Linklaters Schlafrausch

Linklaters Schlafrausch

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Als Quentin Tarantino anlässlich des 20-jährigen Jubiläums seines Kultfilms Pulp Fiction im Rahmen des Cannes Film Festivals 2014 nach dem Zustand des Kinos befragt wurde, erzählte er, sich von Zeit zu Zeit mit einem Kreise gut informierter, dem Film nahestehenden Freunde auszutauschen. Er bat sie, eine Liste mit jenen zehn aktuell aktiven Regisseuren anzufertigen, die sie am meisten mitreißen. Zwei Namen fielen dabei, so Quentin, in jeder der Aufzählungen: David Fincher (Gone Girl) und Richard Linklater, der 2014 in dem über zwölf Jahre gedrehtem Coming of Age-Drama Boyhood unprätentiös vom Heranwachsen eines Jungen erzählte. Dass selbiger Richard mit seinem neusten Werk, dem 80er-Fest Everybody Wants Some!!, einen erschreckend belang- und inhaltslosen Film inszenierte, mag hoffentlich nur als kleine Verirrung in Erinnerung bleiben.SLEAZE.everybodywantssome3

Der texanische Regisseur schaltet zu Beginn in einen Partymodus, dem er über die gesamte Laufzeit der knapp zwei Stunden kaum zu entrinnen weiß. Die im Geburtsstaat Richards verortete Geschichte um Blake, einem Neuankömmling (,,Freshman“) am College und neues Mitglied der dortigen Baseballmannschaft, im Herbst des Jahres 1980, führt früh in die alkoholgetränke Welt des College ein und etabliert die nötigen, gezwungen auf Absurdität getrimmten Saufkumpanen des attraktiven, gänzlich uninteressanten Protagonisten. Mögliche Konflikte, Brandherde und Handlungsbögen werden in Aussicht gestellt, aber bestenfalls kurz angezogen und schnell wieder fallengelassen. Eine gängiger Erzählstrukturen entgegenwirkende Dramaturgie ist mit offenen Armen zu begrüßen, nur weiß der Film nichts mit sich und seinem Setup anzufangen. Eine Orgie folgt auf die nächste, Tanzsequenz an Tanzsequenz, gefüllt mit stupidem Trinkhumor, der das nervige Ensemble an Hofnarren flügellos in humoristische Höhen treiben soll. Kaum ein Gag mag wirklich zünden und häufig sind es winzige Einzelereignisse, die ein zärtliches Grinsen heraufbeschwören könnten, was nicht zuletzt an der Charme- und stets betont zur Schau gestellten Schamlosigkeit der Filmfiguren liegt.

Sollte die Intention Richards die Inszenierung einer omnipräsenten Leere junger Collegestudenten gewesen sein, ist ihm dies gelungen. Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll verkommt hier zum Abziehbild einer pseudocoolen Gruppe Heranwachsender, die selbst in ihren potenziell substanziellen Momenten nicht mehr über die Lippen bringen als Geschwätz. Das mag gewissermaßen lebensnah sein – nur will man dem nicht über zwei Stunden und in solch stillosen Klischeemotiven zusehen. Bezeichnend eine Szene, in der Blake und einige seiner Kumpanen in kiffender Runde beisammen sind und somit den urtypischen Stereotypus vom auf Witz getrimmten Drogenkonsum im Film entsprechen. Ein großes Versäumnis des Films ist in all dem Partygetue das ständige Ignorieren möglicher, interessanter Ereignisse. Im Hintergrund schwingt ein großes, dramatisches Potenzial mit, das der Regisseur und Autor schließlich selbst aufbaut: das Anbahnen einer vorsichtigen Liebe, sportliche, persönliche und konkurrenzgetriebene Auseinandersetzungen im Baseballteam oder lebensdefinierende Ereignisse einer Nebenfigur. Titelgebend will jeder etwas, doch scheint genau dieses Drama zwischen Leere und Wunsch nach Mehr viel zu selten auf.

SLEAZE.everybodywantssome2So schwankt der Film trotz seines farbenfrohen Abbildes der anfänglichen 80er von einer Bierdose zur anderen. Richards noch junges Jahrzehnt erfährt seinen Ausdruck in einer detailreichen, nostalgiegefärbten Ausstattung: Autos, Kleidung und die Musik sind mit einem liebevollen Selbstverständnis ans Damals angepasst, wodurch ihnen ein eigener, ausdrucksstarker, zuweilen auch komisch anmutender Charme innewohnt. Nicht dem Zufall geschuldet so wohl auch die Tatsache, dass Hauptfigur Blake als großer Musikfreund inklusive mitgebrachter Plattensammlung eingeführt wird. Die starre, wenig dynamische Regie weiß sich allerdings nie so recht in ihrer vorliegenden Welt zu bewegen. Die ständige Rauschheit der Charaktere und der Blick in die Vergangenheit findet bildlich kaum eine entsprechende Auflösung und verlässt sich so ganz auf die vielfältige Ausstattung. Nur wirkt das Geschehen viel zu steif, als dass so etwas wie eine dynamische Feierstimmung aufgebaut werden könnte, was für einen zweistündigen Partyfilm in brutaler Katerstimmung endet. Bleibt zu hoffen, dass Richard Linklater dieser Kater nicht zu lange nachhängt.

Alex Warren

Titel: Everybody Wants Some!!
Regie: Richard Linklater
Laufzeit: 116 Min.
VÖ: 02.06.2016
Verleih: Constantin Film

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