Kolossale Magie neu entfacht

Kolossale Magie neu entfacht

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Magie altert nicht. Nie. Über zwölf Jahre liegt die Erstveröffentlichung von Shadow of the Colossus auf der PlayStation 2 nunmehr zurück. Und das jüngst erschienene Remake für die PS 4, also zwei Konsolengenerationen später, zeigt: Die Größe von einst ist die Größe von heute. Denn schon damals schuf der japanische Spieledesigner Fumito Ueda etwas wahrhaft Einzigartiges. Er beschwor den urgewaltigen Wind des Epos‘ voller Mythen, in tiefer melancholischer Schönheit und einer sich über alles legenden Tragik herauf. Dieser Sturm weht in der nun erhältlichen Neuauflage betörend neu auf.

SLEAZE + Shadow of the Colussus
Grenzenlose Schönheit im Verbotenen Land
Welt voller Wunder

Das Spiel selbst bleibt seinem grundlegenden Ablauf treu: In Rolle des jungen Wander betreten wir das so genannte Verbotene Land, um sechzehn Kolosse zu töten und damit das Leben eines Mädchens namens Mono wiederherzustellen. Lediglich mit einem Schwert sowie Pfeil und Bogen bewaffnet machen wir uns auf die schwerliche Reise durch ein von Menschen verlassenes, geheimnisvolles Land.

Das für die Entwicklung des Remake verantwortliche Studio Bluepoint Games, das zuvor etwa schon Fumitos Erstling ICO sowie Shadow of the Colossus neu auf der PlayStation 3 veröffentlichte sowie alle drei ersten Uncharted-Teile in der Nathan Drake-Collection auf die PS4 hievte, ist es gelungen, das interaktive Gemälde von einst dermaßen formidabel ins Jetzt zu hieven, dass es einem den Atem raubt und man voller Anerkennung wie Dankbarkeit niederknien möchte.

Die Texaner haben dem Verbotenen Land nicht einfach nur eine für die Gegenwart übliche HD-Maniküre verpasst, sondern dem ohnehin schon wunderschönen, da bereits damals famos originär kreierten Schwan neue, glänzende Federn geschenkt. Die noch immer weitestgehend verlassene Spielwelt wirkt ungemein lebendig, ganz so, als atme sie aus allen Pixelporen. Denn sie haben dem Handlungsort von Shadow of the Colossus mit einer betörenden, neuen Naturdarstellung liebevoll die Hand der modernen Technikpower gereicht.

Wo einst kahles, wenn auch stimmungsvolles Ödland herrschte, erblühen nun wehende Wiesen, überwuchern Ranken zeitlose Strukturen, und brechen Wellen so zart an malerischen Stränden, das es für uns, für den Spieler, nur die Möglichkeit gibt, sich diesem Wunderland hinzugeben, es zu genießen und uns von ihm verzaubern zu lassen. Wenn denn zusätzlich auch noch blaue Schmetterlinge spielerisch umherflattern, werden nicht nur hierdurch referentielle Erinnerungen an Fumitos letztes Spiel The Last Guardian (2016) wach.

Minimalismus in schönstem Licht

Diesen ganz eigenen Kosmos hüllen die Bluepoint Games überdies in eine komplett neue Beleuchtung. Nie bahnte sich die Sonne eindringlicher den Weg durch Rauchschwaden und dichte Sandstürme, nie legte sie sich einfühlsamer auf die gewaltigen Bauten der mythischen Mega-Architektur und nie fühlte man sich in Nebelschwaden so verloren wie hier. Dichte, dunkle Wälder vermögen uns mit ihren Schattenspielen zu umgarnen, während die atmosphärischen Stimmungswechsel – wie etwa der Übergang vom Hellen ins Dunkle – erneut für Gänsehaut sorgen. Hierfür sorgen zudem neue Surround-Effekte, die Shadow of the Colossus auch hinsichtlich seiner Geräuschkulisse einmal mehr als wahres Urmonster der vielzitierten Immersion präsentieren.

SLEAZE + Shadow of the Colussus
Hitziger Wüstenritt mit einem Koloss

Das alte Gameplay blieb im Kern unangetastet. Nun steht neben der klassischen noch eine weitere, moderne Steuerungsvariante zur Verfügung. Zudem gibt es jetzt funkelnde Geheimnisse an zuvor noch nicht dagewesen Orten, doch im Wesentlichen steuern wir Wander weiterhin durch die Lande, erlegen quirlige Echsen, um unsere Ausdauer zu erhöhen und schießen Früchte mit einem Pfeil von Bäumen, um der Gesundheit einen bleibenden Schub zu verpassen.

Durch neue Animationen der Hauptfigur sowie seines gehuften Mitstreiters und der Fauna im Allgemeinen erstrahlt aber auch die Bedienung in unwiderstehlich flüssigem Glanz und machen sie nur noch reichhaltiger. Und weiterhin kommt das Geschehen ohne klassisches HUD, also einem mit reichlich Informationen versehenem Display aus, so dass Distanzanzeigen, Fundorte von Schätzen oder Quest-Marker gar nicht erst davon ablenken, vollends ins Geschehen eintauchen zu können. Die Spielwelt lädt uns ob ihrer puren, von ihr ausgehenden Faszination zum Entdecken ein, anstatt sich reizüberflutend aufzudrängen. Sie verführt uns durch ihre naturgegebenen Strukturen wie von selbst, sich ihr hinzugeben.

Ohne Worte kolossal

Denn die anfänglichen Worte noch einmal zitierend: Magie altert nicht. So verhält es sich konsequenterweise ebenso mit den brachialen Kämpfen gegen die zum Teil gigantischen Kolosse. Jedes einzelne dieser geheimnisvollen, gewaltigen Wesen ist ein Gigantowerk der Regie, Dramaturgie und letztendlichen Erhabenheit. Auf einem riesigen Flugkoloss durch den aufgewirbelten Wüstensand zu fliegen, sich schweißtreibend an seinem dichten Fell festzukrallen oder den angsteinflößenden Hammerschlägen eines anderen auf einem riesigen Plateau zu entfliehen, ist von unvergesslicher Größe.

Wie gehabt sei hierbei die Ausdauer im unbedingten Blick zu behalten, denn das Herumklettern und Festhalten an den kolossalen Körpern, die die so fragil wirkende Titelfigur Wander ein ums andere Mal erderschütternd umherwirbeln, will zeitlich gut getaktet sein, um die leuchtenden Markierungen auf den massiven Körpern der Kreaturen zu erreichen und sie an diesen verletzlichen Punkten final zu Fall bringen zu können. Für Frust sorgen diese ungeheuer intensiven Kämpfe aber nie. Durch das Verbotene Land streicht dazu mal sanftmütig, mal voller Trauer und ein anderes Mal zornig aufgewühlt der Soundtrack aus der Feder des japanischen Komponisten Kow Otami, der sich der Zeitlosigkeit von Shadow of the Colossus erneut als ein treuer Gefährte erweist.

SLEAZE + Shadow of the Colussus
Komm zu Cool Ossus!

Fast wortlos erzählt Fumito in seinen Spielen ICO, Shadow of the Colossus und The Last Guardian Geschichten von unermesslicher Größe. Sie sind interaktive Epen im reinsten Herzen. Auch das kolossale Remake verändert hieran nichts. Es sind Welten der Einzigartigkeit, in der der Plot so gut wie nonexistent ist. Die emotionale Reise durch diese aus sich heraus erzählten Welten ist die Geschichte. Es gibt nichts Vergleichbares. Fumito öffnet uns die Türen in wahre Traumwelten, in die in digitaler Form festgehaltenen Visionen eines wahren Künstlers, der eine unique Stimme besitzt und diese in einem großen, nunmehr drei Titel umfassenden und seelisch zusammenhängenden Spiele-Universum zum Singen bringt. Es ist der Gesang von Größe. Der Chor des epischen Sturms. Schlicht magisch.

Alex

Titel: Shadow of the Colossus (Remake)
Publisher: Sony Interactive Entertainment
VÖ: 07.02.2018
Plattform: PlayStation 4

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