Magisches Florida am Rande der Gesellschaft

Magisches Florida am Rande der Gesellschaft

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Phrasen wie „sich das Kind bewahren“ sind gern gesagt, aber wer bewahrt es sich wirklich? Schon für Friedrich Nietzsche war das Kind jene hohe Form unseres Menschseins, wie in seinen drei Verwandlungen in „Also sprach Zarathustra“ dargelegt: „Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens: s e i n e n Willen will nun der Geist, s e i n e Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“

SLEAZE + The Florida Project
Ein pinkes Königreich unter dem Regenbogen: die „Projects“

Sean Bakers neuster Film The Florida Project zelebriert das Kindsein, das aus Tristesse Wunderwelten schafft und jeden Tag als Abenteuer erlebt. Er zeigt uns eine wundersame Reise in einem knallbunten Florida am Rande der Gesellschaft als energetischen Trip voller Magie. Zugleich verdeutlicht der US-Amerikaner, wie wenig es bedarf, um Kino selbst als Ort des Magischen zum Glühen zu bringen.

Ein wahrer Zauber, dieses Florida

Der Großteil seiner Story spielt hierbei in einem Low-Budget-Motel in Florida, in dem das kleine Mädchen Moonee (Brooklynn Prince) gemeinsam mit ihrer jungen Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt. Regisseur Sean verweigert sich hierbei einem klar ausbuchstabierten Plot. Vielmehr begleiten wir die aufgeweckte und herrlich freche Moonee auf ihren Streifzügen durchs rosafarbene Motel und das umliegende Land, während sie mit ihren Freunden Tag auf Tag, vor Energie und Lebenswucht strotzend, in purer Freude verbringt. So veranstaltet die bunte Clique Spuckwettbewerbe, erschnorrt sich mit dem Vorwand, Asthma zu haben, Kleingeld fürs Eis oder geht auf Safari, deren Hauptattraktion eine Herde Kühe darstellt.

Abgesehen von Willem Dafoe (Antichrist), der als gute, raue Seele Bobby versucht, das Magic Castle Motel mit all seinen Gästen und Bewohnern zusammenzuhalten sowie Caleb Landry Jones (Get Out) und Macon Blair (Logan Lucky) in kürzeren Auftritten, drehte Sean erneut mit „Laiendarstellern“, womit er diversen seiner Vorgängerwerke, darunter der iPhone-Film Tangerine (2015), folgt.

SLEAZE + The Florida Project
Motel-Manager mit Herz: Willem Dafoe aka Bobby

Man spürt die Spontanität und den Eigensinn des US-Amerikaners zu jeder Zeit. Durch seinen Ansatz, fast keinen Plot zu erzählen, ist auch The Florida Project ein ungemein soghafter Film, der sich bekannten Erzählmustern konsequent verwehrt. Er lebt aus sich heraus, da Sean seine Welt zwischen Arbeitslosigkeit, Drogen auf der einen und der quietschbunten Kindheit auf der anderen Seite mit Leben füllt. Hier treffen wahre Magie, nämlich jene der Kinder, auf den kommerzialisierten Pseudo-Zauber des nahegelegenen Disney-Outlets und juvenile Unbekümmertheit auf die adulten Lebensrealitäten von Prostitution und Drogenkonsum.

Erlebt Wunder

Zu keiner Zeit driftet der Filmemacher trotz „prekären“ Settings in ein düsteres Sozialdrama ab. Das Licht der Kinderwelt durchflutet alles, ohne zu verdecken, und erhellt die Perspektivlosigkeit, ohne zu verwässern.

SLEAZE + The Florida Project
Offenen Auges und Herzens – bestenfalls ein Leben lang.

Hier schafft der Filmemacher eine faszinierende, in dieser Form einzigartige Symbiose in einem aus Billigmotels bestehenden magischen Königreich, das nicht in jenseitigen Mäusekonzernmärchen, sondern unseren zuweilen harten Lebensrealitäten verankert ist.

Es erwartet uns keine mit ausgeleierten, dramaturgischen Zügeln angezogene Geschichte, sondern die treibende, kindliche Faszination für alles, das den ungemein beschwingten Film in seiner wundersamen Einfachheit befeuert. The Florida Project ist ein glühender Film, eine Ode an die Kindlichkeit und die Kraft des Kinos. Taucht ein, seid Kind, vor allem aber: bleibt Kind. Und ihr werdet Wunder erleben.

Alex

Titel: The Florida Project
Kinostart: 15.03.2018
Dauer: 111 Minuten
Genre: Drama, Komödie
Produktionsland: USA
Filmverleih: Prokino Filmverleih

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