Linkes Lernen in der Berlin Rebel High School

Linkes Lernen in der Berlin Rebel High School

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In einer alten Fabriketage in Kreuzberg ist die wahrscheinlich abgefahrenste Schule Deutschlands untergebracht. Kein Direktor, keine Noten und auch sonst nichts, was man noch von früher kennt. Sie wird komplett selbstverwaltet. Diese durchaus sehr experimentelle und einzigartige „Schule für Erwachsenenbildung“ wird nun in Alexander Kleiders neuem Dokumentarfilm Berlin Rebel High School vorgestellt.

SLEAZE: Berlin Rebel School
Die jungen Rebellen Berlins

Seit 1972 gibt es diese rebellische Schule nun schon in Berlin. Denn damals (in der Zeit, in dem Schüler und Studenten noch politisch aktiv waren und keine passiven Nichtsnutze) kam es an einer privaten Schule zu einem massiven Streik, der sich gegen den überautoritären Direktor, eine total reaktionäre Schulordnung, überfüllte Klassen, allgegenwärtigen Leistungsdruck und Kündigungen von Schülern und Lehrern aus politischen Gründen richtete. Nachdem dieser Aufstand dann von der Polizei niedergeknüppelt wurde und immer noch keine Aussicht auf Verbesserung anstand, entschieden sich die klugen Köpfe von damals, einfach eine neue Schule zu gründen. Eine, die frei ist von all dem, was das deutsche Schulsystem ausmacht.

So entstand sie, die Schule für Erwachsenenbildung. Heute ist sie ein demokratisches Schulprojekt, welches sich selbst verwaltet, also ohne klassische Schulleitung. Das bedeutet im Klartext, dass der Alltag der Schule von den Schülern und Lehrern gemeinsam organisiert, geregelt und durchgesetzt wird. Das fängt bei Hausmeistertätigkeiten an und hört bei der Gestaltung des Lehrplans auf. Was erst einmal nach dem totalen Chaos klingt, funktioniert aber erstaunlich gut.

Die Doku, welche bereits den Publikumspreis auf dem Austin Film Fest abstauben konnte, zeigt die gesamte Oberstufenzeit einer Schulklasse. Zwei Jahre also insgesamt. Das Besondere an dieser Schulklasse ist aber, dass jeder Schüler vorher schwerwiegende Probleme mit seinen vorherigen Schulen beziehungsweise mit dem Schulsystem hatte. Alex zum Beispiel (der wirklich beeindruckende Ähnlichkeit mit dem jungen Bill Murray hat) hatte früher massive Probleme mit seinen Mitschülern. Oder der koreanisch-türkische Hanil. Er ist aufgrund der Probleme mit seinen Lehrern und auch wegen seiner eigenen Faulheit von der Schule geflogen. All diese jungen Menschen bekommen auf der einzigartigen Schule eine zweite Chance.

Aber nicht nur die Schüler sind besonders an der Schule. Vor allem die Lehrer leisten Unglaubliches, denn sie verzichten auf das gewöhnliche Gehalt an normalen Schulen. Das Einkommen an der Schule für Erwachsenenbildung beträgt 12 Euro und 50 Cent. Das ist ungefähr so viel, wie man verdient, wenn man bei Aldi an der Kasse sitzt… Nur dass man das nicht tut, sondern vor einem Haufen junger Leute steht und versucht, sie zum Lernen zu motivieren und sie auf ihr späteres Berufsleben vorzubereiten. Ach ja, und die Rente beträgt ca. 800 Euro monatlich. Versucht davon mal, eine Familie zu versorgen.

SLEAZE: Berlin Rebel School
Mathe-Unterricht, der hängen bleibt

Wie auch immer, all dies zeigt der Film auf sehr berührende Weise. Er lässt sich Zeit, um auf die einzelnen Schicksale der Kids einzugehen, zeigt ihren bisherigen Lebensweg und aktuelle Situation, aber auch, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Dass alles passiert mit so viel Nähe und Einfühlsamkeit, dass man nach den zwei Jahren filmischer Begleitung echt das Gefühl hat, sie zu kennen. Auch die Lehrer werden sympathisch vorgestellt und ihre Meinungen haben einen wichtigen Wert im Film. Schließlich sind sie es, die sich vom herkömmlichen, deutschen Schulsystem abwandten, um ein besseres zu unterstützen.

Nieder mit dem deutschen Schulsystem?

Und da sind wie bei der wichtigsten Message des Films: der Kritik am deutschen Schulsystem. Das ist, wie jeder weiß, der hier schon mal auf die Schule gegangen ist, nicht so toll. Es wimmelt nur so von Gerechtigkeitsdefiziten, jeder Mensch ist schließlich anders und lernt anders. Oder Leistungsdefiziten: Es wird oft versäumt, Grundlegendes wie Mathe oder Lesen richtig zu vermitteln. Oder auch Beteiligungsdefiziten: Die jungen Leute werden kaum einbezogen in das politische Vorgehen. Und wenn, dann nicht mit dem erforderlichen Respekt. Die Entscheidungen werden stattdessen von jenen Leuten gefällt, die wenig Einblick in die gegenwärtige Welt derer haben, die direkt von ihr betroffen sind.

Und das bringt die Doku dem Zuschauer gut bei. Es ist ein Film, der unterhalten kann, aber dennoch genug Informationen vermittelt, damit man danach wieder etwas schlauer ist. Wer also schon immer mehr über ein sozialistisches und alternatives Schulsystem wissen wollte oder wer unser aktuelles für falsch hält, sollte sich Berlin Rebel School unbedingt mal ansehen.

Simon

Titel: Berlin Rebel High School
Regie: Alexander Kleider
Laufzeit: 97 Min.
: 11.5.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Neue Visionen

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