Keiner ist so Florida

Keiner ist so Florida

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bleubird.sleaze1Fort Lauderdale, Florida. Wo andere Urlaub machen, fühlt sich Jaques Bruna important as fuck. Fame ist subjektiv, sagt er. Und doch verbindet ihn eine sehr zwiespältige Liebe zu seiner Heimatstadt. Fort Lauderdale, das sei „Jersey Shore mit Krokodilen“. Dort aufgewachsen, weiß man, dass man eigentlich irgendwann mal woanders hinziehen muss, um etwas aus sich zu machen. Doch Jacques entwickelte einen gewissen Stolz für sein Zuhause. Mit illegalen Warehouse-Partys mit Liveshows, Pop-Up-Shops und Kunst machte er sich mit seiner Crew Black Locust Society einen Namen. Black Locust (zu deutsch: Falsche Akazie) ist ein Baum, von dem man sagt, dass die USA auf ihm errichtet wurde. Widerstandsfähig und zäh, so wie man sein muss im Süden Floridas, wo die Menschen laut Jacques in abstoßend kulturloser Leere existieren. Glamourös und düster gleichzeitig.
In seiner Jugend gab es nichts, das er wirklich ernst nahm. In der Schule ging’s ihm nur ums Vögeln, mit seinen Freunden tüftelte er an hausgemachten Molotows, immer auf der Suche nach Dingen zum Zertrümmern. Aber dann war da die Musik. Jacques wusste selbst nicht, wo dieses bestimmte Gefühl herkam – aber fortan lief er seinem Traum hinterher, sich als Musiker zu verwirklichen. Als Rapper, um genau zu sein.
Mit dem Namen Bleubird machte er schließlich verbale Schnellfeuerwaffen, treffsichere Pointen und lyrisches Geschick zu seinem Kennzeichen und bewies sein Talent nicht nur in Fort Lauderdale. Zum Abzählen seiner zahlreichen, den Erdball umspannenden Abenteuer braucht Bleubird mittlerweile mindestens so viele Hände wie zum Abzählen seiner veröffentlichten Platten. Und nun kommt jeweils noch eins dazu: Auf seiner baldigen Europatour stellt Bleubird uns sein neues Album „Lauderdale“ vor, das bei uns am 18. September erscheint. SLEAZE hat für dich schon mal reingehört. Und in diesem Fall wollen wir Florida gerne als Adjektiv benutzen.bleubird.sleaze3In der ersten Videoauskopplung zu „Keith Haringbone“ (zweiter Track auf der Platte) erfüllt der Sunshine-State das Klischee vom BBQ-Lifestyle, wo Unterhaltungen an der Oberfläche kratzen und nur die schlafende Aggression eine Ahnung von Tiefe generiert. Das Tribut an den Künstler Keith Haring ist ein Insider-gespickter Song über Rollschuhfahren und Bad Cops. Auf träumerischen Sounds spielt Bleubird mit merkwürdigen Referenzen, gedenkt seinen Supportern (Yung Death) und rappt hin und wieder auch eine Menge weniger ausgefallenen Quatsch über fette Autos (Giant Ass Cadillac). Während die meisten Songs auf dem Album in benebelter Höhe dahintreiben, kann man sich manche schnellere Rhythmen mit aggressiven Lines über White / Black / Dead Boys aus der Hood (BLK BOI) durchaus doch noch als ganz ordentliche Live-Hymnen vorstellen.
Denn, wie Bleubird uns verrät, will er auch seine Mum stolz machen (Momma). Wer dachte, jetzt wird’s zur Abwechslung doch mal melancholisch, dessen Erwartungen werden spätestens beim Sample von Elvis Costellos „Psycho“ getäuscht – wenn auch nicht enttäuscht.
Gelungener Featuregast auf „FL as Fluh“ ist Astronautalis, der erst ein bisschen ohne Taktfeuer daher kommt, aber stimmlich eine angenehme Abwechslung zu Bleubirds auf Dauer leierndem Organ darstellt. Der langsame, schläfrige Track hat die gleichen Attribute wie der Süden Floridas. Und obwohl es Bleubird in der Vergangenheit einige Male in die Welt hinauszog, gibt es für ihn keinen anderen Ort. Egal, ob er gerade Champagnerflaschen zertrümmert oder völlig fertig auf dem Fusion Festival in Deutschland eine bewusstseinserweiterte Minute erlebt, führt ihn sein Weg immer wieder zurück zu dem wunderbaren und doch merkwürdigen Ort, von dem er losging. It’s Fort Lauderdale, Florida.

Laurie

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