Schmachtklamotte mit Krebs

Schmachtklamotte mit Krebs

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Krebs als Krankheit stellt ein beliebtes Sujet in der Filmwelt dar. Ob brutal poetisch inszeniert, wie in Alejandro González Iñárritus Biutiful um einen an Prostatakrebs erkrankten Mann, als Jason Robards‘ Abschiedsvorstellung in Paul Thomas Andersons berauschtem Magnolia oder aber auch als einschneidender Wendepunkt Walter Whites in der gefeierten AMC-Serie Breaking Bad. Schon allein die vor allem in Industriestaaten grassierende Angst scheint manch Dramaturgen schwitzige Hände zu bereiten, kann sie schließlich, neben der würdevollen Auseinandersetzung mit dem Thema wie erwähnter Beispiele, auch schnell als manipulierendes und leicht einzusetzendes Mittel genutzt werden, um ebenfalls ein potenziell schlechtes Werk affektiv ans Publikum zu führen. Ma Ma von Julio Médem ist der Fall einer Gratwanderung, die in ihrer filmischen Umsetzung ansprechend, inhaltlich aber zum Teil so sehr nach Lebensbejahung in Zeiten der Krise lechzt, dass der Film in anmaßende Dimensionen aufsteigt.

SLEAZE+Ma-Ma2Hauptdarstellerin und Co-Produzentin Penélope Cruz als an Brustkrebs erkrankte Magda mag man dabei keinen Vorwurf machen wollen. Sie verkörpert die, trotz aller Rückschläge stets lebensfrohe und mit reichlich Humor gesegnete Lehrerin, an der auch die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbeiging, in ihrer widersprüchlichen Ambivalenz famos. Ihr liebevolles Verhältnis zu ihrem fußballbegeisterten Filmsohn Dani, das durch die Krankheit schon bald Risse erleidet, gehört zu den ehrlichsten Momenten des Films. Leider vergreift sich Regisseur Julio Médem schnell in der dramaturgischen Grabbelkiste, als er, wie es sich für Krebsfilmklischees offenbar gehört, die bildhübsche Darstellerin auch äußerlich transformiert. Das mag ganz sicher realistisch sein, verkommt hier aber zur reinen Manipulation und ist fern der natürlichen und damit konsistent wirkenden von Krankheit gezeichneten wilden Dreckigkeit eines Javier Bardem in Biutiful. Wo Alejandro González Iñárritu seine Geschichten in ein übergeordnetes existenzielles Netz einbettet, verirrt sich Julio rasch in billiger Emotionalisierung.

Das ist vor allem dahingehend schade, als dass der Spanier die Ereignisse zum Teil frisch und innovativ zu inszenieren weiß. Vor allem dem zwischenmenschlichen Mit-und Gegeneinander sowie den in den inneren Gefühlswelten entgegengesetzten Kräften verschafft er durch seine Regie häufig einen frischen Ausdruck. Mal lässt er den Blick seiner Protagonistin mit gekonnten, schnellen Kamerabewegungen an ihre Liebenden vorbeischweifen und drängt diese somit an den Rand des Bildes, um die sich durch die Krankheit verstärkende Distanz seiner Hauptfigur zur Welt der Lebenden zu visualisieren. Ein anderes Mal, das jedoch viel zu häufig, zeigt er Penélope, wie sie unter Einsatz einer kippenden Perspektive und eines Farbfilters aus der Welt zu fallen droht. Das ständige Funkeln der inszenatorischen Originalität erfährt jedoch immerzu eine Verdunklung.

SLEAZE.Ma-Ma3Denn mitunter erreicht der Film die Grenzen eines Schmachtfetzens und überschreitet diese in störrischer Überzeugung. Dass die Liebe, welche die Hauptfigur im Folgenden erfährt, ausgerechnet im Angesicht von Krankheit und Tod blüht, mag als Prämisse selbst noch das geringste Problem sein. Ihre ständige Lebensbejahung wird jedoch vielmehr zur hyperhedonistischen Orgie, die nicht nur sinngemäß auf einen Höhepunkt zusteuert. So wird aus der als Ode ans Leben gedachten Geschichte eine zweitklassige Schülerparty, auf der Kalendersprüche zitiert werden. In die Sphären höherer Absurdität und Komik steigt das Werk besonders dann auf, wenn Magdas Gynäkologe sich fortwährend zu spanischen Schlagereinsätzen hinreißen lässt, die den Charme eines Versicherungsvertreters versprühen. In diesen Momenten driftet der Film dermaßen ab von seiner ursprünglichen Intention und findet sich auf dem Irrweg der Peinlichkeit. Manch Szene machte sich auch gut auf dem Sündenpott Traumschiff.

So ist die Gratwanderung eine zu häufig in die falsche Richtung ausschlagende. Wo der Film mit Würde seine Emotionen feiert, zerlegt er sie alsbald in betäubender Peinlichkeit. Julio Médem tut sich als origineller, visueller Realisator hervor, der Schwierigkeiten hat, seiner selbst verfassten Geschichte die nötige Größe zu verleihen. Sie klebt irgendwann an ihrem selbstproduzierten Schmalz und der Anbiederung an Klischees, die eher aus pseudovitalen Lebensbejahungsweisheiten bestehen denn einer bedeutungsvolleren Auseinandersetzung mit dem Ja. Wie es anders gehen kann, wenn auch für manch einem Zuseher ungleich sperriger, bewies Terrence Malick in seiner Lebensode The Tree of Life. Zwar versinkt Ma Ma nicht vollends in seinem Blabla, doch gibt es dem Werk eine Note, die nicht zu überhören ist.

Alex Warren

Titel: Ma Ma
Regie: Julio Médem
Dauer: 122 Min. (Uncut-Version)
VÖ: 30.06.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: MFA+ FilmDistribution

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