James Bond 007: Keine Zeit zu sterben: Craigs Bond geht mit einem...

James Bond 007: Keine Zeit zu sterben: Craigs Bond geht mit einem Knall

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Seit Beginn der Corona-Krise verschieben sich die Filme wie lose Puzzleteile. Insbesondere auf Daniel Craigs letzte Mission als 007 darf ich mich schon seit knapp zwei Jahren wie ein verspielter Hund freuen. Es ist ein Bond-Film, der die höchsten Erwartungen im Kinosaal erfüllen muss. Und nur das vorweg: Keine Zeit zu sterben ist ein 007-Film geworden, der spaltet.

SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Für mich persönlich kann ich aber sagen: Dieser Agentenfilm hat mir großen Spaß gemacht. Starke Emotionen, gut dosierte Action und sympathische Figuren. Gehen wir mehr ins Detail!

Ein Prolog vor dem Prolog

Was Spectre als Kurzgeschichte für einen unterhaltenden Dialog diente, wird in Keine Zeit zu sterben zu einem fesselnden Prolog. In der Rückblende sehen wir eine junge Madeleine Swann (Léa Seydoux), die ihre Mutter verliert und sich ihrem Mörder stellen muss. Hier präsentiert uns der Film bereits, wer eine essenzielle Rolle in diesem knapp dreistündigen Film spielen wird.

Während Madeleine Swann ein eher klassisches Bond-Girl in Spectre war, beweist sie hier große Emotionen und starke Momente; neben dem namensgebenden Geheimagenten die am besten geschriebene sowie gespielte Rolle.

Bond, James Bond

Daraufhin folgt ein zweiter Prolog – nun in der Gegenwart und deutlich klassischer – vor dem Bond-typischen Introsong, der dieses Mal von Billie Eilish gesungen wird. Mir hat dieser nicht so sehr gefallen, weil mir Billie Eilish und ihr Ausatmen in verschiedenen Tonlagen nach jedem Vers einfach nicht zusagt. Ist Geschmackssache.

SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Jedenfalls sehen wir einen älteren James und seine Madeleine den Ruhestand genießen. Dieser endet unschön für ihn und James muss sich Spectre-Handlangern widersetzen, obwohl er doch ihren Boss Blofeld (Christoph Waltz) im letzten Ableger gefasst und eingesperrt hat. Es gibt keine andere Möglichkeit: Madeleine muss ihn verraten haben.

Und so folgt eine ausgesprochen fein inszenierte Fluchtsequenz mit typischen Bond-Gadgets; mittendrin Craig und Seydoux, die mir als Zuschauer ihre Gefühlskrise exzellent verkaufen. Die Chemie, die ich in Spectre vermisste, bekomme ich hier in der ersten Viertelstunde.

Was du aber sicherlich geahnt hast: Keine Zeit zu sterben ist ein direkter Nachfolger und stellt oft Bezug zum Vorgänger her. Während die anderen Craig-Filme in sehr kurzen Szenen angeschnitten werden oder mit Referenzen gleich die ganze Bond-Filmreihe geehrt wird, werden die Handlung und die Figuren aus Spectre zu einem wichtigen Bestandteil hier. Nicht-Kenner des Films verstehen Keine Zeit zu sterben problemlos, doch fehlt es ihnen dann an Hintergründen und manche Szenen wirken vielleicht weniger nachvollziehbar.

Ein guter Mix – geschüttelt, nicht gerührt

SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Keine Zeit zu sterben macht dann einen Zeitsprung und öffnet sich für: einfach alles. Es kommen alte sowie neue Figuren vor, wie zum Beispiel Agentin Paloma (Ana de Armas). Sie ist das wohl kurzweiligste Bond-Girl, was sehr schade ist, konnte mich aber in einem actiongeladenen Schusswechsel mit James an ihrer Seite begeistern. Dieses Schicksal erleiden leider viele Figuren. Sie kommen zwar in meist gut geschriebenen Dialogen vor, verschwinden allerdings wieder, damit die Handlung den nächsten Freund oder Feind, das nächste Setting oder den nächsten Knaller einführen darf.

Vor allem die Rolle der neuen 007-Agentin Nomi, die Ruhestand-James ersetzt hat, wird mit einer lässigen und coolen Art von Lashana Lynch gespielt, hat mich aber etwas kalt gelassen. Sie kommt zwar nicht so selten vor wie andere Nebenfiguren und ballert an James Seite in tollen Actionszenen, allerdings verschenkt man mit dieser Figur viel Potenzial. Gerade gegen Ende gibt es ein, zwei ganz komische Momente mit ihr und einem Antagonisten, die völlig deplatziert wirken. Die kleinen Sticheleien zwischen ihr und James haben hingegen für einige Schmunzler bei mir gesorgt.

Die Angst, sie wäre nur drin, um den Film „woke“ zu machen, darf ich hier jedem nehmen. Keine Zeit zu sterben bleibt ein cooler Bond-Film, mit einem charmanten Doppel-Null-Agenten, Bond-Girl, Bond-Gadgets und allem, was dazu gehört. Es ist lediglich weniger als sonst.

SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Das ist aber okay so, denn hier geht es um eine persönliche und teilweise gefühlvolle Geschichte, in der alles andere nur nebensächlich ist. Man sollte sich nicht zu sehr auf die Schwächen versteifen, sondern die klaren Stärken genießen. Keine Zeit zu sterben hat sympathische und starke Nebenfiguren, vernünftige Action, die man aus den letzten Bond-Filmen gewohnt ist, einen Soundtrack von Hans Zimmer, der ihm gelungen ist (obwohl er sich erneut etwas kopiert, denn ich habe das Batman-Thema an einer Stelle ganz klar raushören können) und einige kleine Twists, die mir immer Lust auf mehr gemacht haben. Deshalb fühlte sich für mich keine Minute in diesem Film langweilig an. Lediglich das CGI lässt gegen Ende etwas nach, was aber nicht weiter schlimm ist, da ansonsten viel handgemacht ist. Und einen letzten kitschigen Satz hätte es an sich nicht gebraucht, aber gut … muss man so hinnehmen.

Bond-Bösewicht enttäuscht leider

Mit Rami Malek als Lyutsifer Safin hätte ein neuer ikonischer Gegenspieler entstehen können. Leider verschenkt man wieder einiges an Potenzial, da man den Bösewicht – ähnlich wie in Spectre – zu spät glänzen lässt. Zwar kommt Maleks Bösewicht in mehreren kurzen Szenen über den Film verteilt vor und in diesen überzeugt er mit seiner krankhaft bedrohlichen Art und Weise. Und das Drehbuch versucht zumindest, ihn als Killer mit zwei Seiten zu präsentieren, allerdings reicht das, was letztlich gezeigt wird, nicht aus. Seine Geschichte macht – im Nachhinein betrachtet – auch nicht wirklich Sinn. Schade.

SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Viel schlimmer trifft es den Handlanger. Dieser ist so austauschbar und langweilig, dass mir nicht einmal sein Name mehr einfällt. Hatte er überhaupt einen? Er erleidet am Ende einen derart unspektakulären Tod, dass ich ihn zunächst nicht erkannt habe und für das gewöhnliche Kanonenfutter hielt. Da war selbst ein Wissenschaftler, der mich mit jedem seiner Sätze mehr und mehr an Borat erinnerte, einprägsamer.

Hingegen hervorzuheben ist nicht nur die sauber inszenierte One-Shot-Actionszene am Ende; es ist vor allem ein Moment, in der James Bond in einem Bunker mit runder Decke sich umdreht und einen letzten Schuss abfeuert. Diese Stelle erinnert an das allzeit beliebte Bond-Intro aus jedem 007-Film. Und genau diese Kleinigkeiten darf man im Film mehrmals sehen, was jeden Fan der Reihe glücklich machen dürfte.

Fazit

Und so schließt sich der Kreis: Der letzte 007-Film mit Daniel Craig als James Bond kriegt einen ausreichend harmonischen Abschluss hin und lässt die Filme seit Casino Royale wie ein Gesamtkunstwerk wirken. Wenn ich Keine Zeit zu sterben einordnen müsste, würde er sich auf dem Siegertreppchen mit Skyfall und Casino Royale wiederfinden.

Hier wird uns eine persönliche Geschichte mit viel Gefühl präsentiert (auf Bond-Filme bezogen). Aus demselben Grund funktionierte Skyfall damals so gut. Dieses Mal geht es weniger darum, den Bösewicht aufzuhalten und seine fiesen Pläne zu durchkreuzen (auch wenn dieses Thema vorhanden ist), sondern um James Bond und die Menschen, die ihm wichtig sind. Und das Ende überrascht mit einer Klimax, die beispielsweise Spectre völlig fehlte.

Keine Zeit zu sterben vereint die vielen Stärken der letzten Filme; verzeihen muss man ihm nur sehr wenig. Allerdings sind es derart viele Stärken, die die 007-Filme mit Craig ausmachen und hier in einen Film gepresst werden, dass der ein oder andere Moment etwas zu kurz geraten ist. Nichtsdestotrotz ist es ein würdiges Finale für Daniel Craigs Bond und ein Finale, wie ich es mir erhofft habe.SLEAZE + Keine Zeit zu sterben

Ich kann jedem 007-Fan empfehlen, diesen Blockbuster im Kino zu schauen. Man sollte aber keinen unvergesslichen Bösewicht oder ikonischen Handlanger erwarten. Genauso warne ich diejenigen vor, die sich einen Bond-Film wie Casino Royale wünschen. So ist er nicht geworden, obwohl sich beide den Ernst, den verletzlichen Bond und die Action teilen – und natürlich: einen hervorragenden Daniel Craig als James Bond.

San L

Titel: James Bond 007: Keine Zeit zu sterben
Kinostart: 30. September 2021
Dauer: 163 Minuten
Genre: Action, Spionage
Filmverleih: Universal Pictures International Germany

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