Melancholie, Lust und Hass: Die Verführten

Melancholie, Lust und Hass: Die Verführten

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Wir leben in unglaublich schnellen Zeiten. Technischer Fortschritt, der Kapitalismus, der uns mit seiner verdammten 50-Stunden-Woche zu immer mehr Produktivität zwingt, und dann natürlich noch der ganze persönliche Stress, der einem um die Ohren fliegt. Der ganz normale Alltag gestaltet sich für die Meisten inzwischen als Sprint durch das eigene Leben. Da braucht man doch auch mal wieder ein bisschen Entspannung und Entschleunigung, um der ganzen Hektik einfach mal zu entkommen. Genau da hilft der neue Film von Sofia Coppola, die für diesen bereits mit der besten Regie in Cannes ausgezeichnet wurde (böse Zungen behaupten allerdings, dass das nur aus politischen Gründen passierte, weil vor ihr bisher erst eine Frau den Preis abräumen konnte). Die Verführten heißt dieser, was eher nach einem Erotikfilm aus den 90ern klingt als nach einem Historienthriller.

SLEAZE + Die Verführten
Geimeinsames Beten bei Kerzenschein

Aber genau das ist er, ein Historienthriller. Die Historie bezieht sich in diesem Fall auf den Amerikanischen Bürgerkrieg im Jahr 1864. Der Norden kämpft erbittert gegen den Süden. So auch in Virginia. Dort, abgeschottet von den Schrecken des Krieges, führt ein Mädcheninternat unter Aufsicht der Rektorin Martha (Nicole Kidman) und der Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) ein recht sicheres Leben. Jedenfalls bis die kleine Amy beim Pilze sammeln auf den von seiner Einheit getrennten Nordstaaten-Korporal John trifft, der vom anscheinend alterslosen Colin Farrell gespielt wird. Sie nimmt den schwer verletzten Soldaten mit zurück in ihr Gymnasium, wo man sich nach einigem Zögern dazu entschließt, ihn wieder auf Vordermann zu bringen und nicht den eigenen Soldaten auszuliefern. Allerdings gerät das bisher so behütete Leben der Mädels schon schnell aus den Fugen, denn durch den einzigen Hahn im Käfig macht sich schon bald Neid, Missgunst und Lust unter den Hühnern breit.

Der Film ist ein Remake von Don Siegels gleichnamigen Film aus dem Jahre 1971, welcher wiederum auf dem Southern-Gothic-Roman A Painted Devil basiert. Dennoch sind die beiden Filme sehr verschieden, was einem eigentlich auch klar sein sollte, wenn man die beiden Regisseure der Filme einmal miteinander vergleicht. Don Siegel, der brutale Kracher wie Dirty Harry oder Coogan’s Bluff inszenierte, erzählt die Geschichte in seiner Version aus der Sicht von John, welchen er als verführerischen Macho darstellte (hervorragende Leistung von Clint Eastwood). Sofia Coppola hingegen, welche schon immer eher für melancholischere Filme wie Lost in Translation bekannt war, legt das Blickfeld eher auf die Mädchen und Frauen in der Schule, und John ist eher ein attraktiver und höflicher Mann, dessen Schicksal in den Händen seiner weiblichen Gastgeberinnen liegt.

SLEAZE + Die Verführten
Der Lustmolch Colin Farrell

Aber da hören die Unterschiede längst nicht auf. Wie bereits erwähnt, ist Sofias Die Verführten ein wirklich langsamer Film. Gerade in der ersten Hälfte nimmt sich der Film sehr viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen.

Durch das Pacing im Schneckentempo kommt einem der Film unglaublich entschleunigt vor. Das Ganze wird natürlich auch noch vom Setting und der Musik untermalt: in rötlich-gelben Tönen gehaltene Aufnahmen des riesigen Südstaaten-Anwesens, umrundet von den Wäldern Virginias, deren Hängegewächse eine trübselige, fast schwermütige Atmosphäre erzeugen. Dazu die selten eingesetzte, düstere Streichmusik. Das alles erzeugt eine bedrückende, melancholische Stimmung, die zur langsamen Erzählweise passt. Don Siegels Film hingegen war wesentlich reißerischer, ein richtiger Unterhaltungsfilm eben. Aber trotz des lahmen Tempos ist Sofia Variante selten langweilig.

Lust und Eskalation

Vor allem auch, weil sie versteht, minimale Stöße mit schwarzem Humor einzusetzen. Oft gibt es kleine Zugriffe auf das Genre des Gothic-Melodrams, aber ohne sich je vollständig diesem zu ergeben. So gibt es eine Szene, in der Martha den bewusstlosen John mit einem Schwamm wäscht, aber als sie sich seinem Schritt nähert, muss sie kurz innehalten und einen tiefen Atemzug nehmen. Oder Minuten später lässt ein bloßes Gespräch mit John Edwina sich an einem Türrahmen festhalten und schwer atmen. Diese sexuelle Spannung ist neben ihren lustigen Aspekten auch gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil der Handlung. Sowohl Männer als auch Frauen lieben den Nervenkitzel der Jagd, aber jede Seite hat viel zu verlieren. Man erkennt schnell, warum John ist, wie er ist, als einsamer Mann unter Frauen. Ihre Welt ist verlockend, aber undurchdringlich.

SLEAZE + Die Verführten
Mehr Augenkontakt geht kaum

Zum Ende hin, wenn die Situation eskaliert und der Kampf der Geschlechter ausbricht, verändert sich auch die Geschwindigkeit des Films schlagartig. Von da an beginnt der Thrillerpart des Films, welcher aber leider viel zu kurz geraten ist und genauso schnell wieder aufhört, wie er angefangen hat. Was schade ist, denn gerade in diesem Part blühen die Schauspieler erst so richtig auf. Nicole Kidman hat genau den richtigen Charme und Bedrohlichkeit für die Rolle, und auch Colin Farrell und Kirsten Dunst sind voll in ihren Charakteren. Auch Elle Fanning spielt ihren Lolita-Charakter hervorragend.Nichtsdestotrotz hat man nach dem Film nicht das Gefühl ,gerade einen überaus bedeutenden Film gesehen zu haben. Die Verführten

ist zwar auf keinen Fall ein schlechter Film, aber auch kein hervorragender. Er wirkt ein bisschen wie eine Mischung aus Sofia Coppolas bisherigen Werken, nur etwas mit Thrill abgeschmeckt. Allerdings ist er aber auch eine willkommene Ablenkung von all der Hektik, die uns gerade in Filmen oft umgibt.

Simon

Titel: Die Verführten
Regie: Sofia Coppola
Laufzeit: 94 Min.
: 29.6.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Universal

 

 

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