It’s a me, Tortoise!

It’s a me, Tortoise!

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SLEAZE+Tortoise.UmbrellasNach sieben Jahren Pause mischen sich Tortoise noch einmal in die moderne Jazz-Szene ein. „The Catastrophist“ heißt das neue Werk und es nur dem Jazz zuzuordnen, wird dem Album nicht wirklich gerecht. Dieser ist eher das Grundgerüst, der jedoch ergänzt wird von progressiver Gitarre, Dub und vielen elektronischen Elementen.

Der Einstieg klingt eher nach den bekannten Melodien aus den ersten Gameboy-Spielen der 90er. Phasenweise sieht man Mario vor seinem geistigen Auge herumspringen oder befürchtet, im hohen Pokémon-Gras schon wieder einem Taubsi begegnet zu sein. Zu Anfang amüsant, später aber doch anstrengend. Eine Besonderheit der Band aus Chicago ist, dass es keinen Gesang gibt. Wird ein Sänger für ein Stück benötigt, wir dieser einfach dazu geholt. Das geschieht bei zwei Songs auf diesem Album. Wirklich gelungen ist deshalb das David Essex-Cover „Rock On“. Todd Rittman nimmt mit seiner Stimme dem Synthesizer-Sound die Kälte und hilft, alles natürlicher klingen zu lassen. Diese kühle Stimmung, die „Catastrophist“ ausstrahlt, verhilft anderen Songs wie „Shake Hands With Danger“ zu echtem James Bond-Feeling. Der gesamte Sound ist minimalistisch und klingt teilweise wirklich fremd. Akustische Klänge zwischendurch und insbesondere Jeff Parkers Gitarrenspiel machen es leichter, sich dieser Art von Musik anzunähern. Streckenweise wiederholen sich Elemente gähnend oft und wenn diese zu sehr dem „Jazz unterlegt mit Beat“ verfallen, denkt man an Fahrstuhl-Musik. Eine willkommene Abwechslung ist aber, dass das Muster Strophe-Refrain-Strophe-Refrain hier durchbrochen wurde. Erwartungen zu durchkreuzen, schaffen Tortoise nun schon seit 25 Jahren und sind sich nie zu schade, zu improvisieren und Neues auszuprobieren. Von hypnotischen Beats bis wirklich launischen Melodien findet man alles. Es ist überraschend, dass so viele verschiedene Elemente tatsächlich gut hörbare Musik ergeben, auch SLEAZE+Tortoise.Albumwenn diese manchmal in gefühlter Endlosschleife laufen und nur ab und zu aus ihrer Form herausspringen, dann aber richtig und auf vollkommen unerwartete Weise.

Für Elektro-Liebhaber befindet sich auf „The Catastrophist“ ein wahres Ideen-Feuerwerk voll selten gehörter Klänge, die jedoch sehr in die Länge gezogen werden und so auch öfter an der Geduldsgrenze kratzen. Trotzdem gibt es ein paar wirklich schöne Momente, besonders wenn sich purer Dance-Beat mit Gitarre und Jazz-Melodien abwechselt. Bei so manchen Liedern hat man das Gefühl sie schon viel zu oft gehört zu haben durch die Ähnlichkeit zu einem Videospiel-Soundtrack und teilweise sehr lange andauernden repetitiven Bass-Klängen. Mit diesem minimalistischen Elektro-Jazz stechen Tortoise auf jeden Fall heraus und bereichern die Musikwelt um noch mehr Genrevielfalt, die nicht bei jedem Lied hätte sein müssen.

Maurin

Interpret: Tortoise
Album: The Catastrophist
VÖ: 22.01.2016
Label: Thrill Jockey / Rough Trade

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