Jeanne, die (traurige) Hippie-Göttin

Jeanne, die (traurige) Hippie-Göttin

And Now for Something Completely Different: Jetzt stellen wir dir einen japanischen Zeichtrickfilm von 1973 vor. Warum? Weil Belladonna of Sadness diese Woche neu und frisch restauriert ins Kino kommt. Und weil dieser Film mindestens 90 Prozent der dieses Jahr ganz neu herausgekommenen Filme locker abhängt.

TEILEN

Du gehst ins Kino, der Saal verdunkelt sich und psychedelische Musik läuft. Eine gezeichnete Frau ist zu sehen, die von einem Woodstock-Plakat stammen könnte. Schnell wird klar: Der laufende Film bewegt sich in einer Hippie-Ästhetik.

Diese Zeit mit Acid, (damals) neuer innovativer Musik und noch neueren Gefühls- und Lebensformen hat so einige gute Filme hervorgebracht. So zum Beispiel den Zeichentrick Der phantastische Planet, eine super irre Story, in der Menschen auf einem fremden Planeten von einer blauen Riesenrasse als Haustiere gehalten werden. Auch in u- und dystopischen Filmen waren „die Hippies“ ganz groß: Brazil vom Monty Python-Mitglied Terry Gilliam oder Stalker des Russen Andrei Tarkovsky fallen da beispielsweise ein. Oder aber die ausgefallene französische Arthouse-Alice-im-Wunderland-Verfilmung Alice ou la Dernière Fugue des Nouvelle Vague-Regisseurs Claude Chabrol.

Die letzten drei genannten sind Real Life-Filme, doch gerade im Zeichentrick ließen sich wunderbar die Mandala-mäßigen und LSD-beeinflussten verästelten Visuals umsetzen, die in der damaligen Zeit auch auf Rockkonzerten immer hinter den Bands liefen.

SLEAZE.belladonna-of-sadness1
Jeanne & Jean zu glücklichen Zeiten

So auch Belladonna: In dem Film geht‘s um Jeanne und Jean, ein junges Liebespaar, das – die Namen zeigen es schon an – seelenverwandt ist. Es ist die große, pure und unschuldige (Hippie-)Liebe. Belladonna gleicht in seiner Einfachheit einem Märchen oder einer Parabel: Jean und Jeanne bräuchten nicht mehr als sich selbst zu ihrem Glück, doch „die Gesellschaft bzw. der Staat“ in Form des Fürsten, einer archetypischen Gestalt, machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der Fürst zerstört und korrumpiert die Liebe des jungen Paares, indem er Jeanne missbraucht und von seinen Anhängern missbrauchen lässt. Diese brutale Zerstörung trifft einen als Zuschauer richtig in den Magen – auch weil sie visuell unfassbar gut umgesetzt ist.

Und visuell ist Belladonna ein Leckerbissen: Der Film hat einen ähnlichen Flow wie ein Pink Floyd-Album, nimmt dich schwebend und flüssig mit auf einen fetten Trip. Jeanne ist eine wunderschön-traurige Göttin mit unendlich tiefen Augen, einfach „beautiful“ und gefühlvoll. „Der Fürst“ hingegen sieht mit seinem Totenkopf-Gesicht aus wie direkt einem Horrortrip entsprungen. Immer wenn er auftritt, schlagen die Farben und der Soundtrack ins Unwohlige um. Das ist klar, denn alles, was Rang und Namen hat, also in den alten, überholten Machtstrukturen festhängt, gefiel den antiautoritären Hippies überhaupt nicht. Die Anhänger und Gefolgsleute des Fürsten werden dann auch passend als ununterscheidbare, total homogene und nicht-individuelle Masse dargestellt – nimm das, Gesellschaft!

Fürst und Gefolge als Glücks-Zerstörer
Fürst und Gefolge als Glückszerstörer

Die Story gleicht also eher einem Märchen. Belladonna hat übrigens überhaupt nichts mit aktuellen japanischen Animes zu tun, sieht ganz anders aus und hat einen ganz anderen Flow. Selbst die Neo-Hippie-Animes des Studio Ghibli sind hier sehr anders. Der Film besteht nämlich größtenteils aus Standbildern, die oft mit seitlichen Kamerabewegungen abgefilmt werden. Die gezeichneten Bilder bewegen sich somit nicht innerlich. Oder wenn doch mal, dann steht zumindest der Hintergrund still.
Oft sind auch große Flächen im Bild weiß gelassen. Das wirkt allerdings sehr abstrakt und man kann sich unheimlich in dem Werk verlieren. Der Zeichenstil erinnert angenehm an belgische und französische Comic-Klassiker der 70er Jahre wie beispielswiese Corto Maltese. Und dass sich die Bilder gar nicht bewegen, ist nicht schlimm, da es viel und Schönes zu sehen gibt und man als Zuschauer den Blick lange über sie schweifen lassen kann. Dadurch kommt Belladonna eher rüber wie eine Art Stummfilm des Zeichentricks und ist ungemein ausdrucksstark.

Ganz große Zeichen-Kunst!
Ganz große Zeichen-Kunst!

In solchen „herunterziehenden“ Sphären wie der anfänglichen Vergewaltigung hält sich der Film auch nicht durchgehend auf. Irgendwann in der Mitte explodiert er zum Beispiel mal zu reinen 60er-Jahren-Visuals, in etwa wie in dem Beatles Film Yellow Submarine mit der Farbgebung des Sgt. Pepper-Albums. Die Hauptfigur Jeanne schließt dann später einen problematischen Pakt mit dem Teufel. Und dieser erscheint ihr zunächst in der Form eines – man muss es so sagen – kleinen Penisses. Durchaus lustig und auch sexy ist das, obwohl sexuelle Übergriffe auf die schöne Jeanne auch ein konstantes Thema bleiben – zusammen mit der Ablehnung von Geld und Macht.

Durch seine Machart gleicht der surreale Belladonna einem bebildertem Hörbuch – aber einem extrem gut bebildertem. In seinen besten Szenen ist der Film ein einziger Trip aus verschnörkelten organischen Mustern und fließenden Übergängen. Ein super Streifen, in dem schöne Welten aufblitzen! Eigentlich könnte es gerade heutzutage wieder mehr solche Filme geben: Thematische Sequenzen werden nicht etwa „ausgespielt“, sondern es kommt einfach eine mehrminütige musikvideomäßige Tripsequenz, die das Ganze emotional rüberbringt – genial!

Robert

Titel: Belladonna of Sadness
Regie: Eiichi Yamamoto
Laufzeit: 93 Min.
VÖ: 01.09.2016 (dt. Kinostart restaurierte 4K-Fassung)
Verleih: Rapid Eye Movies

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT