Life: Ein Alien der anderen Art

Life: Ein Alien der anderen Art

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Die Außengrenze der Gewalt verläuft in dem Science-Fiction-Film Life genau durch die im Erdorbit schwebende Internationale Raumstation ISS. Die Crew, bestehend unter anderem aus Jake Gyllenhaal (Nightcrawler) und Rebecca Ferguson (The White Queen), fängt in diesem Thriller eine kleine Probe vom Mars ein, in der sich eine Zelle befindet. Und zwar eine außerirdische Zelle. Mit anderen Worten ist dies der erste Beweis für außerirdisches Leben im fiktionalen Kosmos dieses Films, der – mehr oder weniger – in unserer heutigen Zeit spielt.

Und wie geht’s dann weiter? Kommen die Außerirdischen in Frieden? Nein! Life ist Survival Horror im Gewand eines Science-Fiction-Films. Der süße Haufen organisches Material wächst ziemlich schnell und stellt sich als mörderisch heraus. Er hat zuvor schon alles Leben auf dem Mars vernichtet. Ultimativ wollen die Astronauten in Life ein Übergreifen des Organismus auf die Erde verhindern, kämpfen aber auch erstmal (teilweise erfolglos) um ihr eigenes Überleben bzw. versuchen, den Organismus zu vernichten.

Womit haben wir es hier also zu tun? Ganz klar, mit einem AlienRipoff. Denn ein mörderisches, evolutionär überlegenes Alien, das ein Raumschiff terrorisiert – dies stellte der Filmklassiker von 1979 bereits dar. Und deshalb haben sich die Life-Macher jetzt diese klassische Geschichte genommen, alles darin Gute beibehalten und dem Ganzen nur ein Update gegeben in Form zeitgemäßer, besserer Spezialeffekte? Das wäre schön, ist leider nur so ganz und gar nicht der Zustand der heutigen Filmindustrie. Man muss aber klar sagen, dass es auch ein wenig unfair ist, Life mit diesem Meilenstein des Horror- und Science-Fiction-Films und des modernen Kinos überhaupt zu vergleichen. Deshalb tun wir das jetzt einfach mal!

Die Nostromo und Crew

Das damalige Schiff, ein völlig belangloser Raumfrachter, war vor allem: dreckig, total verwinkelt, unübersichtlich und dunkel. Mit anderen Worten: Die Nostromo hatte eine 1A-Horrorfilm-Atmosphäre! Und Atmosphäre ist hier das Stichwort, denn die realistisch nachempfundene Raumstation in Life ist total hell, weiß, sauber und übersichtlich. Anders gesagt: Der Ort, an dem du garantiert keine Angst kriegst. Und das ist nun wirklich nicht mein eigenes rein subjektives Empfinden. Jeder, der schon mal Alien gesehen hat, kann sich wohl daran erinnern, wie dieses immer in die Luftschächte flüchtete und richtig fies aus dem Hinterhalt oder einem Versteck angriff. In Life gibt es diesen Überraschungseffekt nicht, es gibt auf der ISS jeweils nur einen Gang – völlig ohne doppelten Boden. Und naja, dass Dunkelheit und Schmutz eher zum Fürchten beitragen, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Kabelsalat & Jake Gyllenhaal an Bord der ISS

Doch das ist noch lange nicht alles! In Alien hatten die Macher beispielsweise auch so Gruseleffekte hinbekommen wie eine ganz hervorragende Haptik. Die Alien-Eier am Anfang des Films oder auch das Alien selber waren so schleimig, eklig und klebrig. Man hat sich als Zuschauer schon gefürchtet, wenn man das nur sah. Die Vorstellung, diese Oberflächen anfassen zu müssen, war damals einfach nur grausig. Und in Life? Ist das Alien eine reine CGI-Schöpfung. Es hat also gar keine Oberfläche! Es ist gar nicht richtig da. Die Astronauten werden es nie anfassen können. Noch dazu war das Alien in Alien von Albtraum-Meister HR Giger designt und sah entsprechend aus. In Life hat das Alien nicht mal ein Gesicht. Kein Vergleich zu der Doppelt- und Dreifach-Zahnreihe des wahren Aliens!

Alles schlecht also?

Aber Moment mal, ich möchte hier den Film Life auch nicht komplett niedermachen, denn er hat auch seine guten Seiten! Zum einen sind da die Effekte zu nennen, die wirklich hervorragend aussehen (vom Alien mal abgesehen): Die Einstellungen draußen im All sind sehr überzeugend. Besonders wenn sich die Raumschiffe mal schnell bewegen, kommt alles visuell echt exzellent rüber. Und auch die Schwerelosigkeit im All ist optisch nahezu perfekt aufgelöst. Um wie viel mehr wünscht man sich da als Zuschauer, dass der Rest des Films auch besser wäre!

Und man muss Life auch richtig einordnen in die gegenwärtigen Sci-Fi-Trends, die vieles von mir eben Kritisierte irgendwo erklären. Denn Life ist ein Bruder im Geiste von Filmen wie Gravity, The Martian oder Interstellar. Das sind alles erfolgreiche Sci-Fi-Filme der letzten Jahre und, bis auf Interstellar, zeichnen sie sich alle durch einen hohen Realismus aus. Gerade Gravity war da ganz weit vorne. In all diesen Werken sind die Raumschiffe entweder solche, die es wirklich gibt – wie die ISS in Life – oder aber, es wird wissenschaftlich fundiert ein paar Jahrzehnte in die Zukunft gedacht (The Martian). Oder aber, wie im Fall von Interstellar, wird zumindest, was Schwarze Löcher und ähnliche Himmelsphänomene angeht, immer darauf geachtet, dass kein Physiker sich beschweren könnte. Gerade Interstellar wurde beispielsweise von Physikern für die erstmalige korrekte visuelle Darstellung eines Schwarzen Lochs gelobt. Oder andere Details in Interstellar, die stimmen, wie beispielsweise, dass es im Weltall keinen Sound gibt, da im Vakuum kein Trägermedium für die Schallwellen vorhanden ist. All das ist wissenschaftlich korrekt, und das erklärt auch einige Schwächen von Life. Denn die Macher haben ja einfach die Internationale Raumstation realistisch darstellen wollen. Nur killt das eben ein wenig den Horroreffekt.

Was gibt es noch zu kritisieren an Life, wo wir schon dabei sind?

So einiges, beispielsweise die Charaktere! Das ist nun wahrlich keine Kleinigkeit, leider aber auch wahrlich keine Seltenheit in heutigen Blockbustern. Denn überzeugende Figuren, Persönlichkeiten, gibt es gar nicht in Life. Jake Gyllenhaal war mal Soldat in Syrien, ist irgendwie traumatisiert und lieber im Weltall als auf der Erde. Der japanische Astronaut Sho Kendo (Hiroyuki Sanada) wohnt live via Skype der Geburt seines Kindes auf der Erde bei. Viel mehr passiert nicht in Richtung Charakterisierung!

Tut, was sie immer tut: Rebecca Ferguson

Besonders betrüblich ist hierbei Rebecca Fergusons Charakter. Denn sie scheint zwei Hauptfunktionen zu haben in Life: Entweder beobachtet sie hinter der nächsten Glasscheibe oder Luftschleuse das Geschehen und wir sehen als Zuschauer auf ihrem Gesicht jeweils die emotionale Reaktion auf die Szene (Sie kaut also den Zuschauern die Emotionen vor). Oder aber, Rebecca liefert wissenschaftliche Hintergrundinfos oder erklärt, was gerade passiert (Manchmal gibt es sogar 1 und 2 gleichzeitig!).

Das gibt mir schön die Möglichkeit, wieder den Bogen zum unfairen Vergleich zu schlagen: Ripley. Gespielt von Sigourney Weaver, ist sie als erster weiblicher Actionheld in die Filmgeschichte eingegangen, ein feministischer Charakter durch und durch (Alien ist von 1979), Empowerment! Schon komisch, dass dann im Jahr 2017 die weibliche Hauptfigur nur passiv beobachtet und lediglich die Jungs sich die Hände schmutzig machen dürfen!

Man könnte noch ein Weilchen so weiter machen, doch irgendwie reicht es jetzt auch mal. Ich denke, wir verstehen uns ganz gut, was Life angeht. So, und jetzt kommt das eigentlich Komische: Ich empfehle dir trotzdem, diesen Film zu sehen! Denn er ist nicht wirklich schlecht. Ich habe hier nur gerade als Hardcore-Science-Fiction-Liebhaber die Defizite aufgezählt – und enttäuschte Liebhaber sind ja immer die schlimmsten Kritiker! 😉 Ob diese Empfehlung allerdings weniger über die Qualität von Life aussagt und mehr über die „Qualität“ und den Zustand des heutigen Kinos allgemein, sei mal dahingestelllt. Möchtest du aber sehen, wie ein gesichtsloser Zellhaufen eine Raumstation aufmischt, dann schau dir Life an.

Robert

Titel: Life
Regie: Daniel Espinosa
Laufzeit: 104 Min.
: 23.3.2017 (dt. Kinostart)
Verleih: Sony Pictures

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