Kalkulierte Fast-Food-Hühnchen

Kalkulierte Fast-Food-Hühnchen

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Der weltweite Erfolg des ursprünglich als Handyspiel gestarteten Phänomens der Angry Birds beruht auf dem alten Prinzip der Paarung schneller Zugänglichkeit mit einem einfachen Spielprinzip, das durch seinen Punktejagd-Charakter stets ins Herz der Motivation des Spielenden zielt. Pacman oder auch Tetris aus Videospielvorzeiten sind bis heute zeitlose Spielkonzepte. Die Vogelschar hat neben seinem spielerischen Suchtfaktor allerdings noch ein Wesen, das über die Blockhaftigkeit eines Tetris hinausgeht: eine Reihe unterschiedlicher Figuren, die bei manch einem präzise ins Wohlfühlzentrum der Niedlichkeit treffen. So dachten wohl auch einige Verantwortliche bei Sony und haben einen Animationsfilm daraus gestrickt, der ohne sein populäres Vorbild nicht über einen verzweifelten Flugversuch mit Todesfolge hinauskommen würde und so der Simpelheit seines spielerischen Vorbilds gerecht wird.

Geht ein Vogel zum Therapeuten..
Geht ein Vogel zum Therapeuten..

Denn im Kern bedienen sich die Macher hier an einem in dieser Kombination ungenießbaren Büffet filmischer Zutaten. Im Zentrum der Geschichte steht der anfangs titelgebende Angry Bird Red, der Kennern des Spiels als „Hauptwaffe“ bekannt vorkommen dürfte. Ziel des Spiels ist es ja bekanntermaßen, unterschiedliche flugunfähige Vögel per Riesenzwille mit dem Ziel größtmöglicher Zerstörung in Richtung der feindlichen Grünschweine zu schießen. Angelehnt an Themen und Strukturen insbesondere US-amerikanischer Animationsfilme, findet ein inspirationsloses Abspulen altbekannter Motive statt: Der als Clown arbeitende Red wird wegen seiner so genannten Aggressivität als Außenseiter auf der zwanghaft idyllischen Vogelinsel an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Nach einem Vorfall mit einem Kunden, der ganz klassisch in einem Tortenwurf endet, wird er zur Antiaggressionstherapie verdonnert und trifft dort auch auf seine kommenden Sidekicks. Das Klischee eines Außenseiters verkörpert Red dabei stoisch und ohne Einfall, wirkt somit vollkommen charme- und schambefreit. Anfangs werden so allerlei Szenen seiner Isolation heruntergebetet, bis auch der Letzte im Publikum und das jüngste Küken verstanden haben, was für ein armes Hühnchen er ist. Aber er ist konventionellerweise eben auch jener Held, der im Angesicht der Gefahr als Einziger erkennt und warnt.

Denn als die aus dem Spiel bekannten Gegenspieler der grünen Schweine auftauchen, wittert er eine Bedrohung. Die Ankunft der Grünbäuche wird als Gegensatz der Kulturen inszeniert: Die mit reicher Natur bedeckte Insel und einfach lebenden Bewohner der Vogelinsel treffen auf die technologisierten Schweine, die sich als friedfertige Partysäue darzustellen versuchen. Ihre Ankunft könnte auch aus einem Invasionsfilm der Dritten Art stammen. Natürlich geschieht all dies wenig subtil und schon früh lässt sich die Richtung der folgenden Ereignisse voraussehen, die sich konsequent ins müde „Copy and Paste“-Drehbuchmuster einfügen. Dabei schafft es der Film nie, auf eigenen Flügeln zu gleiten, und entpuppt sich dabei ebenso flugunfähig wie sein Geflügel-Geschnetzeltes. Das als Vorbild dienende Spielkonzept fristet dazu lange das Dasein eines ausgegrenzten Stiefmütterleins, das so nur die Abstinenz eines Alleinstellungsmerkmals verstärkt.

Gestatten: Die Invasoren, die Schweine!

Das finale und federführende Zerschreddern übernimmt schließlich der humorlose Henker, der scheinbar jeden originellen Witz missbilligt: Die Angry Birds reihen bekannte, ausgeleierte Slapstickmuster an abgedroschene Figurenschemata an entsetzlich flachem Wortwitzgestammel. Letzteres mag der deutschen Synchronfassung geschuldet sein, in der u.a. Christoph Maria Herbst, Axel Stein, Michael Kessler und Smudo zu hören sind. Die Einfachheit des Humors findet einen großen Teil ihrer Motivation natürlich in der gnadenlos kalkulierten Anvisierung einer sehr jungen Zielgruppe, doch sollte Humor niemals mit dreister Anmaßung verwechselt werden. Durch die ungewollte Distanz zu den Figuren, die Kühle und Leere in ihrer Austauschbarkeit hervorrufen, fehlt dem Machwerk auch jegliche emotionale Bindung. Es gibt die altbekannten Traumata des Außenseiters, die hier aber nicht über Stellvertreterqualitäten hinauskommen. Man denke, wie stil- und liebevoll etwa die kalifornische Animationsschmiede Pixar im dritten Part der Toy Story-Reihe die ganze Tragik einer kleinen Nebenfigur, wie Red auch ein Clown, inszenierte: mit Respekt gegenüber seiner Figur und suggestiven Bildern.

Eine solche Qualität blitzt bei den Angry Birds aber nicht einmal am fernen Horizont auf. Dieser Film ist das Beispiel eines eiskalten, abzulehnenden kalkulierten Gewinns, der mit cineastischer Klasse nichts gemein hat. Seine Zuschauer, unabhängig ihrer Altersklasse, werden angesichts einer solchen Humor- und Würdelosigkeit für dumme, werbemanipulierte Wesen gehalten. Durch winzige Referenzen an große Filme (Shining!) soll so in aller Schamlosigkeit auch noch der Eindruck filmischer Intelligenz und zitierender Coolness entstehen. Der bekannte Name Angry Birds ist allerdings nicht mehr als der eingeplante, monetäre Faktor für eine Ansammlung von seelenlosem Diebstahl an Vorbildern, die einmal mit Anstrengung und Passion etwas Eigenes geschafft haben. Da ist es interessant und scheinbar humorvoll selbstreferentiell, dass die Dualität vom vermeintlichen Paradies (Vögel) und gnadenloser Plünderer (Schweine) seinen filmischen Ausdruck findet. Möge niemand auf der sich als harmonisch präsentierenden, aber brutal ausbeuterischen Vogelinsel stranden. Fazit: ANGRY!

Alex Warren

Titel: Angry Birds
Regie: Clay Kaytis, Fergal Reilly
Laufzeit: 95 Min.
VÖ: 12.05.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Sony Pictures

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