Maggies Plan: Rollen, neu verteilt

Maggies Plan: Rollen, neu verteilt

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Maggies (Greta Gerwig) Leben ist komfortabel: ein guter stabiler Job, der sogar noch interessant ist. Ihr soziales Umfeld ist topp, sie hat langjährige Freundschaften, auf die sie sich verlassen kann. Und sie selbst ist auch nicht von schlechten Eltern: schlau, einfühlsam, lustig, bisweilen womöglich ein wenig nerdig oder schrullig, aber das ist ja nichts Schlimmes. Maggie ist außerdem über 30 und verfügt über zwei X-Chromosomen. Da denkt frau dann mal ans Kinderkriegen. Doch im Gegensatz zum gesamten Rest ihres Lebens lässt sich der Partner nicht so leicht planen. Besonders, wenn es die kindererzeugende Variante Mann ist.

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Maggie und Samenspender & Gurkenverkäufer Guy

Was also tun, noch dazu, wo Maggie in ihrer kritischen Selbstanalyse ganz zu Beginn der Handlung erkennt, dass sie noch nie eine Beziehung hatte, die länger als ein halbes Jahr gehalten hat? Die Lösung, so scheint es zunächst, liegt darin, Partnerschaft und Kinderkriegen zu „entkoppeln“. Maggie sucht sich eine Spermaspende, und zwar entscheidet sie sich für das genetische Material eines früheren Kommilitonen, der ziemlich gut in Mathe war. Das führt dann zu der wirklich lustigen Szene, wie Maggie im Nachthemd in der Badewanne sitzt und sich den dickflüssigen weißen Schatz in eine handelsübliche Spritze (ohne die Pieks-Spitze!) aufzieht, während ihr ihre Fruchtbarkeits-App rät, loszulegen. Romantisch!

Eine intellektuelle Komödie

Maggies Plan spielt im intellektuellen Milieu New Yorks, wie einst so viele Woody Allen-Filme. Maggie arbeitet an der berühmten New School for Social Research und trifft dort John (Ethan Hawke). Die beiden verstehen sich von Anfang an richtig gut, ja sind fast ein Traumpaar. So macht das Leben Maggie einen Strich durch die Rechnung bzw. den Plan. Denn zeitgleich zur geplanten Befruchtung wird es auch mit John etwas.

Maggies Plan ist dabei intelligent, was sogar so weit geht, dass Nicht-Feuilleton-Lesern sicher viele Details der Dialoge entgehen werden. John lehrt beispielsweise Fiktokritische Anthropologie. Die gibt es wirklich, hier ist der Wiki-Link. Aber wie viele Leute wissen schon mal genau, was Anthropologie ist? Und dann noch die postmoderne fiktokritische als Mischung aus Theorie und Prosa! Oder auch eine kurz gezeigte Podiumsdiskussion zwischen John und seiner Ehefrau Georgette (Julianne Moore), in der sie erklärt, dass die Rechte an der bekannten Anonymous-Maske vom Hollywood-Studio Warner Bros gehalten werden. Ein Konzern als Besitzer eines revolutionären Symbols, ein Konzern, der so an jedem (lizenzierten) Verkauf dieser Maske verdient? Ich persönlich finde das sehr interessant, doch diese gesamte Tatsache nimmt etwa drei Sekunden Filmzeit ein, und wenn man die Hintergründe nicht schon vorher drauf hatte: Kann man in so kurzer Zeit alle Connections machen und das verstehen? John forscht und schreibt dann auch zu Warenfetischismus im Spätkapitalismus – das ist, wenn dir einer auf dein neues iPhone abgeht! 🙂

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Georgette und John, große Geister

Die Gespräche haben also sehr viel (intellektuellen) Inhalt. Gleichzeitig ist Maggies Plan auch psychologisch ganz wunderbar konstruiert. Die Charaktere stimmen und auch ihr Verhalten ist sehr, sehr glaubwürdig. Maggie ist dabei eher der Typ Mutter oder Ehefrau. Gleich einem Kleister hält sie die gesamte spätere Patchwork-Familie zusammen, denn John hat sich ihretwegen von seiner Frau getrennt. Sie macht gerne Pläne, ist also ein kleiner Kontrollfreak. John dagegen ist nicht immer so entscheidungsfreudig, gefällt sich oft in einer leidenden Rolle. Er jammert viel, wie früher frustrierte Hausfrauen. Außerdem ist er auch noch narzisstisch, unsicher und total selbstbezogen. Im Haushalt hilft er auch nicht viel. Ein Mann eben…

Doch die wahre psychologische Größe des Films zeigt sich im Mikrosezieren der Beziehungen in Gesprächen. Das Wort klingt jetzt erstmal total schlimm, doch damit ist nur gemeint, dass Maggie, John und Georgette in Krisensituationen wie Trennungen immer verbal auf den Punkt bringen können, was schief läuft. Als Zuschauer hatte man das vorher gesehen. Das ist die hohe und womöglich zu verkopfte Kunst des modernen urbanen Menschens: Sei dein eigener Therapeut.

Wenn man gerade selber mal nicht davon betroffen ist, ist das spannend und unterhaltsam anzuschauen. Maggies Plan ist dabei richtig gut besetzt, bis in kleinere Rollen. Und hier hat auch mit Rebecca Miller (Pippa Lee) eine Frau Regie geführt, was in der Männerdomäne Hollywood, zumindest was den Regie-Stuhl angeht, eher eine Ausnahme ist. BUG-Folder_A4.qxpDas ist gerade bei dieser Thematik begrüßenswert. Für alle, die früher Woody mochten oder gern ihren Kopf benutzen, ist Maggies Plan daher ganz klar empfehlenswert.

Robert

Titel: Maggies Plan
Regie: Rebecca Miller
Laufzeit: 98 Min.
VÖ: 5.12.2016 (Blu-ray, DVD, VoD)
Verleih: MFA

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