Lächelnd dem Nichts entgegen

Lächelnd dem Nichts entgegen

TEILEN
SLEAZE + Lucky

„Du bist nichts“, begrüßt Harry Dean Stanton schon zu Beginn seines letzten Filmauftrittes in Lucky den Mitarbeiter Joe (Barry Shabaka Henley) in den von ihm offenbar täglichen besuchten Diner zum Morgenkaffee. „Ja, du hast so recht“, möchte man ihm nach Ende des Films und weit darüber hinaus anerkennend mit einem unendlichen Lächeln entgegenbringen.

SLEAZE + Lucky
Hm? Was war das? Tod, bist du’s?

John Carroll Lynchs Regiedebüt ist absurdes Kino des Minimalismus, der Zurückgefahrenheit ebenso wie existenzielle Abhandlung über unser aller Dasein, welches in der Einfachheit Schönheit, Anmut und Wahrheit findet. Dieses erdet im weit verbreiteten Glauben, das Zentrum von allem zu sein. Dabei sind wir ein Nichts und dies ist ganz wundersam.

Man selbst sein

Mit dem Sinn unseres bzw. seines Daseins setzt sich denn auch die titelgebende Hauptfigur Lucky auseinander, die der am 15. September vergangenen Jahres verstorbene Harry in ungemein nachhallender, stoischer Manier verkörpert. In einem Interview mit dem Hollywood Reporter sagte er einmal: „Jeder kann ein Schauspieler sein.“ Es komme auf einen guten Regisseur an, der einem sage, man selbst zu sein. Das mache einen „brillant“.

Diese entspannte Erdung der Dinge frei von festgefahrenen Vorstellungen und Mystifizierungen ist Lucky in jeder Sekunde seiner Erzählung anzumerken, die den Protagonisten nach anfänglich gezeigter Routine, wie die morgendlichen Gymnastikübungen oder den abendlichen Besuch in der Stammbar, mit seinem eigenen Leben konfrontiert. Denn nachdem er eines Tages plötzlich umkippt, beginnt für den allein in einem kleinen, trockenen Örtchen lebenden alten Mann eine spirituelle Reise, die ihn im Folgenden aus seiner Alltäglichkeit reißt.

SLEAZE + Lucky
Nie war ein Gespräch über Schildkröten so schön und fundamental.

Absurde Schönheit

Diese bettet Regisseur John, der vor allem als Schauspieler durch Auftritte in Fargo, Zodiac oder American Horror Story bekannt ist, in einen bunten Fundus verschiedenster Charaktere ein. So trifft Harry beim abendlichen Drink etwa auf seinen Freund Howard, in dessen Rolle sein echter Buddy David Lynch zu sehen ist. Für den hierzulande wohl vor allem als Regisseur bekannten Künstler stand er u.a. in Twin Peaks, Straight Story und Inland Empire vor der Kamera.

Howard erzählt ihm von seiner entlaufenen Schildkröte Roosevelt, die er schmerzlich vermisst und die John zu einer Art Rahmenmotiv der Geschichte macht. Durch das facettenreiche Ensemble und seinem Zusammenspiel mit seinem Hauptakteur entstehen immer wieder absurde wie herzliche, traurige und aufrechte Momente. Zitat Howard: „Es gibt einige Dinge in dieser Welt, die größer als wir alle sind…und eine Landschildkröte ist eines davon!“

Einfach Lucky sein

John überträgt das Geschehen in der kleinen Wüstenstadt in einfache, klare Bilder. Die Regie avanciert mit ihrer ruhigen, zuweilen verharrenden Kameraarbeit und den wenigen musikalischen Darbietungen selbst zum symbiotischen Stimmungsbild ihres unbeweglichen Protagonisten, der im Angesicht seiner Sterblichkeit in Bewegung gerät.

SLEAZE + Lucky
„And then I see a darkness.“

Eine nächtliche Traumsequenz Luckys gehört da schon mit zum größten inszenatorischen „Ausreißer“, währenddessen Johnny Cash die düstere Hoffnungshymne „I See a Darkness“ mit seiner hier schon gebrochenen Stimme schmettert. Doch was tun in der Verlorenheit? Was tun, wenn wir uns befreit von der Routine neu finden müssen? Wie dem düsteren Nichts begegnen? Begegnen wir ihm mit einem alles erhellenden Lächeln. Seien wir Lucky.

Alex

Titel: Lucky
Kinostart: 08.03.2018
Dauer: 88 Minuten
Genre: Tragikomödie
Produktionsland: USA
Filmverleih: Alamode Film

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen