Megan Ellison rockt Hollywood

Megan Ellison rockt Hollywood

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2013 bezeichnete Vanity Fair sie als „Mega-Produzentin“, zwei Jahre später nannte sie der Hollywood Reporter „Millennial-Mogul“. Die 31-jährige Megan Ellison ist die derzeit hochgehandelste Filmproduzentin Hollywoods. 2011 gründete die Kalifornierin das unabhängige Studio Annapurna Pictures, das bereits in ihrem ersten Jahr eine beeindruckende Filmografie aufweisen konnte. So produzierte Megans Firma John Hillcoats Kriminaldrama Lawless, Paul Thomas Andersons hypnotischen The Master, den von Andrew Dominik inszenierten Neo-Noir-Thriller Killing Them Softly sowie Kathryn Bigelows vor dem Hintergrund der Jagd auf Osama bin Laden stattfindendes Agentendrama Zero Dark Thirty.

SLEAZE + Megan Ellison
Egal, ob Killing Them Softly…
Bis an die Spitze, ein Novum

Weitere hochrangige Namen fügten sich in den Folgejahren ein in die Reihen ihrer Profiteure, darunter Wong Kar-Wai (The Grandmaster), David O. Russell (American Hustle), Bennett Miller (Foxcatcher) und Richard Linklater (Everybody Wants Some!!). Der Namensursprung ihres Studios erscheint fast schon wie ein Omen, wenn man den Werdegang ihres Unternehmens betrachtet: Dieser leitet sich vom Berg Annapurna in Nepal ab, welcher wiederum auf der hinduistischen Göttin Parvati basiert, die für Fruchtbarkeit, Liebe, Hingabe und Kraft steht. Annapurna und somit Megan selbst avancierte binnen weniger Jahre nicht nur zur ernsten Anlaufstelle diverser Filmschöpfer, sondern machte mit dem jüngst gestarteten Detroit, einmal mehr von Kathryn Bigelow in Szene gesetzt, einen weiteren Schritt Richtung A-Player (falls sie in der obersten Liga nicht ohnehin schon angekommen ist).

Denn das Drama um den so genannten Algiers Motel Incident während der Unruhen in „Motown“ 1967 markiert für Annapurna eine Zäsur. Erstmals in ihrer Geschichte vertreibt die Firma einen mitproduzierten Film auf eigene Faust in den USA – MGM und Entertainment One kümmern sich um den internationalen Release. Megan ist somit die erste Frau mit totaler Kontrolle über ein Hollywood-Studio. Dass ihr rasanter Aufstieg in die obersten Prestige-Sphären des amerikanischen Films erst durch ihren Vater Larry Ellison, Mitgründer des Softwareunternehmens Oracle und laut Forbes fünftreichster Mensch der USA und siebtreichster des Planeten, maßgeblich gefördert wurde, verkommt angesichts ihres von vielen Seiten bescheinigten passionierten Arbeitsethos fast zur Nebensache. Verschiedene Quellen sprechen von einem Startkapital von 200 Millionen Dollar inklusive ähnlicher darauffolgender Summen bis hin zu einer mit zwei Milliarden Dollar gefüllten Finanzspritze – laut einem Sprecher Megans sei keine der Beträge korrekt (via Vanity Fair).

Tausche Büro gegen politische Unruhe

Ganz gleich, mit welchen Beträgen Megan auch gefördert werden mochte: Geld allein machte Annapurna Pictures nicht zu dem angesagten Filmmekka, das nun hell am Filmfirmament leuchtet. Atlas Entertainment-Mitgründer Charles Roven brachte es auf den Punkt, als er vor einigen Jahren sagte, dass Megan angesichts ihres Reichtums einfach die Deals eintüten, das Geld verschicken und auf die Premieren gehen könnte. Stattdessen aber tummelt sich die Produzentin auf den Filmsets herum und tweetet – wie im Fall von Zero Dark Thirty – von produktionslähmenden Sandstürmen und der Flucht von einem Drehort wegen Unruhen: „Wir mussten eben unsere Location aufgeben wegen einem anti-pakistanischen Aufruhr in Indien.“

SLEAZE + Megan Ellison
…The Master…

Gleichsam verbringt sie Zeit mit ihrem Cast und ihrer Crew, berichtet etwa vom gemeinsamen „Gelaufe“ mit Spike Jonze (Her) in Shanghai und „Abhängen“ mit Wong Kar-Wai. Schauspieler Jason Clarke, in Zero Dark Thirty als CIA-Mitarbeiter zu sehen, sagte über sie: „Megan war so großzügig, sie hat immer dafür gesorgt, uns mit einer guten Flasche Wein bei Laune zu halten.“ An manchen Abenden habe sie an der Tür seines Hotelzimmers geklopft und gesagt: „Ich kann nicht schlafen, und du?“ Sie seien dann gemeinsam aufs Dach für einige Gin Tonics gegangen und hätten über die Stadt geblickt. „Sie hatte dieselbe wundervolle Naivität, die auch ich hatte, dass wir an diesem unglaublichen Ort waren und diesen unglaublichen Film machten: ‚Mann, das ist es! Das ist es, was wir in unserem Leben immer machen wollten’“, so Jason.

Entschlossen hoch hinaus

Gleichsam zeichnen Beteiligte das Bild einer jungen Frau, die weiß, was sie will. Killing Them Softly-Regisseur Andrew Dominik hat einmal über sie gesagt: „Sie wird nicht mit dir streiten, aber sie wird machen, was sie will.“ Als die Produzentin (und Regisseurin Kathryn Bigelow) unbedingt Jessica Chastain für die Hauptrolle in Zero Dark Thirty engagieren wollte, habe sie den Deal eigenhändig eingefädelt. „O.K., Wir haben diesen Film und Kathryn Bigelow will dich. Wir haben uns an deinen Agenten gewandt und uns wurde gesagt, du seist beschäftigt. Ich kann das nicht als Antwort akzeptieren,“ erinnert sich Jessica an die an sie gerichteten Worte Megans.

Und sie ist willig, mit Annapurna Pictures weitere Wege zu gehen. 2016 berichtete die L.A. Times vom Kauf von fünf Grundstücken in West Hollywood für ihre Firma – Kostenpunkt: 40 Millionen Dollar. Wenig später heuerte sie mit Sue Naegle die ehemalige Unterhaltungschefin des US-Senders HBO (Game of Thrones) für die Spitze einer eigenen Fernsehabteilung an. Erst im Frühjahr 2017 landete sie überdies eine Drei-Jahres-Vereinbarung mit Brad Pitts Produktionsfirma Plan B (Moonlight). Mit den Big Players Sony, Warner Bros., Fox und Universal befindet sich Annapurna außerdem im Rennen um das James Bond-Franchise. Zudem empfiehlt sich ihr Studio mit einer u.a. von Sony-Designern betriebenen Interactive-Sparte erfolgreich im Videospielsektor und vertreibt die gelobten Games What Remains of Edith Finch und Gorogoa sowie die iOS-Variante von Flower.

SLEAZE + Megan Ellison
…Foxcatcher…
Gewitterwolken am Hollywood-Himmel

Trotz ihres enormen Arbeitspensums gibt es vergleichsweise wenige ernsthaft kritische Stimmen zur Person Megans, die keine Interviews gibt, Anrufe verschiedener Seiten oftmals ignoriert und generell für ihren scheuen Umgang mit der Presse bekannt ist. Zwar war in dem eingangs erwähnten, Anfang August dieses Jahres erschienenen Feature des Hollywood Reporter die Rede von einer „manchmal impulsiven“ Frau, die damit Beziehungen mit den Filmemachern, die so zuvor „beharrlich umworben“ hatte, riskiere. Im selben Atemzug hieß es dann allerdings, dass es ihre Leidenschaft für eben diese Filmemacher und ihr Instinkt für gutes Material sei, die sie zur hochprofilierten Mitspielerin mache. Vereinzelt erlaube sie Artikel, in denen freundlich gesinnte Mitarbeiter offiziell über sie sprechen dürften. „Ohne ihr Einverständnis wird niemand in ihrem Orbit über sie öffentlich sprechen, nicht mal, um ihr ein Kompliment zu machen“, heißt es in dem Bericht von Kim Masters, in dem die Autorin dann doch noch einige Schatten auf die Produzentin wirft.

So habe sie die 23 Millionen Dollar für Steven Soderberghs Thriller Side Effects (2013) nur zwölf Wochen vor Drehbeginn zurückgezogen, da sie angeblich nicht mit den Gehaltsforderungen Blake Livelys d’accord gegangen sei – Blake tauchte in dem Film letztlich nicht auf. Der Bericht zitiert ein Interview Vanity Fairs mit Steven, der damals über Megan sprach, dass sie ihm die Info nicht selbst zukommen ließ: „Meiner Erfahrung nach ist es angemessen, anzurufen, wenn man mit jemanden Schluss macht.“

Ein anderer Produzent eines anderen Films berichtet von „verbindlichen Millionen“, die ihn letztlich nicht erreicht hätten und im Sommer 2015 habe Megan angeblich eine Zusammenarbeit mit Paramount angeboten bezüglich Alexander Paynes Downsizing mit Matt Damon. Eine anonyme, an der Vereinbarung involvierte Quelle warf ihr laut des Artikels schließlich vor: „Sie sagten, sie würden ein Drittel des Geldes beitragen. Brad Grey [der damalige und im Mai dieses Jahres verstorbene Vorstand Paramounts] verpflichtete sich, den Film zu machen und dann zog sich Ellison ohne Erklärung zurück. Sie weigerte sich, ihr eigenes Paket zu finanzieren. Und sie wich Brads Telefonanrufen für Wochen aus. Sie hat seine Anrufe nie erwidert, um zu erklären, warum.“
Paramount kümmerte sich letztlich auf eigene Faust um das 70-Millionen-Budget und Downsizing feierte auf dem diesjährigen Filmfestival von Venedig seine Premiere. Der Meinung eines Agenten nach ist sie keine „Förderin“, sondern „Investorin“. Die Berichte um ihre Großzügigkeit seien übertrieben. Jedes ihrer Projekte sei auch für Megan ein Rechnen.

SLEAZE + Megan Ellison
…oder Zero Dark Thirty – Megan hat ein gutes Händchen für Themen.

Manch Beobachter sieht am Hollywood-Himmel aber doch den singulären Himmelskörper funkeln. So gesteht ihr ein nicht näher genannter, einst mit ihr zusammenarbeitender Industrieveteran eine Ausnahmestellung im US-amerikanischen Film zu: „Sie macht Filme, die sie machen will, basierend auf dem, was in ihrem Kopf ist. Soweit ich das sagen kann, ist sie die Einzige in der gesamten Industrie, die das machen kann.“ Ein anderer verglich sie mit der vom 15. bis 18. Jahrhundert einflussreichen italienischen Dynastie der Medici. Eine ungenannte Führungskraft in ihrem Unternehmen zufolge fördere sie den Gemeinschaftsgeist. Täglich freies Mittagessen und eine von Megan moderierte, wöchentliche Mitarbeiterversammlung stehen ebenso auf dem Plan der Studiochefin wie eigens geführte Gespräche mit Bewerbern und dem „Annapurna Friday“, wo jeden letzten Freitag im Monat Mitarbeiter nur halbtags arbeiten und anschließend mit einer Party oder einem Barbecue den Monat abschließen.

„Kunst gehört nicht den wenigen, sondern den vielen.“

Und was sagt sie selbst? Beim Filmfestival von Cannes 2015 sprach sie, neben ihren Tweets, erstmals offiziell in der Öffentlichkeit. Damals hielt sie im südfranzösischen Küstenort im Rahmen der Women in Motion-Awards eine Dankesrede, in der sie in Anwesenheit von u.a. Schauspielerin Jane Fonda die Bedeutung der Kunst im Allgemeinen und des Medium Films im Speziellen für sie und die Welt betonte:

Ich bin unglaublich glücklich, in dieser Gemeinschaft willkommen worden zu sein, die meine Hauptquelle der Inspiration in meinem Leben darstellt. Es hat mich weniger allein fühlen lassen in der Welt und dafür werde ich immer dankbar sein. Ich glaube nicht an viele Dinge, aber Kunst ist definitiv eins von ihnen. Und an der Spitze dieser Liste beeinflussen Film und Kunst unsere Weltkultur weit mehr, als viele von uns verstehen und in vollem Maße würdigen. Kunst gehört nicht den wenigen, sondern den vielen.“

Megan weiter: „Wie Kurt Vonnegut [US-amerikanischer Schriftsteller] sagte, ist die Kunst kein Weg, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern ein überaus menschlicher Weg, sein Leben ertragbarer zu machen. Und das ist es, woran ich glaube. Und das ist es, wovon ich Teil sein will.“ Möge sie mit Annapurna genau diesen Weg so konsequent verfolgen wie bisher. Denn unbestreitbar hat Mega-Megan mit dem bisher Geleisteten dem Kino und damit uns Großes beschert.

Alex

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