Aus dem Leben eines untoten Regisseurs – Horror-Liebhaber Jörg Buttgereit im Interview

Aus dem Leben eines untoten Regisseurs – Horror-Liebhaber Jörg Buttgereit im Interview

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Jörg Buttgereit ist überall zu Hause. Er arbeitet als Regisseur, Autor und Filmkritiker, kuratiert Filmprogramme für Festivals und gestaltet Hörspiele. Der Horrorspezialist machte sich Ende der Achtziger mit Filmen wie Nekromantik und Schramm einen Namen. Warum das digitale Zeitalter dem Kinobesucher alles kaputt macht und ihn King Kong zum Weinen bringt, erzählte uns der sympathische Berliner beim Interview.

J Platoon+ArtikelbildDu bist als Regisseur, Autor und Filmkritiker tätig. Gibt es einen Bereich, der dir am liebsten ist?

Eigentlich ist es genau diese Abwechslung, die meine Arbeit so aufregend macht. Wenn man mal wieder einen Film gemacht hat, dann ist es immer extrem entspannend, danach einfach nur ins Kino zu gehen, sich einen Film anzuschauen und dann darüber zu lästern. (lacht)

Man sagt ja immer „früher war alles besser“. Wenn du die Horrorfilme von früher mit heutigen vergleichst. Stimmt das?

Naja, in Sachen Horrorfilm wird ja immer so getan, als wäre heute alles schlimmer und härter. Beim Horrorfilm ist das ja die Steigerung von besser, oder?

Stimmt. Und bezogen auf die Technik?

Zu diesem Thema kann ich nur sagen, dass ich persönlich etwas frustriert bin von diesen ganzen digitalen Möglichkeiten. Die machen meiner Meinung nach sehr viel kaputt. Also zumindest aus Sicht des Zuschauers. Für die Filmemacher ist das zunächst sicher ein Vorteil. Es macht vieles einfacher. Ich habe das selbst mal erlebt, als ich bei einer Science-Fiction-Serie namens Lexx – The Dark Zone mitgedreht habe. Da wurde ganz viel vor Green Screens gedreht und dann meinten die immer, dass sie den Rest dann nachbearbeiten. Ich hab da echt gemerkt, wie mir allmählich das Gefühl dafür verloren ging, was wir da eigentlich gemacht haben. Daher kommt sicher auch meine Affinität zum Theater. Da kann man nix verändern.

Gibt es für dich positive Ausnahmen? Also Filme, bei denen du die digitale Nachbearbeitung gut findest?

Ja die gibt es. King Kong (USA/D/NZ 2005) von Peter Jackson zum Beispiel. Da fand ich diesen Affen extrem glaubwürdig. Das war auch die einzige digitale Kreatur, die es geschafft hat, mich zum Weinen zu bringen (lacht). Aber ansonsten…dadurch, dass heute alles möglich ist, wird es halt beliebig. Ich steh mehr so auf Filme wie Planet der Vampire (Regie: It/S 1965) von Mario Bava.

Wenn man sich heute die Horrorfilme von früher anschaut, sind die oft echt zum Lachen. Denkst du, dass das früher auch so war?

Man darf nicht vergessen, dass die Leute, wenn sie sich heute SAW 27 anschauen, auch viel lachen. Das ist einfach eine Entladung von Spannung, die sich da befreiend Raum macht. Aber natürlich ist es einfach, bei den alten Filmen über die Pappmaschee-Planeten-Oberfläche zu lachen, aber man kann genauso gut da sitzen und darüber staunen, wie ernst die das gemeint haben und wie selbstverständlich das für die war, so ein kleines Plastikraumschiff in den Raum zu hängen, abzufilmen und dann davon auszugehen, dass man versteht, was die meinen.

Woher kommt denn eigentlich deine Faszination für die menschlichen Abgründe und für das Horrorgenre?

Ich sehe das eigentlich nicht als eine Faszination, sondern eher als eine Notwendigkeit, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Denn die Tatsache, dass man selbst endlich ist, konfrontiert einen ja ständig mit irgendwelchen gruseligen Sachen. Sich im Kino, an einem sicheren Ort darauf vorzubereiten, ist ja vielleicht ganz sinnvoll (lacht).

Filme sind immer dann gut, wenn sie einen berühren.

Was zeichnet für dich einen guten Horrorfilm aus?

Was jetzt nicht nur für Horrorfilme, sondern für alle Filme gilt, ist, dass sie immer dann gut sind, wenn sie einen berühren. Wenn es nicht nur irgendwelche Schlachtfeste sind, sondern wenn da auch eine Bedeutung dahinter steckt. Ich werde oft von jüngeren Filmemachern gefragt, wie man einen Film, der in Deutschland verboten wurde, wieder von diesem Index runter bekommt.

Das ist dir ja auch schon mal passiert oder?

Ja genau, deswegen bin ich da ja auch Experte. Meine Antwort darauf ist dann immer, dass man ihn da nur wieder runter bekommt, wenn der Film auch Substanz hat. Sonst ist da leider wenig zu machen.

Wenn man so lange mit diesem Genre zu tun hat, gruselt man sich dann eigentlich noch selbst? Schaust du noch Horrorfilme im Kino?

Also Horrorfilme schau ich eigentlich nur mehr, wenn ich dafür bezahlt werde. Der Reiz ist da dann auch irgendwann mal vorbei. Klar gibt es noch Filmemacher, wo ich immer hingucke.

Wie zum Beispiel?

Also einen neuen David-Cronenberg- oder einen David-Linch-Film würde ich mir z.B. immer anschauen. Aber das sind ja dann auch schon wieder diese Grenzgänger, die man nicht unbedingt in dieses Horrorgenre werfen würde. Meistens sind Horrorfilme toll, wenn sie von jungen Leuten, in denen es noch brennt, gemacht sind oder eben von Leuten, die gar nicht aus diesem Genre kommen.

Hast du einen Lieblingshorrorfilm?

Das ist schwierig. Monsterfilme sind mein absolutes Steckenpferd, das sind dann aber auch oft keine Horrorfilme mehr.

Du bist ja auch ein besonderer Fan von japanischen Horrorfilmen. Wieso?

Das liegt erstens daran, dass die einfach am weitesten weg sind von diesem ganzen digitalen Kram. Die sind immer noch im Puppenkostüm in Miniaturstädten unterwegs. Und zweitens liegt es natürlich auch daran, dass ich diese Filme im zarten Alter von vier/fünf Jahren im Kino gesehen habe. Ich hab auch zwei Bücher darüber geschrieben und versucht, dieses Genre, das ich so mag, zu rehabilitieren. Ich wollte den Leuten zeigen, dass das nicht nur Quatsch ist, sondern dass da auch viele poetische Geschichten drinstecken, die man nur aus dem kulturellen Kontext heraus verstehen kann.

SLEAZE+NekroDu bist ja in West-Berlin groß geworden. Wie sehr hat dich das beeinflusst?

Also dieser Independent-Spirit, dieses Selbermachen, das war halt Ende der Siebziger in dieser Punkrock-Bewegung deutlich spürbar. Man konnte sicher sein, wenn man irgendwas macht, gibt es auch ein Publikum dafür. Selbstgemachte Sachen standen hoch im Kurs. Meine Freunde haben sich damals alle für Musik entschieden. Ich hab mir eine Kamera besorgt und gesagt: „Jetzt bin ich Filmemacher.“ So einfach war das. Das funktionierte aber auch nur in Berlin, glaube ich.

Glaubst du, dass das heute auch noch so einfach geht?

Heute ist das Filme produzieren noch einfacher geworden, weil die Technik noch viel zugänglicher ist. Wir haben damals tatsächlich noch auf Film gedreht, auf Super8.  Was damals auch einen finanziellen und logistischen Aufwand bedeutete. Heute kann sich jeder eine Kamera kaufen und dann am Computer schneiden. Es gibt also gar keine Ausreden mehr, wieso man kein Filmemacher wird. Aber die Bereitschaft der Leute bzw. die Aufmerksamkeit zu bekommen, ist heute sicher schwieriger, weil man ja ständig von Bildern überflutet wird. Sich da durchzusetzten ist sicher nicht einfach.

Stimmt es, dass du einen Film mit Bela B von den Ärzten gedreht hast?

Ne ganze Menge Filme. Wir waren zusammen in der Berufsschule und er hat dann an den Wochenenden öfters mal bei mir mitgespielt. Wir haben einfach den gleichen Filmgeschmack und haben deswegen ganz viele Filme zusammen geguckt. Er ist z.B. in dem Film Captain Berlin – Retter der Welt von 1982. Das war so ein Superheldenfilm. Außerdem hat er auch noch bei der Fake-Doku Trend-Rocker erzählen aus ihrem Leben mitgemacht. Dann machte ich auch die ersten Aufnahmen von Soilent Grün. Das war noch, bevor es die Ärzte überhaupt gab. Wenn heute die ganzen Ärzte-Dokus auf ZDF laufen, dann sind diese Bilder immer von mir (lacht).

Wenn du ins Kino gehst, was schaust du dann?

Nur mehr das, was mir interessant erscheint. Und dann auch nur mehr zu Pressevorführungen.

Welcher Film hat zuletzt so richtig Eindruck hinterlassen?

Mhm…die Tatsache, dass ich jetzt lange überlegen muss, sagt schon einiges oder? (lacht) Welchen ich ganz gut fand, war Guilty of Romance von Sion Sono (J 2011). Den fand ich echt toll, weil der so zwischen Kunst und Trash hin- und herwandert.

Welchen Film sollten junge Leute deiner Meinung nach unbedingt gesehen haben?

Mhm…was mich damals extrem begeistert hat, war FRANKENSTEINS BRAUT von James Whale (USA 1935). Den sollte jeder gesehen haben. Da ist einfach alles drin. Den habe ich damals als unglaublich gruseligen Film gesehen und heute halte ich ihn für eine Schwulen-Komödie.

Mariella

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