Love & Friendship: Eleganz & Intrige

Love & Friendship: Eleganz & Intrige

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Ich liebe ja Historienschinken! Aber nicht jede Art! Und es scheint prinzipiell zwei verschiedene zu geben: Einmal die endlose Reihe von Jane Austen– und Charlotte Brontë-Verfilmungen, in denen jeweils ein kommender, junger, ambitionierter Schauspielstar die weibliche Hauptrolle spielt. Das waren in den letzten Jahren beispielsweise Mia Wasikowska (Jane Eyre), Keira Knightley (Pride & Prejudice) und Kate Winslet (Sense & Sensibility). Und in diesen Filmen geht es grundsätzlich um Liebe, Moral und das ganze andere Zeug, das es damals wie heute nicht wirklich gab.
Und dann gibt es noch die nicht lame, coole Art von Historienschinken. Wie mit den coolen Menschen ist auch hier die Auswahl wesentlich kleiner, leider! In diesem Untergenre alles überstrahlend ist wohl der John Malkovich-Klassiker Gefährliche Liebschaften. Doch auch andere Werke passen hier rein, beispielsweise Stanley Kubricks mit am wenigsten bekannter Film Barry Lyndon oder auch – versucht und gescheitert! – Marie Antoinette von Sofia Coppola.

Biester? Oder die Einzigen mit einem Plan?

Das Prinzip dieser sympathischen Werke ist einfach und doch genial: Die damalige Zeit wird als so rückschrittlich dargestellt, wie sie wirklich war, ohne Ausweg! Und dann haben wir aber, quasi als Gegenmittel, einige Charaktere, deren ganzes Bewusstsein und deren Entwicklung ihrer Zeit weit voraus sind. Sie erheben sich über (idiotische) gesellschaftliche Konventionen und spießige Moralvorstellungen und nehmen sich, was sie wollen. Super! (Und gar nicht so historisch, wie man vielleicht denken mag! 😉 )

Und mit Whit Stillmans neuem, jetzt für das Heimkino erhältlichen Schinken Love & Friendship liegt jetzt – na klar, nach dieser Einleitung! – ein weiterer Vertreter der sympathischen Kategorie vor. Die Story ist scheinbar simpel: Lady Susan (Kate Beckinsale) ist eine jüngere Witwe mit Tochter in heiratsfähigem Alter. In der damaligen Zeit war frau ohne Ehemann nicht gerade besonders viel wert. Geld verdienten nur die Männer, die natürlich hoch-christlich abgesegnet über ihre Ehefrauen verfügen durften. Lady Susans Problem ist nun: Sie hat Grips. Und deshalb möchte sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, finanziell abgesichert sein UND gleichzeitig glücklich werden – und das Ganze am besten auch noch mal verdoppelt für ihre Tochter. Mutter und Tochter sollen also unter die Haube.

Hier nicht wirklich sichtbar: Die bereits tief ins Fleisch eingehauenen Klauen.

Whit Stillman: Genialer Eigenbrötler

Aber du als Leser hast bestimmt keine korrekte Vorstellung von Love & Friendship, wenn ich jetzt nicht kurz ein Wort über den Schöpfer dieses Filmchens verliere: Whit Stillman ist ein ganz besonderer Filmemacher. Er schreibt und produziert die von ihm in Szene gesetzten Stoffe selbst. Aber nicht nur das. Er ist auch ein Meister des Ensemblefilms. Und Whit entscheidet sich für Ensembles nicht nur, weil ihm eine größere Gruppe Darsteller lieber ist, nein, die Gruppen stehen auch stets für eine Subkultur bzw. gesellschaftliche Gruppe. Das können junge WASPs sein in Metropolitan oder aber auch die New Yorker Disco-Szene der späten 70er Jahre, Stichwort Studio 54, in The Last Days of Disco. Fast schon soziologisch: Eine Klasse wird umfassend erforscht mit allem, was sie ausmacht an impliziten Regeln, Umgangsformen, geteilten Überzeugungen, Selbstverständnis etc.

Aber nicht nur dafür steht Whit, auch sind die paar Spielfilme, die er bisher in seinem Leben gemacht hat, immer ganz stark Dialog-lastig. Es wird unendlich viel geredet. Bisweilen werden in Gesprächen Themen erforscht, die augenscheinlich (fast) nichts mit der Geschichte des Films zu tun haben. Einzelne Gespräche dauern minutenlang. Das klingt erstmal total schrecklich (und vergrault sicherlich auch einige Zuschauer), doch wenn man sich einmal drauf einlässt, wird man als Zuschauer hier reich belohnt. In Whits Filmen sind die Dialoge die Action. Ein Gespräch kann innerhalb von einer Minute ähnlich spannende Wendungen nehmen wie eine Verfolgungsjagd in einem Actionfilm. Wirklich!

Das Ergebnis sind leichtfüßige, satirische und hoch-ironische Komödien, deren verbale Schlagabtäusche hier und da an alte Hollywood-Screwball-Komödien erinnern. Und selbstverständlich passt Whits Stil ganz hervorragend zu einem solchen historischen Stoff.

Als die Welt noch in Ordnung war: Privilegierte unter sich.

Love & Friendship: Das alte Dreamteam, wieder vereint

Für Kenner und Liebhaber von Whits genialem Stil gibt es in Love & Friendship jetzt noch den Leckerbissen, dass sein altes Dreamteam aus The Last Days of Disco wieder zusammenkommt: Hauptfigur Kate (Underworld, Pearl Harbor) sowie Chloë Sevigny (The Brown Bunny, Party Monster). Sie spielen die bereits erwähnten Sympathieträger und Ihrer-Zeit-voraus-Seienden, während alle andern um sie herum in der Ahnlungslosigkeit leben und ihre Standesprivilegien genießen. So kommen Kate und Chloë im Laufe des Films immer wieder zusammen und reden ehrlich miteinander. Das ist wichtig zu betonen, denn alles Übrige, was Kate so treibt, intrigiert und in die Wege leitet, dient immer nur dem Erreichen ihrer beiden Ziele – reich heiraten & glücklich werden. Ihrer guten Freundin Chloë schildert sie jedoch immer ihre jeweiligen Pläne oder, was sie wirklich über die übrigen Schachfiguren in ihrem Spiel denkt. Im Rest der Handlung zieht Kate manipulierend bis zum Geht-nicht-mehr die Fäden und wie es den anderen dabei geht, ist ihr eigentlich herrlich egal.

Lug und Betrug, Täuschung, oder aber die Königsdisziplin von allem: sich noch rausreden können, wenn man doch mal erwischt wurde! Sicherlich hilfreich dabei ist, dass Kate von der intellektuellen Begabung her ein Genie ist, was man gerade Frauen damals nun wirklich nicht zutraute, und dann natürlich noch die kleine Nebensächlichkeit, dass sie aufgrund ihrer Schönheit, Sinnlichkeit, Eleganz und Klasse jeden Mann in ihren Bann schlagen kann. Lasst die Spiele beginnen!

Dialog- und Ausstattungsorgie

Selbstverständlich ist Love & Friendship ein perfekt ausgestatteter Film mit grandiosen Kulissen, Kostümen und generell perfekter Art Direction. So gehört sich das für die damalige dekadente Zeit. Wirklich besonders wird der Streifen jetzt jedoch durch Whits bereits erwähnten persönlichen Stil, der so hervorragend zu einem Historienschinken passt. Und dann vor allem noch durch Hauptdarstellerin Kate Beckinsale. Kate ist nun wirklich mal eine klassische Schönheit, doch schaut man sich ihre beträchtliche Filmografie über die Jahre an, sticht nicht viel ins Auge – mal abgesehen eben von The Last Days of Disco, dem anderen Whit Stillman-Film, in dem sie mitspielte. Pearl Harbor, Underworld? Nicht so beindruckend. Umso besser, dass sie für die Rolle der Lady Susan geboren zu sein scheint: Sie ist ein absoluter ADHS-Freak, labert in einem durch und textet alle zu. Aber nicht sinnlos, sondern immer ihre jeweilige Machenschaft befördernd. Sie weiß extrem, was sie will, sie kennt die Menschen und sie weiß sich durchzusetzen. Ein (gesellschaftliches) Raubtier mit perfekter Frisur und feinster Garderobe.
Selbstverständlich soll hier nicht das Ende des Films verraten werden, doch selbst wenn du als Zuschauer denkst, du hast ihre Absichten durchschaut, irrst du dich wahrscheinlich. Am ehesten erinnert sie an – Achtung, komischer Vergleich – Kevin Spaceys Frank Underwood, der sich ja in der Serie House of Cards ebenfalls durch vollendete Ränkespiele die amerikanische Präsidentschaft sicherte. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich schau mir gern Intrigen im Kino an. Deshalb ist Love & Friendship auch ein ganz klarer Tipp.

Robert

Titel: Love & Friendship
Regie: Whit Stillman
Laufzeit: 93 Min.
VÖ: 15.5.2017 (DVD, Blu-ray & VoD)
Verleih: KSM

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