Menschenrechtsverbrechen gegen den Anstand – Der Diktator

Menschenrechtsverbrechen gegen den Anstand – Der Diktator

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In Loving Memory of…” erscheint auf der Leinwand. Abblende. Und dann: Das dicke Schweinegesicht des exzentrischen und mittlerweile toten Diktators von Nordkorea, Kim Jong Il. „What the f…?“ ist der erste Gedanke. Aber ja, so beginnt “Der Diktator” und gibt den Tenor der verbleibenden 80 Minuten an.

Sascha Baron Cohen (Ali G, Brüno, Borat) ist wieder da. Diesmal in Gestalt des mindestens genauso exzentrischen und leicht verblendeten Diktators des (fiktiven) Wüstenstaates Wadiya: General Admiral Aladeen. Ein Stolzer Despot und Unterdrücker von Millionen. Und nach dem Fall seiner Kollegen Gaddafi, Bin Laden und Saddam Hussein einer der letzten seiner Art.

Da die UN wachsenden Druck auf die Offenbarung seines (natürlich friedlichen) Atomprogramms ausübt, entschließt sich Aladeen, nach New York zu reisen und in einer prunkvollen Ansprache sämtliche Zweifel sich betreffend aus dem Raum zu schaffen. Kaum angekommen wird er jedoch Opfer einer Verschwörung und verliert Bart, Reichtum und Macht. Mit dem Ziel endlich die Demokratie in Wadiya zu etablieren und das Land ökonomisch zu öffnen, wird der Diktator schließlich gegen einen grenzdebilen und ziegenliebenden Doppelgänger ausgetauscht. Zum Glück trifft der entmachtete und sichtlich angeschlagene Despot jedoch auf die politischen Aktivistin, Feministin und Betreiberin eines Bio-Supermarktes Zoe (Anna Faris). Unterstützt von Aladeens ehemaligem Atomprogramm-Chef Nadir versuchen die beiden von nun an, die Verschwörung aufzudecken und geraten in allerlei (grenzwertige) Schwierigkeiten. So viel zur Handlung.

Eins lässt sich auf jeden Fall sagen: Sascha Baron Cohen ist genauso politisch inkorrekt und unterhaltsam wie eh und je. Die Kulisse und die Ausstattung ist noch aufwändiger als in den bisherigen Filmen; der (oftmals etwas fragwürdige) Humor ist teilweise sehr derbe und von Zeit zu Zeit bleibt dem Einen oder Anderen das Lachen wohl im Hals stecken. Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Werken „Borat“ und „Brüno“ handelt es sich bei dem aktuellen Machwerk allerdings um einen Spielfilm und keine Mockumentary (Fake-Dokumentation). Und genau das ist das Problem. Auch wenn hier wieder nicht gänzlich auf System- und Gesellschaftskritik verzichtet wird, liegt der Fokus von „Der Dikator“ auf simpler Mainstream-Unterhaltung. Die bisher so groteske (weil reale) Aussagekraft und der Charme der Vorgänger kommt hier eindeutig zu kurz. Während der bitterböse und gnadenlos überzogene Anfang noch recht vielversprechend daherkommt, wandelt sich der Streifen mit zunehmender Zeit zu einem Festival für Freunde des unter der Gürtellinie liegenden Humors, inklusive der obligatorischen Pipi-Kacka-Witze und Haudrauf-Comedy. Ohne Zweifel unterhaltsam, aber mitunter recht flach.

Nichtsdestotrotz ist das Thema, der Umgang der Weltöffentlichkeit mit repressiven Systemen und Despotismus, im Kern natürlich ein sehr Ernstes. So ist „Der Diktator“ teilweise ziemlich realistisch und macht auf seine überzogene Art auf globale Missstände aufmerksam. Egal ob „Ein-Kind-Politik“ in China oder der heuchlerischer Demokratie-Anspruch der USA. Das ist auch der Grund dafür, dass man sich nach dem einen oder anderen Gag dabei erwischt, wie man nachdenklich wird. Ob diese Art von Zweck auch die von Cohen verwendeten Mittel rechtfertigt, wissen wir auch nicht.

Aber eins können wir nach etwa 80 Minuten sagen: „Der Diktator“ ist lustig; wenn auch etwas abgeschmackt. Und auch wenn er zu unterhalten weiß, schafft es der Film leider nicht, an den grandios-provokativen Charakter seiner Vorgänger anzuschließen. Durch den nur minimal vorkommenden Realitätsbezug eines Spielfilms fährt auf lange Sicht nämlich die größte Stärke der bisherigen Cohen-Filme gegen die Wand: Die Kritik am Umgang unserer modernen Gesellschaft mit eigentlich sehr ernsten Problemen. Wie seinerzeit Charlie Chaplin’s „Der Große Diktator“ ist auch Cohens Film eine Persiflage auf die traurige Realität; nur eben im bitterbösen und etwas flachen Popcornkino-Format.

Christoph

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