James Bond in „No Time to Die“: Daniel Craigs Abschiedsvorstellung

James Bond in „No Time to Die“: Daniel Craigs Abschiedsvorstellung

Wir machen es selten. Aber 007 ist nun mal kein 08/15. Und daher müssen wir einfach eine zweite Optik schieben (nicht die letzte, da sind wir uns gewiss!).

TEILEN

Nach fünfzehn Jahren und fünf Filmen fällt der letzte Vorhang. Mit No Time to Die (dt. Titel: Keine Zeit zu sterben) endet die Ära von Daniel Craig in der Rolle des James Bond.

SLEAZE + No Time To Die
Everybody be cool! Auch wenn das nicht von 007 ist – selten war es passender.

Es war eine Zeit der Veränderung, die den berühmten Geheimagenten neu definierte. Das Franchise stürzte sich in eine traditionsbrechende Dualität, die den Protagonisten einerseits als physische Urgewalt in Szene setzte. Verschwitzt und blutverschmiert nahm er es wie ein Berserker mit seinen Widersachern auf.

Dieser Bond war sich von Anfang an nicht zu schade, seine Hände schmutzig zu machen, um den Status als Doppelnull (bitte nicht falsch verstehen) zu verdienen und weiterzutragen. Andererseits scheute schon seine Premierenvorstellung nicht davor zurück, ihn als (echten) Menschen zu zeigen, als einen tragischen und gebrochenen Helden, der seiner großen Liebe Vesper Lynd (Eva Green) beim Ertrinken zusehen musste. Daniels Variante machte sich von Beginn an persönlich angreifbar.

Dieses Spannungsfeld entlädt No Time to Die nun noch einmal bis zum großen Finale. Schon früh deuten die Zeichen auf eine persönliche Endzeit, wenn Regisseur Cary Joji Fukunaga, der einst die komplette Debütstaffel von True Detective inszenierte, James Bond in Nahaufnahme vor gleißendem Sonnenlicht zeigt und aus ihm eine sich aus dem Dunkel schälende Chimäre macht, die in Kürze zu verschwinden droht.

Bald schon holt die Vergangenheit ihn und seine aus dem Vorgänger Spectre (2015) bereits bekannte, neue Liebe Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux) gewaltsam ein. Das umherreisende Paar genießt gerade seine Zeit im italienischen Matera, die wie ein Traum erscheint. Der Verzicht auf Kunstlicht lässt die beiden Unzertrennlichen mit der Idylle verschmelzen und im dämmernden Licht wie romantische Trugbilder erscheinen.

Ein ohrenbetäubender Anschlag an einem Ort der Erinnerung und des Schmerzes erinnert bald aber schmutzig daran, dass der Agent mit der Lizenz zum Töten das Vergangene nicht einfach hinter sich lassen kann. Er scheint für dauerhaften Frieden nicht gemacht zu sein.

Doppelte Doppelnull

Daraufhin entfesselt sich die erste große Verfolgungsjagd und eine sich anschließende, rasante Reise durch die Vergangenheit Richtung Zukunft. Mit einer zwielichtigen Organisation rund um den geisterhaften Lyutsifer Safin (Rami Malek) dringt ein letztes Mal ein großer Antagonist in James‘ Leben ein, als schwerbewaffnete Mitglieder der Gruppe eine neuartige Waffe aus einem geheimen MI6-Labor stehlen und einen Wissenschaftler entführen.

SLEAZE + No Time To Die
Nicht Purge und nicht Jason: Das hier ist der aktuelle 007-Gegner!

Dabei hat JB sich längst in ein mittelamerikanisches Land zurückgezogen in dem Glauben, vor fünf Jahren, damals in Italien, von Madeleine verraten worden zu sein. Der große Zeitsprung macht unwiederbringlich klar, dass die Zeit der Craig’schen Bond-Ära mit großen Schritten ihrem Ende entgegengeht. In No Time to Die ist er anfangs zumindest in den Augen des MI6 gar zu einer überflüssigen Figur aus der Vergangenheit degradiert, die ihren Doppelnullstatus verloren hat.

007 ist inzwischen eine Frau, die in Gestalt der nicht minder physisch präsenten und durchschlagskräftigen Nomi (Lashana Lynch) in Erscheinung tritt. Es ist ein von anfänglicher Distanz, nie aber tiefer Verachtung umrahmtes Aufeinandertreffen der Vergangenheit und der potenziellen Zukunft auf Augenhöhe, dem Charme, Witz und Feuerkraft innewohnt.

In einem kurzen Moment gehört ihr einmal ganz allein das Scheinwerferlicht. In konzentrierter Kampfhaltung dem Publikum zugewendet, dreht sie sich präzise zurück in den Schatten, in dem James an dieser Stelle wandelt. Es ist ein geradezu flüchtiger und zugleich ausdrucksstarker Augenblick in der Mission der doppelten Doppelnullen. Noch einmal Seite an Seite mit einem Mann, der immer tiefer in die Dunkelheit hinabsteigt und von ihr verschlungen zu werden droht.

Noch einmal Bond, wie man ihn kennt

Es ist eine Mission im Rhythmus der voran gegangenen Filme mit dem ausscheidenden Hauptdarsteller, eine an unterschiedlichen Orten gebraute, gefühlvolle Melange aus informativer Detektivarbeit, expositorischen Dialogen, wuchtigen Actionchoreografien, zwinkernden Augen und anspielenden Blicken zurück in die Historie der Filmreihe.

No Time to Die fühlt sich an wie ein klassischer Craig-Bond mit dem Unterschied, dass er eben auch ein Abschied ist. Und hierfür finden Regisseur Cary und Kameramann Linus Sandgren (La La Land) noch einmal atmosphärische und elegante sowie brachiale Bilderwelten, in denen viele alte wie einige neue Gesichter auftauchen und zum Teil etwas zu schnell von der Bildfläche verschwinden. Ganz so, als müsste ihre Geschichte nun schnell zu einem Schlusspunkt geführt werden.

Ohnehin wirkt die Erzählung manchmal etwas zu flott und abrupt getaktet, was besonders auf James‘ neuen Gegenspieler abfärbt, der nicht nur seiner Maske wegen einem etwas blassen Phantom ähnelt. Ihm fehlt die kribbelnde Bedrohlichkeit aus dem Hintergrund, die aus dem Off kriechende Angst, weil ihm schlicht die beeinflussenden, von seinen Motiven losgelösten Momente fehlen, seine Persona trotz eines frühen und wortarmen Auftritts in eisiger Landschaft mit Nachdruck in Stellung zu bringen.

Der Auftritt der anfangs nervösen und James kurzzeitig zur Seite stehenden CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas) haftet dagegen die unbeschwerte Süße einer abendlichen Zufallsbegegnung an. Ihre kubanische, leichtherzige Episode gipfelt in nur einer von diversen Actionsequenzen, die allesamt dieselbe handgemachte Schroffheit auffahren, wie man sie von dieser Bond-Ära gewohnt ist.

Nachdem der Regisseur schon in True Detective eine intensive Plansequenz, also eine längere Sequenz ohne Schnitt, inszenierte, ließ er sich dieses Stilmittel auch hier nicht nehmen und verwandelte ein Treppenhaus so zu einem klaustrophobischen und körperlichen Aufstiegskampf.

Ruhe und Eskalation, Übersicht und Dynamik sind die Dompteure der zu Fuß sowie in und auf diversen Vehikeln stattfindenden Gewaltausbrüche, in der die Hauptfigur einer Eruption gleicht.

Sie sind letztlich auch der violente Gegenpol zu den großen Gefühlsausbrüchen, in denen sich Lippen ohne Zögern vor rasch anschwellenden Streichern treffen. Ein Hauch von Melodramatik im Stile des alten Hollywoodkinos weht durch diese Szenen.

SLEAZE + No Time To Die
No time to die – aber vielleicht… to say goodbye!

Solch Augenblicke erscheinen wie das letzte Aufbäumen gegen den heraufziehenden Abgrund, in den die Welt tiefer und tiefer blickt. Es sind große Kontraste in der Welt eines Mannes, der dem Kreis der Gewalt entfliehen will und doch nicht losgelassen wird von Feindschaften, Abschieden und Tod. Und der noch einmal alles zu verlieren droht. Auch sich selbst?

No Time to Die ist gefühlvolles, hartes Abschiedskino, das seiner Hauptfigur noch einmal eine imposante Bühne bereitstellt und den Zirkel der Bond-Ära des Daniel Craig tränenreich schließt.

Alex

Titel: No Time to Die (dt. Titel: Keine Zeit zu sterben)
Kinostart: 30.09.2021
Dauer: 163 Minuten
Genre: Action, Drama, Thriller
Produktionsland: Großbritannien, USA
Filmverleih: Universal Pictures

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT