Katzenmörder Moritz

Katzenmörder Moritz

Donnerstag ist es nun soweit: Der neue Film von dem tollen Moritz Bleibtreu kommt raus. Wir haben uns den Film ja bereits vor Weihnachten vorgenommen, nach unser Pause ist es aber Zeit für das Interiew mit ihm.

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Wir haben von Moritz Bleibtreu so viel erfahren. Viel mehr, als wir eigentlich wissen wollten. Interessant war es trotzdem. Vor allem, wie man in kürzester Zeit so viele Themen abgrasen kann. Fragen stellen war hier überflüssig und auch das Nachhaken eher schwierig, da man Moritz‘ starken Monolog auf keinen Fall unterbrechen wollte. War auch nicht wichtig, die ursprüngliche Frage war schon längst vergessen. Wir wollten mehr über seinen neuen Film Die dunkle Seite des Mondes herausfinden und haben es sogar geschafft, zwischendurch – nachdem über Werte, Social Media und die deutsche Filmindustrie vorerst genug gesagt wurde – tatsächlich über den Film zu sprechen. Moritz haut eine Weisheit nach der anderen raus, ohne dass es ihm bewusst scheint. Doch untermalt er das Gewicht seiner Worte sehr gern mit dramatischen Pausen und sehr viel Gestik. Darum haben wir seine Sprache so gelassen wie sie ist: unverfälscht, von Herzen, direkt.
Ich würde dir allerdings trotzdem empfehlen, vorher unsere Meinung zu dem Thriller anzuschauen, dann verstehst du auch das Gerede über Drogen und Anzugträger.

Auf dem Messer, das Pius Ott dir als Urs schenkt, steht „Never hesitate“. Ist das auch ein Motto für dich?
Ne, mein Lebensmotto ist sowieso eher „Always hesitate“: Ich war immer ein eher vorsichtiger Mensch, auch als Kind schon. Ich war keiner, der so ohne nachzudenken vom Baum springt, gar nicht. Ich hab immer erst so geguckt, was die anderen machen, manchmal auch drei Mal geguckt und bin dann lieber drei Mal hochgegangen.

SLEAZE.Moritz Bleibtreu3Also dann auch keine wilde Drogengeschichte?
Die Antwort fällt genau gleich aus. Ich hab schon mal Pilze genommen, aber dann natürlich auch so voll Feigling-mäßig viel zu wenig. Weil die anderen dann auch gesagt haben, davon merkst du gar nichts. Dann dachte ich okay, hab auch ein paar genommen. Wir haben viel gelacht, wie zum ersten Mal kiffen oder so. Es war sehr lustig, aber mir wurde auch sofort in dem Moment klar, wenn das jetzt doller wäre oder mehr noch – ne. Ich möchte auch gar nicht. Ich fühl mich im Hier und Jetzt sehr wohl und ich finde das alles spannend genug. Ich brauche keine übersteigerte Sinnesreise, um mein Leben interessanter zu gestalten. Das ist für mich so wie Bungee-Springen. Wo ich für mich so sage: Warum sollte ich das machen? Warum sollte ich so viel Vertrauen in dieses blöde Gummiseil legen? Mein Leben ist doch so schön – warum also? Es ist ja auch in Ordnung, soll ja auch jeder machen und (Carlos, Anm. d. Red.) Castaneda hätte sicherlich auch nicht alles, was er geschrieben hat, nicht geschrieben, wenn er sich nicht diese Substanzen eingepfeift hätte. Der hat ja wirklich tolles Zeug geschrieben. Also ich will das nicht per se verteufeln, aber ich bin persönlich nicht der Mensch, der so neugierig ist. Ich hab diese Neugierde nicht, sondern dann eher Schiss.

Habt ihr damals, als ihr die Pilze genommen habt, dann auch die Pink Floyd-Platte „Darkside Of The Moon“ dazu gehört?
Ne, das war wahrscheinlich schon eine Generation zu spät. Das waren dann doch die Älteren. Obwohl, irgendwas war da damals in der Schule. Wir haben mal so eine Aufführung gemacht mit Playback oder so ein Scheiß. Aber es ist natürlich klar, es ist ein legendäres Album und auch ganz großartig. Aber für mich hatte es diese Bedeutung nicht, die das für die Generation damals gehabt hat, als es rausgekommen ist.

Glaubst du, dass in jedem diese gewalttätige Seite schlummert und das jeder solche Abgründe hat, die unter den falschen Vorständen dann zum Vorschein kommen?
Das liegt im Lebenserhaltungstrieb begraben. Wenn dir jemand an dein Leben geht oder an das deiner Lieben, dann wirst du das verteidigen und das wirst du auch in letzter Konsequenz tun. So glaube ich das, ich kann das nicht mit Gewissheit sagen. Ich bin zum Glück noch nie in so einer Situation gewesen, aber ich glaube schon, dass es so ist. Dann auf der anderen Seite ist es aber so, dass der Rest Prägung ist. Prägung durch die Gesellschaft, in der du lebst und durch deine Eltern. Ich bin auch Papa und ich glaube, ich kann das wirklich sagen. Du kannst Kinder kaputt machen, ganz einfach. Das ist nicht schwer. Die Kinder hören dich, die sehen und machen das, was du tust. Wenn du eine bestimmte Richtung oder Gangart vorgibst, dann werden die dir folgen. Und ich glaube, man kann auch von keinem Menschenkind erwarten, dass es genug eigene Persönlichkeit und Reflexionsfähigkeit hat mit sechs oder sieben, um zu begreifen, dass es sich in einer Situation befindet, die einfach mal ganz schrecklich ist. Wenn diese Erkenntnis kommt, dann kommt die wahrscheinlich auch nicht vor zwanzig oder so, wenn überhaupt. Das ist leider so.

Sicherlich ist das auch der Persönlichkeit geschuldet. Es gibt temperamentvolle Menschen und Leute, die das weniger sind. Ich bin auch schon ein temperamentvoller Mensch, hab früher auch sowas wie Jähzorn gekannt. Aber trotzdem: Die Art und Weise, wie ich dann potenziell mit der Gewalt umgehe, die ist meinem Umfeld und natürlich auch ganz stark meinen Eltern geschuldet. Sicherlich ist Erziehung nicht für das ganzheitliche Bild einer Persönlichkeit verantwortlich. Das ist klar. Das sind Seelen, also die haben auch ihr Eigenes, aber ich glaube, gerade wenn es um Wertesysteme geht oder um das Bewahren von bestimmten moralischen Instanzen, bestimmten Hemmschwellen – dann sind die Eltern gefragt. Das liegt an den Eltern. Das ist das Aller-, Allerwichtigste.

Wenn man sich diese grundsätzliche Frage stellt: Sind Menschen gut oder sind sie schlecht? Die Frage ist schnell beantwortet: Sie sind gut. Also das ist ganz klar. Wie viele wirklich sadistische kleine Kinder gibt es denn? Es gibt mal welche, aber das sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Ich sehe davon nicht so viele, die meisten sind süß. Die meisten sind ganz lieb und finden dich ganz toll, wenn du dann mit denen gut umgehst. Was soll denn da passieren? Wenn man die lieb behandelt und mit Liebe und Achtung und Anerkennung und all diesen Dingen großzieht, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass aus denen Massenmörder werden. Das finde ich abwegig, das hat dann schon hauptsächlich was damit zu tun, wie Kinder geprägt werden. Deshalb ist es so wichtig, dass man da halt sagt, da fängt es an: wie Werte weitergegeben werden.

Das sind ja ganz subtile Verabredungen, die wir irgendwann mal abgemacht haben. Man sagt, die Welt ist so ein schrecklicher Platz, das stimmt sicherlich in einigen Teilen, aber bei uns zum Beispiel sehe ich das überhaupt nicht so. Ich finde, wir kommen ganz gut miteinander aus alle und das ist einzig und allein dieser Verabredung geschuldet, dass wir irgendwann mal gesagt haben: Pass mal auf, es gibt bestimmte Regeln im Zusammenleben und an die halten wir uns.

In dem Zusammenhang sind halt auch soziale Medien so gefährlich, weil was da stattfindet ist eben keine Kommunikation, sondern eine Publikation. Das setzt eben auch voraus, das nicht kommuniziert wird, sondern eben publiziert. Jetzt trifft eine Publikation auf die nächste und es gibt keine Kommunikation, sondern einen Konflikt. Dieser Konflikt fängt im Internet an und landet auf der Straße. Der hat aber am Ende des Tages eigentlich nie stattgefunden. Wenn die Leute kommuniziert hätten von Anfang an, an diesem Tisch gesessen hätten, so wie wir jetzt, dann wäre das alles nicht passiert. Das passiert nur, weil eben nicht kommuniziert wird, sondern weil eine Publikation auf die andere trifft. Da kann nie eine Kommunikation bei rauskommen. Es bleibt eine Publikation. Das ist glaube ich gerade heute ganz wichtig, dass man schnallt, dass man diese sozialen Medien bitte nicht so ernst nimmt.

Heißt das, dass Urs eine schreckliche Kindheit hatte?
Nein, ich glaube, das Gegenteil. Ich glaube, das ist so ein klassischer Fisch, der einfach so durchgeschwommen ist, der eigentlich immer alles gehabt hat. Die Eltern waren wahrscheinlich eher distanziert und trotzdem immer da. Ihm hat es nie an irgendetwas gefehlt. Er hat aber trotzdem auch Regeln aufgestellt und Grenzen aufgezeigt bekommen. Vielleicht hat er nicht so wahnsinnig viel körperliche Zuneigung bekommen. Das kann ich mir gut vorstellen. Aber ich glaube, der ist so durchgerutscht und hat über die Mittel verfügt, sich in dieser Gesellschaft erfolgreich bewegen zu können. Abitur, akademischer Werdegang, dies und das, Jura. Dann ist er irgendwie mit diesem ganzen Dingen, mit denen man sich dann so ablenken kann, die der Wohlstand so mit sich bringt, auch nie an einen Punkt geraten, wo er sich selbst hätte hinterfragen müssen. Das erste Mal, dass ihm das passiert ist, war der Moment, wo Fluri sich vor ihm umbringt. Wie er schlagartig damit konfrontiert wird, dass dieses Verhalten, dass er seit Jahren an den Tag legt, tatsächlich Konsequenzen hat. Was ja viele von diesen Menschen tatsächlich nicht begreifen, dass es wirklich eine Konsequenz gibt. Wenn jetzt 15 Milliarden von hier nach da geschoben werden, dass das unter Umständen bedeutet, dass Menschen in Griechenland keine Rente mehr bekommen. Das wird ihnen dann mit einem Schlag klar.

SLEAZE.Moritz Bleibtreu1Wie ist das, wenn du dann in so einem schicken Anzug vor der Frankfurter Glasfassade stehst, auf die Skyline schaust und du bist in dieser Rolle. Wie fühlt sich das an? Ist das ein Leben, das ganz weit weg von dir ist, dass du dir gar nicht vorstellen kannst?
Ja, gar nicht. Das ist ein Kosmos, der mir völlig fremd ist. Faszinierend sicherlich, aber auch gleichzeitig abschreckend für mich. Das ist überhaupt nicht meine Welt, gar nicht. Ich könnte das auch gar nicht. Dafür bin ich viel zu wenig pragmatisch, auch viel zu wenig kaltblütig, viel zu unrationell. Das ist alles nicht meins. Das könnte ich nicht.

Viele wollen nicht in dieser Welt leben und auch andere Dinge, die Urs im Film tut, würde man niemals machen. Warum kann man sich trotzdem so gut mit ihm identifizieren und fiebert mit?
Das war quasi die Hauptaufgabenstellung bei dem ganzen Film. Das ist genau das Problem, wenn du so einen Antihelden hast, der vor deiner Nase komplett bricht, aber die Identifikationsfigur ist, also quasi der Held des Films. Da wäre es natürlich schlecht, wenn du nach 30 Minuten sagst: So, jetzt will ich den nicht mehr sehen, den Wichser. Das war halt der Punkt. Das haben wir vor allem auch ein bisschen anachronistisch zu dem Roman über diese Stilmittel hinbekommen, dass er halt immer registriert, was er getan hat. Es ist ja wirklich wie so ein Wechselbad. Er tut es und – zack – fünf Sekunden später weint er.

Du weinst ja auch viel in dem Film.
Tu ich, ne? Ja, so blöd das klingt. Ohne das wäre es auch nicht gegangen. Ich glaube, das ist er im Roman auch anders angegangen. Diese wirklich bewusste Erkenntnis dessen, was man da gerade getan hat, das ist ja wirklich im Buch anders. Ich glaube, das ist das Wichtigste gewesen, damit man immer versteht: Es gibt schon eine Seite in ihm, die registriert und auch immer genau weiß, dass was er da getan hat, das geht nicht.

Kanntest du den Roman, bevor die Rolle für dich in Frage kam?
Ich habe den damals gelesen, kurz nachdem der raus kam. Ich mag Suter auch gerne und lese ihn unglaublich gerne. Er hat eine tolle Sprache und tolle Innenwelten. Es war dann irre spannend, als ich gehört habe, dass er verfilmt wird, weil ich dann natürlich erstmal gedacht habe, gerade bei Suter, dass es schwer ist. Es sind halt Innenwelten und die in eine visuelle Form zu bekommen, ist halt gar nicht so einfach. Das war, glaube ich, auch eine Anstrengung, aber wichtig ist da immer, finde ich, dass man sich davon trennt. Ich glaube nicht, dass man überhaupt den Roman mit einem Film vergleichen sollte. Das wird natürlich getan, aber eigentlich ist das Quatsch. Das ist wie Birnen mit Äpfeln vergleichen, das ist was anderes. Ich gebe mir immer Mühe, wenn ich eine Romanverfilmung sehe, den Roman möglichst zu vergessen und nicht mehr daran zu denken. Einfach zu versuchen, ihn wirklich als dass wahrzunehmen, was es jetzt ist, weil ein Film eine eigene Struktur hat und die ist abhängig von der Länge und so. Da ist es oftmals gar nicht so hilfreich, so ganz eng an dem Roman dranzubleiben. Manchmal ist es auch gut zu sagen, das und das machen wir jetzt anders. Als Filmemacher willst du ja auch was erzählen und du willst es mit dieser Geschichte erzählen. Das ist ähnlich wie am Theater, wenn man eigentlich noch etwas anderes dazu erzählen will. Dann hat man auch das gute Recht zu sagen, dann machen wir das halt anders.

Am Anfang des Films wird angestoßen mit den Worten „Auf den Stillstand“. Gab es in deinem Leben schon mal Phasen, wo es einen Stillstand gab und du dachtest, dass es irgendwie nicht weiter geht?
Nein, nie. Glück gehabt. Das kann ich mir auch schwer vorstellen, muss ich ehrlich sagen. Ich habe so viel Leidenschaft für so viele Dinge, ich würde mich nie langweilen. Ich finde irgendwas, wo ich dann Freude dran entwickeln kann und wo ich dann weiß, dass es schön ist, dass man auf der Welt ist, was nichts mit diesen gesellschaftlichen Konventionen zu tun hat, die man mit Glück oder so assoziiert und damit viel zu tun hat. Das kriege ich noch so hin.
Ich komme ja auch noch aus einer anderen Zeit. Ein junger Schauspieler, der das heute machen will, der ist natürlich beeinflusst von Leuten wie Elyas, Matze und Til und wie sie alle heißen. Da spielen ja diese ganzen Parameter auch eine Rolle, die es in meiner Jugend ja gar nicht gab. Berühmtheit, Geld und all dieser Kram. Das gab es ja bei mir nicht. Ich bin ja ein klassisches Theater-Kind. Erfolgreich sein war uncool. Das war ja in den 80er Jahren. Fernsehen war extrem uncool. Das hat man wenn, nur für Geld gemacht. Das war ja ein ganz existentialistischer Umgang mit diesem Beruf, der einzig und allein gebunden war an die Liebe zum Spiel und an die Auseinandersetzung mit Sprache. Davon bin ich ja bis heute geprägt. Ich habe ja diese Vorbilder nicht gehabt. Meine Vorbilder, wenn es die gab, waren am Theater. Das waren Otto Sander, Walter Schmidinger und Konsorten. Das waren die und ich hab nur gedacht, vielleicht spielst du ja irgendwann mal so eine Episodenhauptrolle im Tatort oder so. Das war mein größter Horizont. Alles was mir bisher passiert ist, hätte ich nie zu träumen gewagt. Das ist das Schauspieler-Leben, für das ich mich damals entschieden habe. Das war ein ganz anderes. Dieses Leben wäre ich jederzeit bereit zu leben, auch heute noch. Wenn du mir alles wegnimmst, dann gehe ich halt nach Saarbrücken ans Theater und ich wäre glücklich.

Physisch war der Film einer der am meisten fordernden Filme, die du gemacht hast?
Ja, erstens ist es eine klassische Hauptrolle, wo du ja wirklich in jedem Bild drinnen bist. Das heißt, du hast selten Pause. Dann ist es bei dem Genre Thriller generell so. Das ist ein Film, wo einer auf Pilzen Leute umbringt. Ist als Pitch jetzt auch nicht gerade so ein Blockbuster. Es ist halt irre schwer geworden, diese Filme zu finanzieren und ich gebe mir seit Jahren irre große Mühe, mich über bestimmte Inhalte zu definieren. Ich liebe Thriller und es ist irre schwer geworden, die überhaupt zu machen auf der Kinoleinwand. Einfach weil Kino inzwischen zu einem Erlebnispark geworden ist. Es ist ein Entertainment-Ding, das weit über das simple Geschichten gucken hinausgeht. Man geht nicht mehr nur noch ins Kino, um eine gewisse Geschichte zu sehen. Es ist ein Ganzheitsding. Diese Filme werden gemacht als Franchise- und Merch-Artikel, wo du fünf Antagonisten hast, damit du die dann auch als Merch verkaufen kannst. Wenn du zu einem Drehbuchautoren sagst: Du, sag mal, pass mal auf, wir haben hier fünf Bad Guys, dann guckt er dich an und sagt: Was für eine Geschichte. Raus kommt Mad Max, wo du dir dann sagst, das meinen die doch nicht ernst. Das Spektakel muss im Vordergrund stehen und nicht mehr so sehr das Storytelling. Das ist etwas, das mich einfach nicht so wahnsinnig interessiert. Ich mag das, ich feiere das und finde das toll. Diese Feuerwerke, die die da abfeuern für hundert Millionen Dollar, aber das ist nicht meine Leidenschaft. Das ist dann doch eher der kleine, klassischere Genrefilm. Ich brauch diesen ganzen Tanz nicht. Ich gucke auch gerne einfach nur eine ganz ruhige, klassische Geschichte. Das ist halt selten geworden und du musst dann inzwischen, um an der Kinokasse überhaupt erfolgreich zu sein, nach bestimmten Regeln spielen. Die sind auch ganz klar definiert. Man kann Erfolg ganz klar konzipieren, das geht. Es ist nur die Frage, ob man Bock darauf hat.

In Deutschland hilft es wahrscheinlich, wenn Moritz Bleibtreu drauf steht.
Nicht mehr so sehr. Du wirst lachen, wegen mir geht ja keiner ins Kino. Ich bin ja allenfalls der Grund dafür dass Leute sagen, oh guckt mal, Moritz spielt ja mit. Ich erwecke vielleicht ein Interesse. Aber die Leute gehen wegen mir nicht ins Kino. Leute gehen heutzutage sowieso nicht mehr wirklich ins Kino. Wer ins Kino geht, sind die Kids. Wenn du die Kids nicht hast, hast du schon ein Problem. Wenn du einen Film wie unseren hast, der ab 16 ist, hast du eh schon ein Problem. Das soll auch überhaupt nicht klingen wie eine Form von Kritik. Das ist einfach eine gesellschaftliche Entwicklung, die passiert. Ich will die auch nicht kritisieren, diese Entwicklung. Es ist einfach so. Ich finde mich damit auch ab und ich mag dieses Kino auch. Ich mag High-Concept-Kino und das ist alles super. Aber ich als Schauspieler drücke mich gerne auf eine etwas andere Art und Weise aus.

Waren die Szenen im Wald auch so fordernd?SLEAZE.Moritz Bleibtreu2
Doch, klar. Wir haben um dieselbe Zeit gedreht letztes Jahr, da im Wald bei vier Grad, auch immer diese Abhänge. Wald ist auch nicht Wald. Du denkst, Filme im Wald heißt, du stellst da eine Kamera hin, ist alles gleich, aber das ist gerade überhaupt gar nicht so. Du musst eben gerade dann in so einem Wald Orte finden, die besonders sind. Das ist gar nicht so einfach. Wenn man die dann mal gefunden hat, dann sind die natürlich auch nicht direkt am Parkplatz, sondern eben 800 Meter den Berg rauf. Dann musst du halt mit dem ganzen Equipment da hoch und dann regnet es und dann haben wir natürlich nicht viel Geld gehabt für den Film. Das ist eben der Tatsache geschuldet, dass es schwer ist, diese Filme überhaupt zu realisieren. Wir haben glaube ich, insgesamt fast dreieinhalb Jahre gebraucht, um das Geld zusammen zu kriegen für Die dunkle Seite des Mondes. Das gilt für viele Filme, die ich gemacht habe. Stereo waren zwei Jahre. Es gibt viele Filme die ich gemacht habe, wo ich dachte, das wird schwer.

 Aber es hat doch funktioniert zum Schluss.
Ja, zum Glück. Das ist ja auch schön. Auf der anderen Seite ist das natürlich schon auch ein Problem, weil so ein bisschen mehr Genre-Vielfalt wäre schön. Also ich will mich nicht beschweren, wir kriegen diese Filme ja immer noch gemacht und so lange ist ja alles gut. Aber so ein bisschen mehr Vielfalt, gerade in den letzten drei Jahren, da finde ich, ein bisschen könnte schon sein. Jetzt wird es ein bisschen dünn langsam.

Welche gesellschaftlichen Themen spiegelt der Film wider?
Jeden Teilaspekt des sozialen Lebens, was uns täglich umgibt, findest du da wieder. Es ist ein sehr vielschichtiger Film. Das war das, was ich damit sagen wollte. Der Film hat eine emotionale Komponente. Es geht genauso sehr um Liebe, Vertrauen, existentielle Dinge wie Hass, Gut und Böse, um Hochfinanz, Pharmaindustrie. Du hast sehr viele Möglichkeiten, dir etwas aus dem Film zu ziehen, was dir vielleicht dann im Kopf rumspukt und dich dann so beschäftigt.

Jetzt musst du ganz kurz noch einmal was zu der Katzenszene erzählen, als du ihr den Hals umdrehst.
Das war ja ein Dummy. Wenn du mit Tieren arbeitest, machst du nur, was das Tier will. Du bist ein Statist. Sobald ein Hund oder eine Katze am Set ist, wirst du zu einem Statist. Selbst bei einem Wellensittich, weil du kannst das, was du machst, angeblich ja sofort wiederholen, aber das Tier kann das nicht. Deswegen stehst du immer in zweiter Reihe. Da geht es ja vor allem erstmal darum, dass Tier so einzufangen, dass das was du montieren willst, überhaupt möglich ist. Gerade mit Katzen ist das ein Problem, weil die nicht wie Hunde sind. Die machen was sie wollen, diese Kerle. Das war nicht so ganz einfach, aber scheint ja ganz gut geklappt zu haben.
Ne, also wir haben nur vier Katzen gebraucht, war schwer welche zu finden, die gleich aussehen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es so schwer ist, das Genick zu brechen, aber es ging. Man gewöhnt sich dran. Nach der dritten war es okay.
Nein, es sind keine Tiere bei diesem Film zu Schaden gekommen, nicht eins. Im Gegenteil, die werden besser behandelt als jeder Schauspieler.

Vielen Dank an den Meister der Themenwechsel für das wortreiche Gespräch. Ein besonderer Schauspieler in einem noch außergewöhnlicheren Film. Ab dem 14. Januar kannst du die Katzenszene auf der großen Leinwand betrachten zusammen mit den Statisten Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow in Die dunkle Seite des Mondes.

Maurin

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