Lollapalooza 2017 – so viele Menschen und so wenig S-Bahn

Lollapalooza 2017 – so viele Menschen und so wenig S-Bahn

Das Lollapalooza ist Geschichte. Zumindest für dieses Jahr. Berlin hat es ein drittes Mal geschafft, die internationale Festivalreihe (wenn auch mit einem dicken Wermutstropfen) erfolgreich über die Bühne zu bringen. Obwohl, um bei den Fakten zu bleiben, muss ich mich schon nach meinem dritten Satz selbst korrigieren: Was heißt hier eigentlich Berlin? Stattgefunden hat das ganze Spektakel schließlich auf der Pferderennbahn in Hoppegarten. Und die befindet sich bekanntermaßen in Nachbarstaate Brandenburg. Im Mittelpunkt stand natürlich die Musik, dicht gefolgt von reichlich gutem Essen und einer grandiosen Atmosphäre. Wenn da bloß dieser Samstagabend nicht gewesen wäre...

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Die Heimreise am ersten Festivaltag brachte Besucher, Veranstalter und das öffentliche Nahverkehrsnetz von Hoppegarten auf unschönste Art und Weise an ihre Belastungsgrenze. Und teilweise darüber hinaus. Zu viele Menschen, die alle gleichzeitig irgendwohin wollen – wer hätte auch ahnen können, dass die ganzen Lolla-Verrückten am Samstagabend auch wieder nach Hause möchten?

SLEAZE + S-Bahn
Angenehm: lange Wartezeiten am Samstagabend bei Bus und Bahn
Eisberg direkt voraus

Nachdem der Schlussakkord von Mumford & Sons noch die Gehörgänge wärmte und Two Door Cinema Club gerade ihren Arbeitstag auf der Alternative Stage beendeten, spielten sich an den Ausgängen B und C Szenen ab, die mich an James Camerons „Titanic“ erinnerten. Aber nicht an Szenen wie die, als das Schiff frenetisch gefeiert vom Hafen in Southhampton zur Jungfernfahrt nach New York aufbrach. Oder den Moment, als sich Jack und Rose im Frachtraum des Fischkutters ihrer unansehnlichen Anziehungskraft hingaben. Eher erinnerten mich die Szenen an alle Momente, die sich nach dem Rammen des Eisbergs abspielten…

Schon im Vorfeld wurden Stimmen laut, die erheblichen Lärm, viel Müll sowie ein S-Bahn- und Verkehrschaos prophezeiten. Und wenn eine der Befürchtungen aus dieser Liste wahr werden sollte, dann war es ohne Zweifel letztere. Der Veranstalter ließ bereits während des Festivals „Sicherheitshinweise“ auf den großformatigen Videoleinwänden anzeigen. Dort hieß es, dass „die An- und Abreise die Veranstalter vor eine Herausforderung stellt“ und dass man „die Abreise rechtzeitig planen und die unterschiedlichen Abreisemöglichkeiten nutzen solle“. Planung schön und gut, aber sollte das jetzt bedeuten, man soll eher gehen, damit man Bands verpasst, die man sehen wollte und für die man Geld bezahlt hat? Nur weil die Veranstalter um Tommy Nick keine vernünftige Organisation der Abreise der Besucher auf die Kette bekamen?

3.000 Besucher und ein Bahnsteig

Was es mit der „Herausforderung“ auf sich hatte, von denen die bunten Leuchttafeln sprachen, wurde tausenden Besuchern bewusst, als niemand mehr vom Gelände kam. Oder gelassen wurde – ob die Abreise nun geplant war oder spontan stattfand. Ausgang A führte zu einem völlig überfüllten S-Bahnsteig Hoppegarten, auf dem 3.000 Festivalbesucher auf die Heimreise warteten und 30 davon mit Kreislaufproblemen oder Schwächeanfällen behandelten werden mussten. Ausgang B wurde lange Zeit wegen Überfüllung dicht gemacht und Ausgang C führten zu den Shuttlebussen, in die auch Anwohner einsteigen durften, die eigentlich nur einen zehnminütigen Fußweg nach Hause vor sich hatten. Vor meinen Augen fingen Besucher an, Zäune umzuschmeißen und sich mit Securitys anzulegen, weil sie nicht vom Gelände gelassen wurden. Na Hollapalooza die Waldfee, da war was los.

SLEAZE + S-Bahn
Langzeitbelichtung feat. Lollapaloozariesenrad

Klar ist, dass es Zeit braucht, um 85.000 Menschen nach Hause zu bringen. Und das auch jeder dieser 85.000 Menschen Geduld mitbringen und sich auf längere Wartezeiten einstellen sollte (so wie es eben auch angekündigt wurde). Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, wann ich solche Szene zuletzt auf einem Festival erlebt habe. Oder überhaupt schon einmal zuvor. Auf Twitter schrieb ein User: „It’s easier to get into @berghain than to leave #Lollapalooza Berlin.” Eine Aussage, die an dem Abend nicht so ganz aus der Luft gegriffen schien.

So viele Menschen und so wenig S-Bahn

Ein großes Problem war dabei wohl vor allem die unzureichende Abstimmung zwischen den Veranstaltern des Lollapalooza und den Zuständigen der öffentlichen Verkehrsmittel. Auf dem S-Bahnsteig Hoppegarten drängten sich tausende Menschen teilweise stundenlang, bis sie nach Berlin gebracht wurden. Und auch die Shuttlebusse hatten größte Mühe die Besucher vom Gelände wegzubringen. Dabei hielten diese dann auch nicht unbedingt an einer U-Bahnstation – wie eigentlich angekündigt –, sondern an der S-Bahn-Station „Friedrichshagen“, von der aus die anschließenden Bahnen zum Ostkreuz im 30 (!) Minuten Takt fuhren. Ein Samstagabend, der viel Aufbereitungspotenzial birgt und dem Lolla in Hoppegarten einen sehr faden Beigeschmack verschaffte, mit dem die diesjährige „Berlin“-Ausgabe des Festivals wohl (leider) auch bei vielen in Erinnerung bleiben wird.

Harter Rennbahnboden vs. weiches Bett

Wie es laufen kann, zeigten die Veranstalter und BVG am nächsten Abend. Die Abreise am zweiten Festivaltag verlief nahezu problemlos, da die Abstimmung und das Kontingent der Busshuttles verbessert und die Taktung der fahrenden S-Bahnen deutlich erhöht wurde. Nach diesem am Vorabend deutlichen Schuss vor den Bug war das allerdings auch mehr als notwendig. Die Frage ist nur, warum muss erst so ein Reinfall passieren, bevor sich gut auf solche Situationen vorbereitet wird. Meine Theorie ist ja, dass die Veranstalter nicht damit gerecht haben, dass so viele Menschen wieder heimfahren würden. Die haben bestimmt darauf gehofft, dass alle entspannt ihre Zelte aufschlagen und den harten Rennbahnboden dem weichen Bett zuhause vorziehen. Aber dem war wohl nicht so.

SLEAZE + S-Bahn
Gemütliche Sitzgelegenheiten gab es einige. Passendes Essen dazu auch.

Ob das Lollapalooza in den nächsten Jahren, trotz dieses Debakels, noch im Hoppegartenmeer umherschiffen darf oder doch wieder die Rückkehr in den Berliner Heimathafen antreten muss, wird sich zeigen (laut neusten Meldungen wird es wohl 2018 im Olympiapark Berlin fortgesetzt). So ein Chaos, bei dem man froh sein kann, dass alle Besucher so ruhig geblieben sind, darf sich auf jeden Fall nicht wiederholen!

Und sonst so?

Aber gibt es vom diesjährigen Lollapalooza nun eigentlich auch positive Dinge zu berichten, die das S-Bahn- und Shuttlebusabfahrtschaos am Samstagabend etwas relativieren können oder dies vielleicht sogar zur Randnotiz degradieren? Hm, aus der Randnotiz wird leider nichts, so gern ich das auch schreiben würde. Dafür waren die Probleme am ersten Festivaltag bzw. -abend zu schwerwiegend. Abgesehen davon ist das Festival aber in meinen Augen ein voller Erfolg gewesen. Hier nur drei Gründe, weswegen ich sehr gern wiederkommen werde (wenn nötig, auch auf die Hoppelbahn im Renngarten):

#1: Die hochkarätige, musikalische Vielfalt
SLEAZE + S-Bahn
Die Beatsteaks am Samstagabend auf der Main Stage I

Die Bands, Künstler und DJs, die das Lollapalooza zu bieten hatte und die auf den insgesamt vier Bühnen den Zuschauern während der zwei Tagen die musikalischen Nervenenden im Hirn stimulierten, erzeugten eine so abwechslungsreiche Soundlandschaft, dass es nur so eine Wonne war. Es ist einfach so viel vertreten gewesen, was das Musikerherz lauter mitsingen, härter pogen oder noch exzessiver abdancen lässt. Da hat man eben noch die Hüften zu Wanda und deren österreichischen Rock´n´Roll-Pop auf der Main Stage I kreisen lassen, dann geht’s auch schon rüber zu Mike Perry und seiner Interpretation von Tropical-House Music, zwischendurch werden zu Marteria taktvolle die Arme bewegt, bevor später die (hin und wieder punkigen) Rocker von den Beatsteaks die Bühne betraten und Mumford and Sons den Abend Folk-rockig beendeten.

Auch an Tag zwei war mit Annenmaykantereit, Hardwell, London Grammar, The XX und den Foo Fighters für jeden Ohrstöpsel etwas dabei. Und das ist es, was solch ein großes Festival ausmacht und weswegen das Lolla auch perfekt zu Berlin passt. Das Zauberwort heißt Vielfalt. Das Lollapalooza ist kein Wacken Open Air, kein SonneMondSterne, Highfield oder Melt. Muss es auch nicht sein, will es auch nicht sein. Es ist ein gelungener Mix aus verschiedenen Stilen und musikalischen Einflüssen, die dir auf jeder einzelnen Bühne begegnen und ein Genre-übergreifendes Musikfeeling erzeugen. Prädikat: schwärmenswert, wie hier deutlich zwischen den Zeilen gelesen werden kann.

SLEAZE + S-Bahn
The XX beim 3-Wetter-Taft-Haarlacktest.
#2: Eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht

Es ist Freitagnachmittag und ein ca. acht Jahre alter Junge geht bei den Beatsteaks etwas überfordert – aber voller Vorfreude – crowdsurfen. Es ist Samstagabend und du siehst Dave Grohl dabei zu, wie er sich gerade durch das Set seiner Foo Fighters schreit und im gleichen Moment rollt ein bunter Kinderwagen an dir vorbei, in dem ein Kind schläft, welches am Montag wahrscheinlich wieder seine Kita besuchen wird – das sind Bilder, die man nur auf dem Lollapalooza zu sehen bekommt. Durch das direkt ans Gelände angeschlossene Kidzapalooza war wirklich für alle Altersgruppen von 0 bis open end etwas dabei (auch wenn es dabei meiner Meinung einige Erziehungsberechtigte mit der Zu-Bett-geh-Zeit ihrer Sprössling etwas übertrieben haben → siehe Foo Fighters und die noch dazu enorme Lautstärke bei solch einer Musikveranstaltung).

SLEAZE + S-Bahn
Wie diese Jugend ständig schönste Hauswände beschmutzt, ist wirklich ein Skandal.

Durch Kinder-Disco, Zauberer und einer Menge Platz zum Austoben konnten Mami und Papi abwechselnd Konzerte gucken, während sich die Sprösslinge bei Klopapierschlachten und exklusiven Seat Bobby Car Parcours die Zeit vertrieben. Wie es dann weiterging, nachdem die Kids wieder nach Hause wollten und ihnen aber gesagt werden musste, dass sie noch fünf Stunden hier bleiben werden, weil Mami und Papi ein Haufen Geld für die Tickets ausgegeben haben, ist nicht überliefert. Aber das will ja auch keiner hören.

Recycelte Fahrräder und Maschinenwesen

Aber auch abseits der Bastel- und Spielwelt hat das sogenannte Lolla Fun Fair-Programm für eine ganz besondere Atmosphäre gesorgt. Auf dem Weg über das Gelände gab es ständig kleine Attraktionen zu erleben, bei denen ich stehen blieb und entweder verwirrt den Kopf schütteln musste oder staunend die Kinnlade fallen ließ. Meistens beides gleichzeitig. Zum Beispiel bei der Herde der Maschinenwesen. Roboterähnliche Kreaturen, welche sich von allein fortbewegten, aus alten recycelten Fahrrädern zusammengeschraubt und von einigen verkleideten Hirten begleitet wurden, die die stählerner Herde auf Kurs hielt. Horizon Zero Dawn lässt grüßen. Und das ganz ohne Controller in der Hand.

SLEAZE + S-Bahn
Die Herde der Maschinenmonster (geb. Fahrrad).

Oder auch der „Transe Express“ und die „Vagalume Peace Parade“ zogen mich zwischenzeitlich völlig in ihren Bann. Erst machen eine Gruppe Street Act-Künstler mit ausgefallenen Kleidern und Jongliershows auf sich aufmerksam und plötzlich steht eine zierliche Frauengestalt in einem weißen, leuchtendem Kleid vor dir und singt a cappella Opernlieder mit solche einer kristallklaren Stimme, dass einem alle anderen Musiker auf den Bühnen des Festivals wie völlig Amateure vorkommen. Unterhaltsamste Unterhaltung (ja, genau!) hatte das Lolla also auch neben dem eigentlichen Musikprogramm zu bieten. Und noch dazu ein Gelände, welches ständig etwas Neues zu bieten hatte.

SLEAZE + S-Bahn
Opernsängerinnen in leuchtende Gewänder gehüllt.

Und als wäre das alles nicht schon genug, gab es auf dem Lolla doch tatsächlich auch Klodörfer. Mehrere Kloanlagen, die auf dem Festivalgelände verteilt waren und teilweise aus bestimmt 50-60 Dixis bestanden. Also genau das Richtige für Leute mit dem Motto: #ichbrauchauffestivalskeinenluxusaberklos

#3: Essen soweit das Auge reicht

Punkt drei, weswegen das Festival in meiner Sympathietabelle ganz weit nach oben gekrabbelt ist: das Essen. So viel, so eine große Auswahl und nochmal SO VIEL verschiedene Fressbuden und Essenstände hab ich auf noch keinem anderen Festival gesehen. Um das leibliche Wohl wurde sich wirklich ausführlichst gesorgt. Bio-Pizza und Pommes Frites, Waffeln, Lachs Döner, Käsespätzle, Handbrot, slawische Maultaschen, vegane Burger und Currys sowie Berliner Bratwurst und Burritos waren da nur der Anfang der kulinarischen Köstlichkeiten. Es war wirklich alles dabei, was den Magen für wenigstens eine halbe Stunde nicht mehr vor Hunger quengeln lässt. Das Essen kommt beim Lolla tatsächlich direkt nach der Musik, das hat man deutlich gemerkt.

SLEAZE + S-Bahn
Berlin Burrito Company – nur einer der unzähligen Nahrungsergänzungsmittelstände auf dem Lollapalooza.

Dabei machte sich das Cashless-System auf dem gesamten Gelände allerdings nicht wirklich bemerkbar. Also nicht so positiv, wie es angekündigt war.
Auf dem Lollapalooza 2017 konnte man nämlich nirgendwo mit Bargeld bezahlen, sondern erhielt zusätzlich zum Bändchen einen Chip, mit welchem man überall auf dem Gelände Speisen und Getränke durch eine Handbewegung und ein kurzes Piepgeräusch an der Kasse erwerben konnte. Aufladen konnte man diesen entweder an einer der Aufladestationen auf dem Gelände (gegen eine Gebühr von einem Euro pro Aufladung) oder vor dem Festival zuhause.

Eine Analyse bis zum letzten Bissen

Dennoch kam es im Laufe des Wochenendes zu langen Schlangen vor fast allen Essensständen. Wären die Schlangen kürzer oder sogar noch länger gewesen, wenn jeder hätte bar bezahlen können? Wir werden es nie erfahren… Die Veranstalter haben das System offiziell eingeführt, um Diebstahl vorzubeugen und die Warteschlangen zu verkürzen (höhö). Für die Besucher war es auf jeden Fall praktisch. So konnte kein Bargeld verloren gehen und alles an überschüssigen Restgeld bekam man (so lange man das dann auch anfordert) zurücküberwiesen. Und die Veranstalter freuen sich wahrscheinlich inoffiziell darüber, dass sie das gesamte Konsumverhalten der Besucher bis auf den letzten Bissen analysieren konnten und zusätzliche Einnahmen in die Kassen gespült wurden (durch die Besucher, die das überschüssige Geld nicht wieder zurückforder(te)n). Bei 85.000 Besucher pro Tag und schon einem Euro pro Chip würde da doch schon wieder ein recht nettes Sümmchen zusammenkommen.

SLEAZE + S-Bahn
Für Sonntag hat die Bahn das Zugkontingent ordentlich aufgestockt.
War das Lollapalooza nun gut oder schlecht und ist das Nächste empfehlenswert?

Ja und JA!
Klar, die Abfahrt mit S-Bahn und Co. am Samstagabend war ein Debakel für Veranstalter und alle Verantwortlichen, die darin involviert waren. Das wissen alle Beteiligten und werden ihre Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht werden ein paar Köpfe rollen, vermutlich aber eher nicht. Deswegen jetzt aber das gesamte Festival verteufeln? Wäre natürlich auch Blödsinn. Die Mischung aus hochkarätigen Bands, einer grandiosen Stimmung und einem Gelände, auf dem es nie langweilig wurde, gepaart mit dem leckeren und reichhaltigen Essensangebot und dieser einzigartigen Fashion- feat. Hippie-Attitüde der Besucher machte das Lolla zu einer rundum gelungenen Veranstaltung.

Und diese Punkte lassen auch erahnen, warum die Festivalreihe mittlerweile in sechs Ländern und auf zwei Kontinenten eine Heimat gefunden hat. Nächstes Jahr (im Olympiapark) werde ich auf jeden Fall wieder mit dabei sein, diesmal allerdings besser vorbereitet. Ich werde mir vorsichtshalber „Titanic – das originale Hörbuch zum Film“ auf mein Nokia 5510 ziehen und jederzeit auf Abruf halten. Es könnte schließlich sein, dass ich mich zwischendurch auf längere Wartezeiten einstellen muss. 😉

Axel

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