Kongress in Progress

Kongress in Progress

Vielleicht bist du ja auch eins dieser armen Tofu-Würstchen, das sich öfter auf einem Kongress herumtreiben muss. Arm jetzt nicht, weil es während des Kongresses unsäglich langweilig ist (natürlich nur gaaaaanz selten), sondern weil es auch davor und danach recht arm an Ästhetik ist. Aus praktischen Gründen wird man ja gern mal gleich in das Hotel eingebucht, in dem der Kongress stattfindet. Und Kongresshotels sind nun mal häufig so spannend wie Kamillentee. Oder wie Flughafenhotels, um beim Thema zu bleiben. Doch es tut sich was in der Kongress-Szene…

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SLEAZE + pullman Brüssel
Brüssel lohnt sich!

Wenn man Glück hat, ist ein Kongress bewusstseinserweiternd, man trifft bereichernde Leute mit schlauen Informationen, hat noch ein paar nette Neben-Veranstaltungen – und übernachtet außerhalb. Zumindest, wenn man sich die klassischen Kongresshotels anschaut. Auch auf den zweiten Blick. Und den dritten.Die sind nämlich oft einfach nur zweckmäßig, dröge, grau, fad, endöde. Man möchte am liebsten eine Horde Kinder mit viel Farbtöpfen und Pinseln auf die Hotels loslassen. Aber Ästhetik ist wohl ein Kostenfaktor, den klassische Kongresshotels scheuen wie die meisten Cafés gemütliche Sitzgelegenheiten.

SLEAZE + pullman Brüssel
Manneken Peace oder: Wer findet den SLEAZE-Aufkleber?

Nun haben sich vor einiger Zeit die edlen pullman Hotels der Sache angenommen. Natürlich sind die Häuser der Hotelkette nicht mit einem cheesy Kongresshotel am Flughafen zu vergleichen, ABER… ich habe die Hoffnung, dass der Ästhetik-Ansatz als Vorbild funktioniert. Doch von vorn.

Die pullman Hotels als Teil der AccorHotels sind schon recht premium. Als ich während einer Automesse in Paris war, wurden in dem pullman am Eiffelturm (zumindest offiziell) bis zu vierstellige Zimmerpreise aufgerufen – pro Nacht, versteht sich. Nun hat die Kette vor vier Jahren ein modernes Hotel in Brüssel eröffnet, das pullman Brussels Midi Centre Gare. Das hat „nur“ vier Sterne und ist von den Preisen eine ganze Ecke humaner, aber lässt wenig von den Premium-Standards missen. Soweit, so gut.
Interessant wird es durch den Artist Playground. Dabei werden die eh häufig (international) frequentierten Bereiche wie z.B. Eingangshallen zu Galerien erweitert. Und zwar mit Konzept, also richtig kuratiert. Dieses basiert auf zwei Säulen. Die eine ist Lokal-Support: Ausschließlich (Nachwuchs-)Künstler aus der jeweiligen Region bekommen eine Art Dauerausstellung. Das wechselt natürlich auch mal, z.B., wenn etwas verkauft wird, aber grundsätzlich ist es auf einen längeren Zeitraum ausgerichtet.
Die zweite Säule ist temporär und präsentiert z.B. einen auserwählten Künstler. Der ist meist schon etabliert und muss auch nicht aus der Gegend kommen. Der deutliche Fokus auf den jeweiligen Kreativling und seine Arbeiten erinnern also eher an eine klassische Ausstellung.

SLEAZE + pullman Brüssel
Äußer(lich)st einladend

Nicht im klassischen Sinne ist das Gesamtkonzept. Das pullman bleibt weiterhin hauptsächlich ein Konferenz-Hotel, allerdings mit deutlicher Lifestyle-Note. Damit unterscheiden sich die Idee von den Art Hotels, die es ja schon lange gibt. Als ich vor vielen, vielen Jahren ein (sehr ödes) PR-Praktikum bei den SORAT Hotels absolvierte, hatte die Kette zumindest in einer Seitenstraße vom Ku’Damm auch bereits so ein Kunst-Hotel. Bei dem Artist Playgrond geht es einfach um eine ästhetische Bereicherung. Klar steckt da auch unternehmerisches Kalkül hinter. Aber trotzdem: Win-Win für alle Seiten. Die Gäste genießen automatisch ein anspruchsvolleres Ambiente, die Künstler haben eine sehr gute Plattform, sich vor passendem (internationalen) Publikum zu präsentieren. Und das Hotel wirkt – je nach Art der Kunst – automatisch cooler, stylisher, eleganter. Das Konzept ist nicht neu, macht aber weiterhin Sinn. Gerade wie erwähnt für stressy Kongressi!

SLEAZE + pullman Brüssel
Einfach gei…style!

Was gibt’s zu meckern?

Nicht viel. Und ich habe wirklich gesucht. Ich nehme ja meine Arbeit ernst. 🙂 Aber eine erwähnenswerte Sache habe ich denn auch gefunden, die in dem Brüsseler pullman wirklich banane ist: die Sauna.

SLEAZE + pullman Brüssel
Endlich!

Wer baut denn eine Sauna ein ohne Ruheraum? Soll man in sein Hotelzimmer zurücktorkeln und da für den zweiten Gang ausruhen? Es gibt nicht mal eine richtig kalte Dusche. Und für so etwas verschwendet die Sauna jeden Tag unnötig viel Energie?

Aber das war’s. Ansonsten ist vieles gut und durchdacht. Zum Beispiel das Schild, dass man seinen Raum nicht jeden Tag aufgeräumt bekommen möchte. Für mich seit Jahren in vielen Hotels ein Manko, dass da jemand immer wieder versucht, in meine Privatsphäre einzudringen. Und ich bin nicht der Sauberste, aber jeden Tag muss man deshalb mir nicht hinterher schrubben.

Und teilweise wirken die Putzkräfte so stark, dass sie selbst ins Zimmer kommen, wenn das Nicht-stören-Schild draußen hängt.
In diesem Detail steckt auch das Manko. Putzkräfte werden oft eh nicht so gut bezahlt. Weniger Zimmer = weniger Kosten für das Hotel. Die Hotels bezahlen inzwischen öfter nur noch die „gemachten“ Zimmer. Ansonsten eine gute Idee, die das pullman sogar noch mit einem 10€-Voucher unterstützt. Clever, liebes pullman! Und wenn ihr es jetzt noch schafft – das wäre als eines der ersten Hotels überhaupt – einen anständigen Haken an eure Tür zu befestigen, damit die Schilder auch mal an der Tür hängen bleiben und nicht im Türrahmen einklemmen… 🙂

SLEAZE + pullman Brüssel
Spätestens ab dem vierten Aufheben nervt’s…

Und sonst so?

Hier muss man als erstes die Lage hervorheben. Das Hotel ist im wahrsten Sinne zentral platziert. Im südlichen „Haupt“Bahnhof der Stadt. Als charmantes Extra kann man ein Konferenzraum buchen, dessen Fensterscheiben zu den Gleisen hinausgehen – im Erdgeschoss. Man sieht also die ankommenden und abfahrenden Gäste und umgekehrt. Vielleicht etwas störend bei einer wichtigen Besprechung, aber es gibt natürlich Vorhänge.

Auch die Umgebung des pullman lädt zum Erkunden ein. Spannend ist dabei, dass sich die Gegend in einer Umbruchphase befindet. Es ist teilweise noch überraschend abgefuckt (Berlin-Neukölln lässt grüßen), aber man sieht überall die Veränderungen – wahrscheinlich auch einhergehend mit der üblichen Gentrifizierung.
Dazu kommt eine sehr kreative und lebendige Street-Art-Szene. Galerien in Gebäuden und auch gerade in Hotels mögen ja interessant sein – richtig toll ist Kunst aber da, wo sie eigentlich hingehört: auf / in der Straße!

Fazit: Brüssel ist definitiv eine Reise wert, das pullman ein guter Start zum Einquartieren. Auf geht’s!
danilo

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