Lindsey Stirlings Artemis – Wie klingt der Sound der Mondgöttin?

Lindsey Stirlings Artemis – Wie klingt der Sound der Mondgöttin?

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Artemis – die Göttin der Jagd, des Waldes, der Geburt und vor allem: die Göttin des Mondes. Den Namen der griechischen Mondgöttin trägt auch das neue Album der mehrfach ausgezeichneten Electro-Violinistin Lindsey Stirling.

SLEAZE + Lindsey - Artemis
Ist sie der US-David-Garrett?

Die brandneue Musik der US-amerikanischen Musikerin ist ein Spiel zwischen Licht und Schatten. Es ist Ausdruck und Mittel von Lindsey, ihre Depressionen zu überwinden, mit denen sie lange zu kämpfen hatte. Auf dem Weg begleitete sie Artemis, zu der sie sich sehr verbunden fühlt:

Es steckt so viel Symbolik in ihrer Geschichte.“ so Lindsey. „Der Mond kommt und geht. Manchmal ist er von Schatten bedeckt, dann wieder ist er wunderschön und strahlend. Es war eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens, die ich von Artemis und dem Mond gelernt habe: nicht aufzugeben, sondern durchzuhalten und zu kämpfen.”

Was Fans bestimmt schon wissen…

Artemis ist das fünfte Album der 32-Jährigen. Ihr erstes und selbst betiteltes Album, das Lindsey 2012 veröffentlichte, wurde mit Gold ausgezeichnet und war der Startschuss für eine mittlerweile wahnsinnig erfolgreiche Musikkarriere.

Die folgenden Alben Shatter Me (2014) und Brave Enough (2016) wurden mit dem Billboard Music Award in der Kategorie Top Dance / Electronic ausgezeichnet. Bereits im Jahr 2015 schaffte es die einzigartige Künstlerin auf Platz vier der Forbes-YouTube-Künstlerliste und war damit die Bestplatzierte unter den weiblichen Künstlern.

Mit ihrem außergewöhnlichen Mix aus elektronischer Musik und der Violine sprengt die Violinistin Genre-Grenzen und begeistert in ihren Live-Shows eine riesige Fanbase rund um die Welt. Klingt nach David Garret. Nun…mach dir selbst ein Bild.

Lindsey ist übrigens nicht nur Musikerin, sondern auch Tänzerin, was ihre Auftritte besonders lebendig macht. Wer erleben will, wie Lindsey eine Pirouette drehend den Bogen über ihre Geige jagt, muss auch gar nicht mehr lang warten: Die Tänzerin mit der Violine ist gerade auf großer Tour durch Europa und steht vom 12. – 27-09. auch in zahlreichen Städten in Deutschland auf der Bühne.

Von vollkommenen und unvollkommenen Drops und Melodien

So weit, so gut. Jetzt aber endlich mal zum neuen Album: Ich drücke auf Play. Es beginnt der erste von insgesamt 13 Songs, Underground. Eine spielerische, fast romantische Geigen-Melodie umgibt mich, darunter tänzeln verträumte Klavierklänge.

Die Melodie windet sich in immer wehleidigere Töne, bis hin zu einem seufzenden Triller. Dann entwickelt sich die Stimmung: Ein brummender Bass und eine dumpfe, unter Soundeffekten pochende Snare setzen ein. Die Violine schreitet im mutigen Zick-Zack voran. Darunter mischt sich treibende Percussion, während die Violine im Wechsel zwischen düsteren und hellen, flinken Melodien darüber schwebt. Die Musik wird zu einem immer mehr treibenden Spiel, bis zum Drop, bei dem im Hintergrund eine Art Kampfschrei ertönt.

Im Chorus fügen sich eine wummernd-pumpende Bass-Drum, eine blecherne hohe Snare und tanzende zarte Hi-Hats zu einem Electro-Hip-Hop-Beat zusammen. Doch was ist mit der Geige? Aus der virtuosen Verspieltheit wird eher eingängige Eintönigkeit. Lindsey spielt eine aus wenigen Tönen bestehende, leicht mitzusingende Melodie. Wenn dann das Klavier diese Melodie mitspielt, rückt die Violine noch weiter in den Hintergrund.

SLEAZE + Lindsey - Artemis
Avatar oder Violinistin aus Fleisch und Blut?

Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt fürs Austoben auf der Geige gewesen. Leider bleibt es bei einer schlichten poppigen Melodie, die für mich wenig Wirkung hat. Damit ist im Chorus kaum eine richtige Steigerung zum Aufbau erkennbar.

Ähnlich geht es mir in mehreren anderen Songs des Albums, wie Artemis, Til the light goes out oder Masquerade. Der Beat baut sich auf, der Bogen schwebt über die Saiten, die Spannung steigt, uuuuuuund?

Wo bleibt der Drop, der einen so richtig mitreißt? Wo bleibt das Licht, das den Schatten blendet, verstrahlt, besiegt? Der Chorus holt mich leider nicht so richtig ab. Schade, denn oft hatte die Musik bis dahin einen schönen Lauf hinter sich.

Die richtige Bogenspannung

Der Song Love goes on and on bildet hingegen spannungsbogenmäßig eine Ausnahme: Der sanfte Gesang, der von der Violine begleitet wird, wird immer energischer, bis die Melodie zum Eintritt des Chorus ihren höchsten Ton erreicht und die Musik ihre Energie voll entfaltet. Eine ähnlich schöne Steigerung gibt es in Darkside. Vor allem den Anfang des Songs finde ich rhythmisch interessant, weil man die Pizziccato-Streicher erst auf dem Beat hört, man aber nach dem Einsatz des Schnipsens merkt, dass es sich um einen Off-Beat handelt.

Virtuose, verspielte und interessante Melodien, in denen die Violine auch wirklich mal schön und klar in Szene gesetzt wird, gibt es meist außerhalb des Chorus. Wie z. B. in Masquerade im Pre-Chorus. Da flitzt der Bogen nur so über die Geige und Lindsey zeigt, was sie wirklich kann. Mit Pizzicato und Vibrato auf der Violine verbergen sich in Songs wie Til the light goes on zusätzliche spannende Elemente.

Piano-Riffs und Gesangs-Features

The Upside und Aurora klingen für mich eher wie Electro-Pop-Schlager. Zwischen Foor-On-The-Floor- und Boom-Tschak-Beats werden da auf dem Klavier diese ganz typischen Pop-Piano-Riffs gespielt, die man gefühlt in jedem vierten Chartsong hört.

Eine weitere Version von The Upside mit Gesang ist zusätzlich Teil des Albums. Die Gesangs-Features finde ich generell nicht so gut gelungen, sie rücken die Violine sehr in den Hintergrund, die dann eher wie schmückendes Beiwerk wirkt. Vor allem Elle Kings Stimme in The Upside hat für mich leider nichts Besonderes, eben sehr chart-typisch.

Blick aufs Ganze und ein bisschen Nostalgie

Im Allgemeinen ist auf dem Album für mich eine Entwicklung Richtung Mainstream zu erkennen, was man heute bei vielen Künstlern beobachten kann. Die Songs sind sich teilweise sehr ähnlich und eher einfach aufgebaut.

Die Musikstücke haben häufig nur vier Akkorde als Grundlage. Beispiele wären da Sleepwalking oder Guardian. Einfachheit kann natürlich musikalisch auch was mit sich bringen, aber wenn zwischen Aufbau und Chorus des Songs nicht mal die Bassline wechselt, wird es einfach langweilig.

Lindsey wagt weniger. Die Geige tritt mehr in den Hintergrund, wird von Piano, Stimme oder Effekten überschattet und es gibt weniger Dubstep-Elemente. Vor allem die Refrains werden meist zu eintönig-poppigen Mitsing-Melodien. Die Musik ist irgendwie kompakter, klingt weniger schöpferisch und virtuos.

SLEAZE + Lindsey - Artemis
Was kann das Album jetzt?

Was für mich ältere Songs der eigentlich einzigartigen Künstlerin wie Take Flight, Heist oder Moon Trace ausmachen, das kann ich im Album Artemis leider kaum wiederfinden. In diesen (alten) Songs wird die Violine sehr schön in Kontrast zu Dubstep-Elementen gesetzt. Es ist ein spannendes Spiel zwischen zwei Welten. Virtuosität und Violine stehen klar im Vordergrund.

Aber auch wenn mich die Musik von Lindseys neuem Album, die durchaus auch schöne Momente hat, nicht so mitnimmt, so tut es doch der Gedanke dahinter:

Mir ist es wichtig, dass die Menschen an sich glauben – wie der Hauptcharakter in meiner Geschichte. […] Du musst dich nicht damit abfinden, wer du gerade bist – vielmehr kannst du jederzeit der sein, der du glaubst, sein zu können.“

In diesem Sinne: Viel Spaß mit dem Album und / oder mit der Weisheit.
Nele

Interpret: Lindsey Stirling
Album: Artemis
VÖ: 06.09.2019
Label: BMG Rights Management

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