Lass uns mit Stanley Kubrick von Napoleon träumen

Lass uns mit Stanley Kubrick von Napoleon träumen

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SLEAZE + Stanley Kubrick's Napoleon

„Zunächst beginne ich mit der Prämisse, dass es nie einen großen historischen Film gegeben hat, und ich sage das mit allem Respekt und leiste all jenen Abbitte, die historische Filme gedreht haben, mich selbst eingeschlossen“, sagte Stanley Kubrick in einem 1972 stattgefundenen Interview mit Sight & Sound zu seinem nie realisierten Großprojekt über Napoleon Bonaparte.

SLEAZE + Stanley Kubrick's Napoleon
Aufmachen und eintauchen…

Mit „Stanley Kubrick: The Greatest Movie Never Made“ brachte der Taschen Verlag kürzlich eine einbändige Ausgabe mit umfangreichen Materialien heraus, die auf der 2009 erschienenen, aus insgesamt zehn Bänden bestehenden Original-Sammlerausgabe basiert. Das gut 800 Seiten schwere Werk ist ein schieres Zeugnis von Ambition, jener Napoleons, Stanleys und seinem geplanten Mammutwerk und gleichzeitig ein Denkmal eines visionsreichen Kinos, das an seinem Weltraumtraum 2001 – A Space Odyssey (1968) anschließen sollte.

Napoleon als „aktionsreiches episches Gedicht“

Hierbei sei vorweg erwähnt, dass die nackten Fakten allein von der eigentlichen Größe ablenken könnten. Ja, Stanley wollte seinen Napoleon-Film mit bis zu 40.000 Infanteristen und 10.000 Kavalleristen während der großen Schlachten drehen. Um Kosten zu sparen, sollten Teile der Armee des entsprechenden Drehortes – im Gespräch waren etwa das ehemalige Jugoslawien, Ungarn und Rumänien – herangezogen werden.

Jeder Schauplatz, jedes Kostüm, jedes Ereignis erdete auf massiven Nachforschungen, die der Regisseur u.a. anhand zahlreicher Bücher und Gesprächen mit Kennern unternahm. Doch dies war nur die nach außen hin zu sehende historische Hülle, die Stanley anstrebte.

Mindestens ebenso interessierte ihn die bis heute nachglühende Person Napoleons als solche. Auf die Frage, warum er einen Napoleon-Film mache, antwortete er 1969 gegenüber Joseph Gelmis zu dessen Buch The Film Director As Superstar: „Um diese eine Frage zu beantworten, könnte ich schon dieses ganze Interview in Anspruch nehmen. Zunächst einmal bin ich von ihm fasziniert. Sein Leben ist als ‚aktionsreiches episches Gedicht‘ beschrieben worden.[…]Und natürlich hat es nie einen guten oder wirklichkeitsgetreuen Film über ihn gegeben. Außerdem finde ich, dass alle Themen, mit denen sich der Film beschäftigt, auf eigenartige Weise aktuell sind: die Verantwortung und der Missbrauch der Macht, die Dynamik einer gesellschaftlichen Umwälzung, die Beziehung des Einzelnen zum Staat, Krieg, Militarismus etc.“

Ein Buch über einen Film über Napoleon über uns

Der Film sollte der erste Film werden, der der komplexen Person Napoleons tatsächlich gerecht würde. Die Geschichte über den einstigen französischen Herrscher sollte Anlass sein, „die Herrlichkeit ebenso wie die Zerbrechlichkeit des Menschen zu beleuchten, und zwar anhand der Figur eines charismatischen Führers, der Begabungen ohnegleichen besaß, der verehrt wurde und zutiefst in sich selbst verliebt war, der aber auch, weil ihm seine Arroganz im Wege stand, seinen eigenen Niedergang herbeiführte“, erklärte Stanleys langjähriger Produktionspartner und Bruder seiner Witwe Christiane Kubruck, Jan Harlan, in einem eigens verfassten Text aus dem Oktober 2007. Ein Film, nicht nur ein verstaubtes Historienstück, sondern als Eintauchen in den Konflikt zwischen Ratio und Leidenschaft, zwischen Schlachtengemälde und Obsession. Kurz: ein Film über uns, wie alle Werke Stanleys zuvor auch.

SLEAZE + Stanley Kubrick's Napoleon
…in die Traumwelten Stanley Kubricks…

Dabei versucht das nun neu vorliegende Archiv-Buch von Alison Castle gar nicht erst, das Projekt in irgendeiner Weise zu erklären. Dies sei nicht ihre Absicht. 2017 schrieb sie: „Ihre Aufgabe, werte Leserin und werter Leser, ist es nun, diese unterschiedlichen Artefakte ganz nach Ihrem Belieben zu entschlüsseln, und ich hoffe, Sie haben Ihre Freude daran.“

Und von diesen Artefakten liegen eine Menge vor. Es kommen nicht nur Historiker, Napoleon-Experten und der Regisseur selbst in zahlreichen Artikeln, Interviews und Schriftwechseln zu Wort. Intensiven Einblick in das große Vorhaben gewähren u.a. in englischer Originalsprache belassene, etliche originale (als Faksimile aus der Originalausgabe übernommene) Produktionsnotizen, Recherchematerialien, Fotos von der Drehortsuche, eine Bilddatenbank, Kostümstudien und Drehbuchentwürfe, wobei der „endgültige Drehbuchentwurf“, über 180 Seiten lang, als Faksimile sogar in seiner Gänze vorliegt. „Endgültig“ sei hier ausdrücklich mit Vorsicht zu genießen, da Stanley zuweilen auch noch während der Dreharbeiten an seinen Skripts arbeitete, woraufhin Alison denn auch noch einmal eindringlich hinweist.

Lasst die Träume erwachen

Jedes der sich im Buch befindlichen Elemente gestaltet sich dabei als kleine Tür, die zu einem gigantischen Saal voller Überlegungen, Gefühle, Assoziationen und Träume eines nie verwirklichten Vorhabens führen. Es zeigt die vielfach zitierte Detailtreue des Filmers – wobei die Abstinenz von „Details“ ja im Wesentlichen auf Schlampigkeit oder einer von Hektik getriebenen Arbeitsweise fußt oder in einer Kombination der beiden grundlegenden Feinde eines jeglichen Schaffensprozesses.

SLEAZE + Stanley Kubrick's Napoleon
…und teilhaben am „größten Film, der nie gemacht wurde.“

Die Intention, dieses Vorhaben nicht erklären zu wollen, macht aus dem Buch eine Art Kunstwerk als solches, das beflügelt. Wenn wir auch nie Zeuge von Stanleys erhofften Film werden, so lässt uns „Stanley Kubrick: The Greatest Movie Never Made“ doch zumindest tiefer daran teilhaben. Gleichzeitig ist es ein Appell für die Vision eines Regisseurs, nicht nur jene Stanleys, sondern im Allgemeinen. Ein Aufwecker dafür, was mit Geduld, Neugier, Zeit und Faszination im Kino möglich sein kann. Nämlich das Erwachen von Träumen.

Alex

Titel: Stanley Kubrick’s Napoleon. The Greatest Movie Never Made
Autor: Alison Castle
Preis: € 50,00
ISBN: 978-3-8365-7067-1
Verlag: Taschen Verlag

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