Midsommar: Ein albtraumhaftes Sommerfest

Midsommar: Ein albtraumhaftes Sommerfest

TEILEN
SLEAZE + Midsommar
Es wird alles gut! Oder?

Es war ein eindrucksvolles Zeichen, dass der Film irgendetwas richtig gemacht haben muss. Zwischenzeitlich spürte ich ein inneres Beben bei der Vorstellung von Midsommar.

SLEAZE + Midsommar
Das Tor in eine andere Welt.

Der neuste Film von Ari Aster, der 2016 sein eindrucksvolles Spielfilmdebüt Hereditary vorlegte, ist ein knapp zweieinhalbstündiger Wahnsinnstrip. Der vom Regisseur ursprünglich angefertigte Director’s Cut geht sogar fast drei Stunden.

Vor strahlend heller Sommerkulisse begegnen wir dem Grauen nicht im Unbekannten der Dunkelheit, sondern ausgeleuchtet im sonnendurchfluteten Fremden. Lange nährt sich der Horror sogar vielmehr an den eigenen Normvorstellungen als im grenzüberschreitenden Schaudern von Tod und Verderben. Dann folgt der Bruch in den absoluten Albtraum, der mich noch immer zweifeln lässt.

Midsommar erzählt vom problemgeschüttelten jungen Paar Dani (Florence Pugh) und Christian (Jack Reynor), die mit Freunden nach Schweden reisen, um an mehrtägigen Festlichkeiten zur Sommersonnenwende teilzunehmen. Es ist eine Reise in eine bunte und mythische Welt, die sie mit offenen Armen und bewusstseinsverändernden Substanzen empfängt.

Die ausgelassene Stimmung bei der Ankunft ist ein krasses Gegenbild zur eingangs erzählten Dunkelheit in vor allem Danis Leben. Die Sonne geht zu jener Zeit niemals ganz unter und doch blicken die Amerikaner bald in die Augen einer abgründigen Finsternis.

Wo Kulturen aufeinanderprallen

Tun sie das wirklich? Den Film empfinde ich bis zu einem gewissen Punkt vor allem als ein Aufeinanderprallen der Kulturen, in denen völlig andere Vorstellungen von Gemeinschaft, Tod und Sexualität unvorbereitet ineinanderkrachen.

Nicht selten wurde Midsommar auch als Komödie bezeichnet und in der Tat mögen manche Rituale archaisch und seltsam für den von der Schnelllebigkeit moderner Industriegesellschaften geprägten Menschen erscheinen. Eben jener mentaler „Culture Clash” verleiht Midsommar über weite Strecken höllische Würze.

Das Albtraumhafte und zuweilen Komische speist sich lange Zeit aus der eigenen Begrenzheit im Angesicht des Ungewohnten und dem eigenen Unverständnis gegenüber dem Anderen. In einer besonders einprägsamen Sequenz werden wir Zeuge dessen, was es bedeutet, in der kommunenartigen Gesellschaft zu sterben.

Ein in der Gemeinschaft verankerter Zyklus hat sein Ende und damit einen definierten Todeszeitpunkt erreicht. Mit Entsetzen reagieren die Fremden auf das Fremde. Mit einem mindestens ebenso großen Entsetzen mag die naturnahe Gemeinde womöglich auf die moderne Praxis aus zum Teil erzwungener Lebenserhaltung mit ihren Altenheimen und Medikamentencocktails blicken.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist nur eines von vielen Beispielen, die besonders eindringlich zeigen, dass Midsommar in erster Linie ein tiefer Blick in den hauseigenen Spiegel ist, zumal der Streifen eine augenscheinlich intakte und auf Gemeinschaft, Familie und Freundschaft ausgerichtete Gemeinschaft zeigt.

SLEAZE + Midsommar
Abenteuer warten – wenn auch andere als gedacht.

Sie lebt und liebt, teilt und stirbt gemeinsam. Es ist ein sehnsuchtsweckender Gegenentwurf zur urbanen Isolation und dem Auseinanderbrechen von Familien und Liebesbeziehungen in modernen, postindustriellen Gesellschaften.

Das Ende der Freiheit

Dann erreicht und überschreitet Ari eine Grenze, indem er vielleicht nicht bewusst, im Mindesten aber unbewusst Stellung bezieht. „Liebe ist das Kind der Freiheit, niemals das der Beherrschung”, hat Erich Fromm einmal geschrieben. Midsommar avanciert zu einer Geschichte des Beherrschens.

Denn unter all den farbenfrohen Festivitäten versteckt sich ein Kult des Zwangs, dessen Eigenheiten allein bis auf Ausnahmen noch nicht problematisch sind. Die Krux ist sein Diktat und die damit einhergehende Freiheitsberaubung seiner Besucher.

Sie werden in einen Sog aus substanzgefördertem Rausch, Sex, Tod und einer daraus folgenden Konfrontation mit den eigenen seelischen Kämpfen geworfen und erfasst. Als Zuschauer erleben wir diesen Abstieg in die sommerliche Hölle besonders an der Seite von Dani.

Dieser Part ist nur noch oberflächlich gesehen ein Miteinander, vor allem aber ein Gegeneinander, das für mich deutlich im Wettstreit stehende Kräfte aufeinander loslässt. Es geht für manch Beteiligte ums nackte Überleben, wobei Dani immerhin zunehmend eine zwiegespaltene Rolle einnimmt.

Abtauchen ins Helle

Aris Stammkameramann Pawel Pogorzelski taucht die Ereignisse in sommerlich erhellte und frische Bilder, lässt die Kamera regelrecht mittanzen und beobachten und bleibt nah und gleichsam fern am Geschehen. Seit dem Liebesdrama Call Me by Your Name (2017) war der Sommer für mich nicht mehr so greifbar auf der großen Leinwand.

Zudem feuert der Score von Bobby Krlic aus allen Rohren und bettet das Albtraumfestival der Sommersonnenwende in verträumte, kribbelnde und aufpeitschende wie sehnsuchtsvolle Klangwelten ein.

Es bleiben aber Zweifel ob der erzählerischen Bruchstellen, die den schwedischen Kult zu einer Art allzu klaren Gegenspieler machen. Gleichzeitig aber ist das Erlebnis Midsommar ein wuchtvolles, das in seinen stärksten Momenten ganz nah nicht nur an den inneren und zutiefst menschlichen Konflikten seiner Hauptfigur Dani ist.

SLEAZE + Midsommar
Es wird alles gut! Oder?

Der Film blickt uns dann selbst mit eindringlichem Blick an und stellt uns vor existenzielle Fragen, sodass auch brutal und bizarr Wirkendes sowie der Schlusspunkt in gewisser Hinsicht ambivalent bleiben.

Und so erzählt er nicht nur von einer albtraumhaften Entität, die es zu überwinden gilt. Er erzählt von den Albträumen unseres Selbst.

Alex

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen