Koreanischer Oscar-Gewinner „Parasite“: Endlich auch für Zuhause

Koreanischer Oscar-Gewinner „Parasite“: Endlich auch für Zuhause

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Am 10. Februar 2020 geschah etwas Historisches. Erstmals in der Geschichte der Oscar-Verleihung gewann mit dem koreanischen Film Parasite ein ausländischer Film den Goldjungen in der Königskategorie Bester Film.

SLEAZE + Parasite
Die Wirtin des Hauses.

Nun mag man von den Academy Awards halten, was man will. Immerhin ist es eine im Kern angestaubte Veranstaltung mit ständigen Werbeunterbrechungen, die regelmäßig am Missverhältnis zwischen politischem Selbstanspruch und gesellschaftlicher Realität scheitert.

Ein selbst auferlegtes oder zumindest angenommenes Problem übrigens, denn trotz aller rasanten sozialen Umwälzungen ist es immer noch eine Auszeichnung mit dem Anspruch, die besten Filme des Vorjahres zu küren. Und Filme sind keine unbedingten Geburten gesellschaftlicher Stürme.

Wie man es auch halten mag, setzte die für die Oscars zuständige Academy of Motion Picture Arts and Scienes (AMPAS) gewollt oder ungewollt ein beachtliches Zeichen mit der Auszeichnung von Parasite, der neben dem Hauptpreis noch Trophäen für Regie, Originaldrehbuch und als bester internationaler Film (ehemals bester fremdsprachiger Film) holte.

Bong Joon-hos nun auch auf DVD und Blu-ray erhältlicher, rasanter Klassenkampf enthält nicht nur gesellschaftlichen Sprengstoff, sondern begeistert im Gegensatz zu manch anderem Oscar-Gewinner auch im spielerischen Umgang mit dem Medium, was ihn zu einem energiereichen Faszinosum macht.

Im Zentrum der Handlung steht die arme koreanische Familie Kim, die sich ihren Weg in das Anwesen der reichen Familie Park gaukelt. Zunächst schafft es Sohn Kim Ki-woo (Choi Woo-shik) in die abgeriegelten und sterilen Hallen des Hauses, das eher einem Fort gleicht. Er übernimmt den Nachhilfejob eines Freundes und eröffnet sich und seiner Familie damit die Pforten in ein Leben an der wohlhabenden Spitze der Gesellschaft.

Crash der Welten

Regisseur Bong zeigt mit Parasite einen weiteren Ableger des kraftvollen (süd)koreanischen Kinos, das besonders zu Beginn des neuen Jahrtausends einen ernsthaften Popularitätsschub im Westen erhielt.

SLEAZE + Parasite
Der Untergrund: Kellerassel-Familie Kim

Damals war es besonders Park Chan-wook, der mit dem Mittelteil seiner thematisch zusammenhängenden Rachetrilogie in Form von Oldboy (2003) für Furore sorgte. Damals wie heute vereinten sich inhaltliche Explosivität mit künstlerisch wirkungsvollem Ausdruck.

In Zeiten grotesk wachsender Ungleichheit erscheint Parasite wie eine alte Sage, die von der folgerichtigen Konsequenz erzählt, dass gigantischer Wohlstand auf der einen und klägliche Armut auf der anderen Seite zwangsläufig zur Entstehung der titelgebenden Parasiten führt.

Während Familie Kim in einer Art Kellerwohnung haust, vor die Betrunkene regelmäßig sichtbar ihre Notdurft verrichten, leben die Parks in einer abgeschotteten Festung.

Der Film zeigt ein Aufeinanderprallen von Welten. Von jenen immer mehr werdenden Menschen, auf die heruntergeblickt und -gepinkelt wird, und jenen, die es sich leisten können, den Mief der Armut in ihren erhöhten und verbarrikadierten Schlössern fernzuhalten.

Das entfesselte Kino

Gleichwohl ist Parasite kein Film im Sinne eines naturalistisch-sozialen Realismus, der etwa bei Filmemachern wie dem Briten Ken Loach zu finden ist und dokumentarischer wirken. Parasite ist durch und durch unterhaltend, oft absurd komisch und erzeugt durch Unerwartetes große Spannungsmomente.

Er nutzt das Medium Film als abstrakte und symbolisch aufgeladene Fiktion, der von grundlegenden und universalen Problemen erzählt. Immer wieder gelingt es ihm, neue kuriose Auswüchse dieses filmisch festgehaltenen Klassenkampfes zu erzählen.

Dabei zeigt Bong auch, welch künstlerische Sprengkraft im koreanischen Kino steckt. Er erzählt seine Geschichte dermaßen rasant und findet doch immer wieder die richtigen Momente, um Luft zu holen.

SLEAZE + Parasite
Ganz harmonisch: Wirt und Parasit.

Teils nutzt er minutenlange und von der verspielten Musik Jaeil Jungs angetriebene Montagen, um den Plot eindringlich voranzupeitschen.

Es sind erinnerungswürdige Momente, wenn er seine gegenüberstehenden Charaktere im Verborgenen wie im Sichtbaren aufeinander loslässt und dabei beeindruckend die Kraft des Kinos in einer sich stetig schneller drehenden Eskalationsspirale entfesselt.

Parasite ist aus meiner Sicht damit auch ganz unabhängig von Oscars & Co. schlicht ein großer Film, der nun endlich auch auf DVD und Blu-ray erhältlich ist.

Alex

Titel: Parasite
Heimkinostart: 05.03.2020
Dauer: 132 Minuten
Genre: Drama, Komödie, Thriller
Produktionsland: Südkorea
Filmverleih: Koch Films

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