Mit Leib und Seele

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Ab wann ist man noch schlank oder schon dünn? Diese Frage lässt sich bei dem Anblick der Französin Isabelle Caro schnell beantworten. An ihr hängt die Haut wie XL-Kleidung an einem Kleiderständer. Jeder ihrer Knochen ist sichtbar und ihr eingefallenes Gesicht lässt ihre Augen übergroß erscheinen. Beinahe comicartig und unrealistisch wirkt Isabelles Erscheinung. Kaum vorzustellen, wie sie sich tagtäglich in der Pariser Metro an den Menschenmassen vorbeidrängt. Wo doch schon jeder kleinste Windstoß eine Gefahr für sie darzustellen scheint.

Das in unserer heutigen Gesellschaft Hüftgold nicht zum Schönheitsideal zählt, ist spätestens seit Kate Moss jedem klar. Was in der Fashionszene seinen Anfang fand, ist längst weltweit in den Kinderzimmern der Mädchen und Jungen angekommen. Da werden die Kalorien gezählt und auf sogenannten „Thinspiration-Seiten“ werden die Ziele gesteckt. Je schlanker, desto besser sind die Chancen ganz groß rauszukommen. So der Glaube.

Bild 03_SEHT MICHT VERSCHWINDEN ©Kiki Allgeier

Auch Isabelle wurde durch ihren Körper und ihr kaum vorhandenes Gewicht bekannt. Der italienische Fotograf Oliviero Toscani startete 2007 eine Fotokampagne zum Thema Anorexie. Isabelle stand dafür Modell. Wie die Fliegen stürzten sich die Medien auf Isabelle. Allen voran labte sich der Sender RTL an Isabelles Schicksal. Wie ein Tier im Zoo präsentierten sie Isabelle in ihrem abendlichen Boulevard Programm.

Die Doku „Seht mich verschwinden“ begleitet dieses traurige Schauspiel und gibt Einblick in das bizarre Leben von Isabelle. Was zunächst als Kurzfilm geplant war, entwickelte sich nach Isabelles Tod 2010 zu einem längeren Projekt. Eine Collage aus Kinderfotos und Isabelles Videotagebuch zeigt das Bild einer von Zweifeln zerfressenen Frau, deren Leben seit ihrer Kindheit nur aus Vorgaben und Verboten bestand. Im Vergleich zu den vielen Fernsehteams gibt die Regisseurin Kiki Allgeier Isabelle Raum sich auch mal ohne direkten Bezug zu ihrer Krankheit zu präsentieren. Natürlich lässt es Isabelles knochige Erscheinung kaum zu, die Krankheit komplett auszublenden. Kiki aber gelingt es, hinter die magere Fassade dieser jungen Frau zu schauen. Ganz offen und unverblümt spricht sie über ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer an Depression erkrankten Mutter und ihrem Wunsch, als Schauspielerin erfolgreich zu werden. Von ihrer Krankheit selbst spricht sie nur selten.Bild 07_SEHT MICHT VERSCHWINDEN ©Kiki Allgeier

Trotzdem bleibt die Magersucht ein wichtiger Teil dieses Films und vor allem für Isabelle ist diese Krankheit ihr Lebensinhalt. Das klingt paradox und das ist es auch, denn Isabelles Medienpräsenz beruht allein auf ihrer Magersucht. Es bleibt unklar, ob Isabelle dies bewusst ist und so sorgt ihre offensichtliche Freude an der Aufmerksamkeit der Medien für einen bitteren Beigeschmack.

„Seht mich verschwinden“ ist das traurige Überbleibsel von Isabelle und stellt den gesamten Schönheits- und Magerwahn einmal mehr in Frage.

Mareike

Titel: Seht mich verschwinden
Regie: Kiki Allgeier
VÖ: 09.07.2015
Dauer: 87 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih

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