Janis hat die Debatte eröffnet

Janis hat die Debatte eröffnet

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Da es eher schwierig ist, ein Interview mit Janis Joplin zu kriegen, haben wir uns für jemanden entschieden, der sich viel mit ihr beschäftigt hat. Amy J. Berg hat einen Dokumentarfilm über Janis gedreht, in dem man wirklich viel Neues über sie erfährt. Wir haben uns mit ihr getroffen und über Janis‘ Einfluss auf die Musikwelt und ihre verrückten Beziehungen gesprochen. Amy scheint das Thema Gleichberechtigung der Frau sehr wichtig zu sein und gerade deshalb bewegt sie das Schicksal der Wunder-Stimme so sehr. Sogar eine Oscar-Nominierung bekam Amy schon einmal 2007 für einen Dokumentarfilm. Bereits im direkten Anschluss an die Preisverleihung vor neun Jahren begann sie sich in Janis Joplins Welt zu begeben.

Es gibt ja schonSLEAZE+Amy einige (meist unautorisierte) Biographien und Biopics über Janis. Warum wolltest du auch etwas über sie erzählen?
Ich finde, sie wurde einfach nicht besonders gut dokumentiert in der Geschichte. Es gibt viele kleinere Dinge im Internet, aber ihre Familie hat nie jemanden autorisiert, eine Dokumentation über Janis zu machen oder die Archive zu nutzen. Doch ich hatte Zugang dazu und habe sieben Jahre daran gearbeitet, diesen Film zusammen zu kriegen, alle Rechte zu erhalten und die Briefe und all das, was ich nutzen wollte. Aber für mich ist sie eine bedeutendsten Frauen der Geschichte und ich glaube, dass die meisten sich nur an ein Partygirl erinnern, dass an einer Drogenüberdosis alleine in ihrem Hotelzimmer starb. Und nicht an diese großartige Künstlerin, die so einen starken Einfluss auf die Musikindustrie hatte, Feminismus und alles, was sie für die Frauen getan hat. Ich wollte nicht provozieren damit, ich glaube nur, es gibt keine richtig echte Dokumentation neben ihren Konzert-Videos.

Dann war deine Motivation, dass die Leute ein anderes Bild von Janis kriegen?
Ja und auch von Frauen. Ich lebe in Los Angeles und bei uns in Amerika gibt es ständig diese Diskussionen über dieses Missverhältnis von Männern und Frauen in der Film-Welt. Gerade weibliche Journalisten glauben auch, dass man sich an Frauen aus diesem Club 27 nur wegen ihres Todes erinnert, während man bei den Männern an ihren Einfluss auf die Musik und Kunst denkt. Der Meinung bin ich auch. Es ist wichtig, dass Frauen die Schwierigkeiten verstehen, die Janis durchlebt hat. Denn sie hat in einer männerdominierten Welt gelebt. Sie war die erste Frau, die das getan hat, wofür sie bekannt wurde. Sie hat aus Blues den Rock’n’Roll gemacht und ist selber rausgegangen und hat ihre Shows selber vorangebracht. Das gab es vorher noch nicht. Sie hat echtes Neuland für Frauen betreten.

Wie wolltest du, dass Janis gesehen wird?
Sie war nicht perfekt. Sie hatte echten Erfolg, aber auch Schmerzen und ich denke, es ist wichtig, sich das genauer anzuschauen. In ihrem Leben gab es nicht viel Balance. Sie hatte keine Beherrschung so wirklich und das ist uns hoffentlich eine Lehre.

Du bist ungefähr zu der Zeit geboren, als Janis gestorben ist. Was war das erste, das du von ihr wahrgenommen hast?
Ich erinnere mich nicht wirklich daran, viel von ihr gehört zu haben, bevor ich ein Teenager war. Ich erinnere mich nur daran, ihre bekannten Lieder auf Classic-Rock-Sendern gehört zu haben. Aber dann habe ich angefangen, ihre Musik zu mögen in meinen 20ern. Ich habe Platten und CDs gekauft und wollte auch wirklich viele haben. Ich habe in einem Plattenladen gearbeitet und wirklich gesammelt. Weil Janis so singt, wie sie singt und so viel in ihre Musik einbringt, habe ich diese Verbindung zu ihr und ihren Songs gefühlt. Sie singt einfach so berührend und ohne viel über sie zu wissen, hatte ich diese Verbindung zu ihr und ihrer Musik.

Wie bist du an all das Material gekommen?
Nachdem ich 2007 meinen ersten Film gemacht habe, wurde mir gesagt, dass Janis‘ Geschwister und ihr Vermögensverwalter sich mit Filmemachern treffen. Sie haben zugestimmt, jemanden zu autorisieren, damit er das Material benutzen kann. Ich bin auch dahin und für mich war es wie ein Bewerbungsgespräch. Ich war richtig aufgeregt und wollte wirklich versuchen, diesen Job zu kriegen. Glücklicherweise haben sie sich auch für mich entschieden.

Wie bist du an die wirklich privaten Dinge gekommen wie die Briefe? Musstest du ihre Geschwister überzeugen, sie dir zu geben?
Sie haben die Sachen eigentlich gar nicht wie einen Schatz behandelt. Ab dem Punkt, als wir entschieden haben zusammen zu arbeiten. Sie hatten aber nicht die Rechte an allem von Janis und das wusste ich zwei Jahre lang nicht. Plötzlich mussten wir dann, nachdem wir so lange daran gearbeitet haben, alles nochmal umändern, da viele Rechte bei anderen Produzenten lagen. Ich hatte also nicht Zugang zu allem. Deshalb musste ich mich dann mit all diesen Leuten treffen, weil ich ihre Geschichte mit mehr als nur ihren Briefen erzählen wollte. Das war für mich sehr wichtig aus erzählerischer Sicht.

Was war das Erstaunlichste oder Überraschendste während dieser Interviews mit den Geschwistern und Freunden?
Wie fragil sie wirklich ist, hat mich immer wieder berührt. Wie sehr sie sich um jeden gesorgt hat in ihrem Leben und wie sicher sie sein wollte, dass sie gemocht wurde und dass alle glücklich sind. Ich habe ein Mitglied ihrer letzten Band Full Tilt Boogie Band interviewt. Er hat davon erzählt, wie viel Druck sie hatte und wie viel sie auf sich genommen hat. Es hat mich wirklich überrascht, wie ernst sie alles genommen hat. Wenn sie einen Fehler gemacht hat, ist für sie alles zusammen gebrochen. Wenn man sich so viel Druck macht, kann man sich gut vorstellen, dass es schwer ist; so zu leben. Du bist immer nur so gut wie der Moment und wenn du ihn vermasselst, fällt alles auseinander. Das sagt viel aus über Janis.

Denkst du, ihr Freund David Niehaus aus Brasilien hätte sie retten können? Man hofft ja bis zum Schluss, dass jemand sie rettet.
Man hofft immer, deshalb habe ich den Film so strukturiert. Wenn du in den Film gehst, weiß du ja, dass sie bereits gestorben ist. Wenn man diese Hoffnung am Leben halten kann, bedeutet mir das sehr viel, wenn der Zuschauer das fühlt.

Es fällt schwer, ihm zuzugucken, weil er immer noch so berührt scheint. War es auch so schwierig, direkt mit ihm zu reden?
Ja, weil er ja kein Teil der Musikszene ist. Er ist einfach ein Mann, den sie auf einer Reise kennengelernt hat. Auf eine bestimmte Art sind seine Reflexionen authentischer, weil er das alles nicht immer und immer wieder erzählen musste. Er lebt auf einer Insel in Hawaii und ist bodenständig. Vor einem Jahr war er sehr krank und ich habe versucht, ihn zu erreichen, kurz bevor der Film rauskam. Ich habe es fast zwei Monate versucht und er hat sich nicht zurückgemeldet. Normalerweise ruft er mich immer zurücSLEAZE+Amy2k und ich habe mir richtig Sorgen gemacht, dass ihm etwas passiert ist. Doch irgendwann hat er sich gemeldet und erzählt, dass er eine Weile im Himalaya war. Er geht immer noch wandern und ist wirklich vollkommen abgekoppelt von der Welt, die wir von Janis Joplin kennen. Er hat eine ganz andere Sicht darauf.

Cat Power liest die Briefe im Film vor. Warum hast du sie gewählt?
Ihre Stimme ist so nah an Janis‘ dran, dass sogar ihre Bandkollegen, als sie den Film zum ersten Mal gesehen haben, vergessen haben, dass es nicht Janis ist, die die Briefe vorliest. Das ist wirklich verrückt. Ich habe mir Janis‘ Interviews so lange angehört und als ich diese Frau sprechen gehört habe, war ich total berührt und beeindruckt. Es ist perfekt.

Siehst du Janis nach deinem Film in einem anderen Licht?
Ja, natürlich. Ich wusste gar nichts über sie vorher. Wenn ich mir einen Film ansehe, weiß ich sehr wenig über die Geschichte und dann beginne ich, zu entdecken. Jetzt habe ich das Gefühl, sehr viel über sie zu wissen, auch so viele persönliche Dinge. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Beschützerin darüber, weil sie so viele schmerzhafte Erfahrungen in ihrem Leben hatte.

Trotz dieser Schmerzen und dieses Drucks schafft sie es, so zerbrechlich auf der Bühne zu sein. Wie macht sie das?
Wenn man als Journalist oder Filmemacher über so etwas wirklich Persönliches mit jemanden redet, hat man Verbindung mit der Person und ist in diesem Moment. Sie tat das die ganze Zeit auf der Bühne. Sie nahm den Leuten den Schmerz, nahm die Energie auf und gab ihnen etwas zurück und half ihnen mitzumachen und weiterzumachen. Das ist viel Verantwortung und ich bin mir sicher, dass viele Sänger sich da blockieren, um sich zu schützen. Doch Janis hat nichts weggelassen. Sie war komplett offen und wie David Niehaus es im Film sagt, sie war so mitfühlend und fühlte den Schmerz aller anderen, dass sie anfing, Drogen zu nehmen. Sie musste die Stimmen in ihrem Kopf ausschalten und sich mehr zurückhalten.

Es scheint auch, als hätte Janis große Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein und dem Unterschied, auf der Bühne bejubelt zu werden und nach dem Auftritt allein sein zu müssen.
Das ist auch im Film ein wirklich wichtiges Thema. Sie wusste nicht, wie sie entspannen und abschalten kann. Sie wurde diese Person auf der Bühne und wenn sie runterkam, musste sie darüber sprechen. Ich glaube, sie hat keinen Weg gefunden, mit diesem Übergang zurecht zu kommen von komplett oben nach komplett unten.

Warum war sie immer nur von Männern umgeben, nicht nur in der Musik-Welt?
Sie hatte keine weiblichen Vorbilder. Das war das Problem. Janis‘ Vorbilder waren Blues-Sänger und es gab niemand anderen, der machte, was sie getan hat. Sie war die Erste. Sie hatte niemanden, mit dem sie über ihren Arbeitstag sprechen konnte. Deshalb war Janis nur von ihren Fans umgeben und Leuten, die mit ihr arbeiteten. Das war offensichtlich eine Art Wiedergutmachung, von diesen Leuten umgeben zu sein, die dafür bezahlt wurden, mit ihr zu arbeiten. Ich glaube aber, sie hatte keine konstante Gruppe von Freunden oder anderen Frauen in Bands, die Musik machten.

Ist Janis denn noch ein Vorbild in der heutigen Zeit? Welchen Einfluss hat sie auf die ewig andauernde Diskussion über die Gleichberechtigung der Frau?
Meiner Meinung nach hat sie diese Debatte angefangen. In dieser Zeit haben Frauen nicht das gemacht, was sie getan hat. Wo sie aufwuchs, waren die Erwartungen, dass sie Lehrerin wird oder Hausfrau. Wenn man die Werbung aus dieser Zeit anschaut, sieht man, dass Frauen für diese Rollen und diesen Lebensstil vorgesehen waren. Sie hat den Weg geebnet für Frauen in Rockbands und dafür eine Stimme zu haben. Damals sollten Frauen nur gesehen und nicht gehört werden. Ich glaube, wir Frauen scheinen biologisch immer dieses Problem zu haben. Doch sie hat für uns die Tür geöffnet, damit wir darüber reden können.

Leider wird der Club 27 immer populärer, zuletzt durch den Tod von Amy Winehouse. Was ist deiner Meinung nach die Verbindung zwischen Janis und diesen Musikern?
Es gibt auf jeden Fall einen Zusammenhang zwischen Menschen, die im Alter von 27 Jahren sterben. Aus astrologischer Sicht durchlebt man in dieser Zeit eine große Veränderung. Janis ist ein perfektes Beispiel für jemanden, der Veränderungen durchlebt mit 27 Jahren. Der Beginn des Films ist ja direkt nach ihrem 27. Geburtstag und sie denkt über ihr Leben nach. Sie möchte herausfinden, was ihr Ziel oder ihre Aufgabe ist. Die Welt, in der Amy Winehouse aufwuchs, war sehr anders. Alles wurde dokumentiert auf dem Handy oder mit Fotos. Bei Janis war es weniger direkt. Berühmt sein war nicht so hässlich in den 60ern. Für Janis war Popularität etwas Akzeptables, weil sie nicht den normalen Weg wählte.

Im Abspann gibt es ja ein paar ganz besondere Kommentare über Janis von Stars wie P!nk und Juliette Lewis. Warum wolltest du genau diese Leute gerne im Film dabei haben?
Ich wollte gerne mit ihnen reden, so dass ich mir vorstellen und besser verstehen kann, wie es ist, Janis zu sein. Sie gaben mir wirklich gute Kontakte und so habe ich mich dafür entschieden, sie nicht mitten in den Film zu packen, weil ich nicht wollte, dass Janis‘ Tod immer wieder auftaucht. Der Film sollte über ihr Leben sein, deshalb fand ich das eine gute Möglichkeit, es einzufügen. Mehr davon gibt es auch auf der DVD.

SLEAZE+Amy4Im Film konzentrierst du dich auch mehr auf die Person Janis und nicht so sehr auf ihre Musik. Wieso hast du es auf diese Weise gemacht? Die Musik ist oft nur im Hintergrund, so dass man sie mit der jeweiligen Situation im Film verbindet.
Ja, das war die Idee. Ich wollte, dass die Musik ihre Geschichte ergänzt. Wenn man sie versteht, versteht man hoffentlich auch ihre Musik besser.

Gab es etwas, dass du über Janis rausgefunden hast und so nicht erwartet hättest?
Ja, wie schwer sie es in ihrem Privatleben hatte und wie viele schwierige Situation. Ich wollte sie auch nicht ausbeuten, weil sie auch verdient, etwas Privates für sich zu behalten. Deshalb war es für mich auch wichtig, eine Balance zu finden zwischen den wirklich traurigen Dingen und ein paar der Höhepunkte. Aber sie hatte wirklich harte Zeiten.
Man wusste ja schon, dass sie oft einsam war und auf welche Weise sie gestorben ist. Ich glaube, es ist auch nicht gut für Frauen, sich nur auf das Negative zu fokussieren. Als Frau versteht man das besser.

Stimmt es, dass du ganz vielleicht etwas über Nina Hagen machen wollen würdest?
Wird das rumerzählt? Nein, nicht wirklich. Also ich habe versucht, sie zu kontaktieren, weil sie so interessant ist. Ich würde einfach nur mal gerne mit ihr in Kontakt treten. Wenn ihr sie seht, sagt ihr, dass ich sie suche. Als ich Teenager war, mochte ich sie sehr. Sie tat etwas, dass noch niemand gemacht hat. Ich wollte unbedingt wissen, wer das ist. Sie ist so wunderschön und roh. Mich erinnert sie an Janis Joplin. Sie offenbart sich komplett, dafür bezeichnen die Leute sie als verrückt und sowas. Deshalb habe ich auch diese negativen Zeitungsartikel in den Film gepackt. In dem einen Artikel wird sich darüber lustig gemacht, dass sie „Sex“ auf der Bühne schreit. Sie hat vielleicht darüber gelacht, aber es hat bestimmt auch wehgetan.

Obwohl Jim Morrison sowas ja auch gemacht hat.
Ja, aber über ihn würden sie das nicht sagen, weil er ein Mann ist. Er ist heiß und sie verzweifelt. So wird das gemacht.

Vielen Dank für dieses Gespräch.



Auch wenn es nicht immer so klingt, wirkt Amy Berg sehr bescheiden und sensibel und ihr ist es extrem wichtig, den Menschen hinter der Musik kennenzulernen und ins richtige Licht zu rücken. Janis so zu zeigen wie sie wirklich war, liegt ihr sehr am Herzen.

Maurin

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