Light of My Life: Casey Afflecks Postapokalypse

Light of My Life: Casey Afflecks Postapokalypse

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SLEAZE + Light of My Life
Die kleinst-mögliche Familie.

Als Medienpartner des tollen Fantasy Filmfest entdeckten wir auf dem Festival viele tolle, neue Filme – wie Light of My Life.

SLEAZE + Light of My Life
Unzertrennlich in der Postapokalypse

„Mein ganzes Herz gehört dir. Das war schon immer so.“ So heißt es einmal in Cormac McCarthys postapokalyptischem Roman Die Straße, der von der Reise eines Vaters mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Amerika erzählt.

Es wäre nicht verwunderlich, hätte man sie in Casey Afflecks neustem Film Light of My Life zu hören bekommen. Denn wie im eingangs zitierten Buch erzählt der vor allem als Schauspieler bekannte Casey (Manchester by the Sea) eine Geschichte über Vater und Kind in einer Zeit des Niedergangs. Und ähnlich wie das literarische Werk hat mich auch der neuste Streifen tief bewegt.

In Light of My Life verkörpert Casey einen nicht näher benannten Vater, der gemeinsam mit seiner Tochter Rag (Anna Pniowsky) durch die Wälder streift. Im Schutze ehrfurchtgebietender Bäume und der erbarmungslosen Witterung ausgesetzt, führen sie ein abgeschiedenes Leben in Bewegung.

Fremde sind potenzielle Zerstörer und Eindringlinge ihrer klein gewordenen Familieninsel, scheint sich der bärtige Vater zu denken. Vor allem dürfen sie nie erfahren, dass sein Sohn weder Alex heißt noch dass es ein Mädchen ist.

Der Film erzählt von einer Welt, in der das Gleichgewicht der menschlichen Existenz endgültig aus den Fugen geraten ist. Große Teile der weiblichen Population wurden von einer Plage niedergerafft. Rag ist womöglich ein kleiner Lichtblick der zerstreuten Bevölkerung und ohne Zweifel das Lebenslicht ihres Vaters.

Vortrefflich beobachtet, Mr. Affleck

Was genau geschah, ist unklar. Casey inszeniert eine gefährliche und zumindest in Ansätzen noch intakte Welt, in der weibliche Menschenwesen zum Ziel werden. Worauf hoffen die nach Frauen und Mädchen Suchenden? Auf Antworten? Rettung? Auf eine Art Kopfgeld? Auf Befreiung ihres Triebs?

Light of My Life setzt Beobachtung an Stelle der Erklärung. Er lässt uns frei von erzählerischem Druck am Leben von Vater und Tochter teilhaben, für die jede Reise in die Stadt, in der die lesefreudige Rag neue Bücher und die kleine Familie frische Vorräte findet, die letzte sein könnte. Jegliche Begegnung mit einem Fremden könnte das Ende der beiden bedeuten.

Und so bleiben die beiden auch gerade auf Druck des männlichen Oberhaupts besser unter sich. Casey hat daher sehr viel Zeit, sich auf ihre tiefe Verbindung mit ihren Zärtlichkeiten und Reibereien zu konzentrieren. Hierbei entstehen wundersame Momente des Zusammenseins, aus denen der Film nicht durch den Zwang der nächsten Spannungsspitze flüchtet.

SLEAZE + Light of My Life
Lesen gegen die Strapazen des Niedergangs

Er besitzt keinen klassischen Plot, an dessen Stationen er sich entlang hangeln müsste. Es gibt keinen von Beginn an etablierten Endpunkt. Vater und Tochter sind der neuen Welt ausgesetzt. Wir sind ihre stillen und schluchzenden Beobachter zwischen Gutenachtgeschichten, Reisestrapazen und der herzerwärmenden Bürde des Elternseins in einer Welt ohne Ordnung.

Erzählerische Befreiung vor urgewaltiger Natur

Zugleich zeigt Casey ein Gespür für atmosphärische Naturaufnahmen. Im Angesicht gigantischer und vermutlich Hunderte oder gar Tausende Jahre alter Bäume droht das Duo regelrecht verschluckt zu werden. Sie wandern durch nebelverhangene und vom Regen gezeichnete Lande, in denen sich die Schönheit und Melancholie des Weltenzustands widerspiegelt.

Auch hier zeigt sich, mit welch Ruhe Light of My Life zu immenser Kraft findet. Es sind monumentale Bilder der Endzeit, die an die Urgewalt der Natur und zugleich den Verfall der Welt erinnern.

Sie sind umgeben von den reichen Klangwelten des Komponisten Daniel Hart (A Ghost Story), der Augenblicken der Stille, Bewegung aber auch Intimität und Gefahr einen vertrauensvollen Gefährten an die Seite stellt. Er versteht es, das Unbarmherzige der Welt ebenso in Musik zu übersetzen wie die Wärme der Familie und die Traurigkeit des Untergangs.

SLEAZE + Light of My Life
Die kleinst-mögliche Familie.

Gefühlt drohen Casey, zugleich Drehbuchautor, nie die Zügel seines Films aus der Hand zu gleiten. Er geht seinen Weg dermaßen sicher und ohne Kompromisse dem Ende entgegen, dass Light of My Life auch weit über die Erfahrung im Kinosaal hinausreicht.

Er ist von solch einer Erdung und frei von inszenatorischen und erzählerischen Konventionen, dass er zu einem im positivsten Sinne störrischen, weisen und einfühlsamen Kinowunder heranwächst.

Alex

Titel: Light of My Life
Kinostart: noch ohne deutschen Kinostart
Dauer: 119 Minuten
Genre: Drama
Produktionsland: USA
Filmverleih: Universum Film

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