicht gut genug. Das war mir schon bewusst. Ich wollte es die ganze Zeit machen, aber wusste auch, dass mir bestimmte Mittel fehlten. Vielleicht hab ich Talent, vielleicht hab ich auch nur viel gearbeitet. Als es dann kein Geld mehr gab und ich Probleme bekam, Sachen bezahlen zu können, hab ich mit Zeitarbeit angefangen. Weißt du, was Zeitarbeit ist? Da ist anstrengend noch milde ausgedrückt. Du stehst nachts von 12 bis 11 Uhr morgens am Fließband in der Fischfabrik oder am Hafen und lädst irgendwelche Container aus Asien aus, die total verstaubt sind und hast auch keinen Atemschutz. Du bist die ganze Zeit nur am Schleppen. Ich war alles, was man gefühlt die Unterschicht nennen würde. Das letzte Ende der Nahrungskette der Gesellschaft. Der letzte Mensch, der noch arbeitet. Bis auf Klomann war ich glaube ich alles, was man nicht gerne sein möchte.

Gab’s da für dich keine Alternative?
Irgendwie nicht. Es war schlimmer, mir vorzustellen, ich geh in ein Unternehmen und muss mich selbst belügen, hier hätte ich Perspektive. Also, wenn ich eine Ausbildung mache, dann bin ich dort für zwei bis drei Jahre gefangen und muss dann auch an dem, was ich gelernt habe, im besten Fall anknüpfen. Von da geht dann der Arbeitsweg los. Aber die Arbeit dort war mir viel angenehmer als das, obwohl’s die viel härtere Arbeit war. Von den Leuten her. Weil niemand dachte, er wäre was Besonderes. Es gab einen Typen, der hat gesagt, du gehst jetzt an das Fließband und machst das drei Wochen. Und dann war der weg. Es gab niemanden, der dir da ständig über die Schulter geschaut hat wie bei einem Auszubildenden und keine unzufriedenen Leute, die ihren Frust an dir auslassen. Das gibt’s relativ häufig. Und ich hätte jederzeit kündigen können. Ich hätte nur gucken müssen, wo das Geld herkommt. Aber obwohl’s einen sehr eingenommen hat und man am Schluss echt fertig war, war man trotzdem frei und man hatte keine Verpflichtungen. Man wusste, man könnte am nächsten Tag einfach irgendwo hingehen und musste sich auch nicht rechtfertigen. Es war wie das Gehirn auszuschalten. Keine besonderen Aufgaben außer sich körperlich anstrengen, da war der Kopf frei. Immer die gleichen Bewegungen. In der Zeit hab ich auch immer nebenbei Texte geschrieben. Der Kopf war leer, aber leer im Sinne von offen für Neues. Da hab ich die besten Ideen gehabt.

Wie kam der Entschluss, trotzdem wieder Ausbildung zu machen?
Ich hab festgestellt, was ich machen möchte oder was mir was bedeutet. Bzw. als ich dann zweieinhalb Jahre Zeitarbeit gemacht hab, hab ich währenddessen immer mehr gemerkt, was die Musik mir bedeutet. Hab dann sleaze.nisse.ivgedacht, wenn ich mir irgendwie eine Art von Sicherheit selber erarbeiten möchte, dann muss es schon in dem Bereich sein, dass ich es mit Musik verbinden kann. Also hab ich eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien gemacht. Was ich dort machen musste, war alles relativ unsexy. Das darf man hier nicht sagen, weil das hier ja alle machen. (lacht) Aber wenn man Themen macht, die man liebt, dann gehört das halt dazu. Das ist wie: Ich mag Essen, aber muss ja trotzdem kochen. Oder ich mag kochen, aber muss ja trotzdem einkaufen gehen. Es gibt immer einen Weg, der zu dem führt, ab wenn man wirklich in den Genuss kommt. Ich wusste, es führt für mich zu einer Sache, die mich weiterbringen wird.

Also hast du dich zu dem Zeitpunkt schon in der Perspektive des Künstlers gesehen?
Ja, oder wenn das nicht klappt, dann dass ich zumindest jemand bin, der anderen Künstlern hilft und fördert und berät.

Als du dir damals deine Notizen gemacht hast, war dir da schon klar, dass es Songs werden?
Hab nicht drüber nachgedacht. Hab wirklich nur geschrieben, hätte auch Müll sein können. Aber weil ich Musik gemacht hab, war das schon mit dem Gedanken im Hintergrund. Aber ich hab schon Sachen noch irgendwo, die sind einfach nur Texte. Die klingen auch besser, wenn sie einfach nur Gedichte sind.

Woher nimmst du jetzt deine Inspiration, wenn du die schwere Arbeit hinter dir gelassen hast?
Schon immer noch aus der Zeit und aus den Sachen, die man erlebt. Es passiert ja jeden Tag was Neues. Offen dafür sein, sich nicht verschließen. Es gibt Leute, die gehen sehr systematisch an Dinge ran, da landet man dann schnell bei diesen Liebesliedern, die dieses Wir-Gefühl rüberbringen. Aber da gibt’s so viel mehr. Von den 13 Songs meiner Platte sind bestimmt auch zehn Liebeslieder, aber jedes zeigt ’ne andere Perspektive von Liebe. Das ist endlos, das kann auf so vielen Ebenen passieren. Manchmal sind das auch Geschichten von Freunden.

Du hast schon früh viel die Musik der 80er und 90er gehört, war das für dich eine Orientierung?
Eigentlich hab ich mich nicht daran orientiert, eigentlich hab ich einfach nur gehört. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen. So was machen wie Michael Jackson – das könnt’ ich gar nicht. Für mich ist das so einer wie von Gott gesandt. Als ob der fliegen könnte. Dann stellst du dich zum Beispiel an ’nen Abhang und springst da runter, das kannst du 20mal probieren, aber eigentlich merkst du schon vorher: Ich glaub, das wird nix.

Bezeichnest du dich also eher als Realisten?
Na ja, schon als Optimisten eigentlich. Ich denk, es gibt Situationen, die könnten mich einschränken, weil ich etwas nicht kann. Das würde ein Realist sagen. Wenn ich sag, ich kann’s nicht, weil ich nicht schwarz bin oder als Kind nicht zu Gesangstunden geprügelt wurde, dann wäre ich wahrscheinlich eher ein bisschen deprimiert an die Sache ran gegangen. Also optimistisch bis realistisch: Ich kann das nicht, aber ich kann einen Weg finden. Ich sehe etwas, was selber für mich nichts ist, aber finde dann etwas, was eine gleichwertige Schönheit für mich hat.

War Michael Jackson trotzdem ein Vorbild für dich?
Vorbild ja, aber er war viel zu krass ist, um ihm nachzueifern. Das kann man gar nicht vergleichen. Verschiedene Künstler haben mich fasziniert, weil sie mutig waren, Rückschläge in Kauf genommen haben und sich nicht haben beirren lassen. Aber noch größer als die Person waren für mich immer die Musik und Leute, die nicht dem Idealbild entsprechen vom hübschen Menschen, der hübsch singen kann. Wenn du nicht das Aussehen hast und nicht die Begabung, wenn jemand nicht so die Gabe oder das Talent mitbekommen hat, gleichgut wie irgendwer anders zu klingen, bist du vielleicht beschränkt, aber findest daraus deinen Weg und lässt dich nicht entmutigen. Das hat mich immer viel mehr beeindruckt.

Und so siehst du dich dann anscheinend selbst auch?
(lacht) Ja. Nicht so richtig hübsch. Genau. Und nicht so richtig begabt. (lacht)

sleaze.nisse.interviewWenn du neugierig geworden bist, was Nisse demnächst zum bescheidenen Tausch gegen Ruhm und Anerkennung (und ein bisschen Geld) anbietet, dann kannst du da unten schon in sein mittlerweile vollständiges Kurzfilmchen reinschauen, das Nisse zusammen mit Justin Izumi aus den einzelnen Musikvideos zum Album „August“ zusammengebastelt hat. Und wenn du dir noch keine Tickets für Nisses Tour gesichert hast, dann solltest du mal fix an unserer Verlosung teilnehmen!
Laurie

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