Mann kackt sich in die Hose auf Punkfestival

Mann kackt sich in die Hose auf Punkfestival

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sleaze.punkfestival(5)Ich hatte ein bisschen Angst vor diesem Punkfestival. Ja, das gebe ich zu. Ich stürze mich normalerweise waghalsig in den Pogo und meine rosanen Schuhe sehen danach aus wie Sau. Naja, aber auf Konzerte zu gehen oder sich dem Zwang hinzugeben, drei Tage mit Punks allein zu sein, ist etwas anderes. Würde ich Anschluss finden?

Das Resist to Exist schenkt mir die Antwort: Hier erlebe ich das, was der Name schon impliziert: 2.500 Punks an der Grenze zum Abnippeln. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Nein, das gute Bier!“, tönt aus einer Ecke, als das süffige Getränk auf ein Handy kippt. Die Theke kommt kaum mit dem Nachschub hinterher. Aber zwischen „Hopfensmoothie“ und Katerstimmung gibt es noch mehr, was ich an diesem Wochenende erfahren habe: Vor Punks muss man keine Angst haben. Ich traf einige der nettesten Menschen, die es überhaupt gibt.

Planlos durch Kremmen

Als Gruppe von 30 Fremden kommen wir am Bahnhof Kremmen an. Alle haben keinen Plan, wo es lang geht. Moment mal: 30 Menschen? Und alle keinen Plan? Wir weigern uns, Smartphones zu benutzen. Zum Glück gibt es nette Einheimische, die uns den Weg weisen. Meine Einkaufstüten schneiden mir in die Finger. Sie sind verdammt schwer. Doch plötzlich höre ich ein „Willst du das reinpacken?“ von vorne gerufen. Da läuft ein Mann im rosanen Hamsterkostüm. Er grinst mich breit an und zeigt hinter sich auf seinen Bollerwagen. „Na klar!“

Mo ist somit der Erste, den ich kennenlerne. Er erzählt mir, dass er seit ein paar Jahren straight edge lebe. Das heißt: kein Alkohol, keine Drogen… Einige wenige sehen sogar Sex inbegriffen. Aber Mo sei eine männliche Schlampe. Ich mustere sein Hamsterkostüm… und glaub’s ihm trotzdem. Der Typ neben ihm ist da romantischer eingestellt: Fest umklammert er eine Brennnessel und streckt sie mir entgegen: „Da, ich hab dir was gepflückt.“ Auf dem Weg zum Festival versucht er, jedes Gras, jede Wildblume mitzunehmen und in seinen Strauß einzubinden.

Die Real McKenzies
Die Real McKenzies

Eine kleine Gemeinschaft

An der Schlange zum Einlass trennen sich unsere Wege. Kurz danach treffe ich meinen Kumpel, baue mein Zelt auf und stürze mich schon bald in den Pogokreis. Ich tanze zu Kotzreiz, Los Fastidios, Total Chaos, Moscow Death Brigade, Tanzende Kadaver und den Real McKenzies (Letztere auch bald im Interview). Der Großteil der Gruppe, die ich dort kennenlerne freut sich aber auf Mann kackt sich in die Hose. Auweia! denke ich mir und torkele absturzgefährdet zur nächsten Bühne. Das Festival zog dieses Jahr von Berlin nach Brandenburg und so ist es das erste Mal, dass es in seiner neuen Location stattfindet. Das Gelände wirkt erstaunlich leer, aber durch die bunten Outfits und Haarprachten wird es lebendig. Und es ist ebenfalls sehr familiär: Sogar die Ordner mischen mit und bespritzen die bunten Vögel mit Wasser. Nicht mit Bier? Oooooh…

Hart nach außen

Die meisten sind ebenfalls begeistert vom Festival, loben die neue Location oder erfreuen sich der Abgrenzung („Resist ist halt keine Kommerzkacke“). Während sie sich sonst mit ihrem Äußeren abgrenzen, sind sie hier vereint. Alle interagieren irgendwie miteinander. Liegt’s am Pogo, dass die Berührungsängste schwinden?

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„Kein Bier für Nazis, nicht mal ein halbes, nicht mal den Spuckschluck!“

Kiki läuft mir ebenfalls über den Weg: Sie ist rotzevoll und stinkig: „Mein Zelt ist kaputt. Das ist echt scheiße, ich bin sogar aufm Festival obdachlos.“, schimpft sie und jammert: „Ich hab kein Zelt, kaum Geld und nicht mal Schuhe.“ Ihre Füße sind mit Gaffa-Tape umschlungen. Die sonstige Bevölkerung des Festivals rennt in dicken Springern oder barfuß übers Gelände. Ohne Probleme, denn Glasflaschen sind nicht erlaubt. Ebenfalls keine Hunde, was als „no dogs“ dick und fett auf dem Ticket steht. Dahinter „No Idiots“. Gemeint sind damit vor allem Rechtsgesinnte, sie sind der Todesfeind der Festivalgemeinschaft: Zu einer Band grölen alle einen Lobgesang auf den Antifaschismus, „Good night white pride“ liest man auf T-Shirts oder Sonnenbrillen. Die Menschen schimpfen auf die Nazis. Einer sagt sogar, es könnte das letzte Mal gewesen sein, dass sich die Punks so auslebten. Er spielt auf die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl an.

Ich hoffe zumindest nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird und wünsche mir ein weiteres Resist to Exist… ohne Nazis. Dafür aber mit vielen herzlichen Punks.

Lisbeth

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