Die verträumte Welt der Töne: Interview mit Margarete Kreuzer

Die verträumte Welt der Töne: Interview mit Margarete Kreuzer

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Wer sich mit der deutschen Musikszene der 70er und 80er ein bisschen auskennt, der hat definitiv schon von der Berliner Band Tangerine Dream gehört. Gegründet im Summer of Love 1967, gehören sie zu den Pionieren der elektronischen Musik. Unter der Leitung von Edgar Froese verbreiteten sie Jahrzehntelang psychedelische Klänge in Form von Schallplatten, und das auch recht erfolgreich. Sie gehören zu den erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, was durchaus ihrem innovativen, hauptsächlich durch elektrische Instrumente wie Synthesizern entstandenen, Sound zu verdanken ist.

Im Zuge der Berlinale war nun ein neuer Film über die Truppe zu sehen, Revolution of Sound. Tangerine Dream. Und da wir sowohl Film- als auch Musik-Fans sind, haben wir uns direkt mal der Regisseurin der Dokumentation, Margarete Kreuzer, zusammengesetzt und über Tangerine Dream, den Film und Vibrations gequatscht.

TD in der Besetzung Edgar Froese, Christoph Franke und Johannes Schmoelling, 1980

Wie ist das Interesse zu dem Projekt entstanden?
Grundsätzlich hatte ich sowieso ein Interesse an TD, denn ich bin auf dem Land groß geworden und da habe ich gerne die ein oder andere Musik gehört, aber eben auch TD. Gerade wenn man dann Joints raucht, ist das ganz schöne Musik (lacht). Das war zumindest damals so, heute brauche ich da keine Joints mehr.

Ein Zitat aus dem Film hat sich besonders eingeprägt: Musik als solche existiert nicht, es gibt nur Schwingungen und Vibrationen. Ihre Meinung?
Ja, also ehrlich gesagt, da bin ich was das betrifft, d’accord mit Edgar (Froese), weil diese Sichtweise auf die Musik… es geht ja erstmal um den Ist-Zustand der Musik. Es geht ja nicht ums Musik machen, sondern was ist Musik überhaupt? Was ist ein Ton? Ein Ton ist ein Geräusch. Das ist mal das Erste. Und was ich dann in den Ton, das Geräusch interpretiere, dann gibt es ja auch ein Gefühl dazu. Wenn ich lauter Geräusche höre, dann kann ich daraus auch interessante Musik machen. Ich bin dann so offen, etwas Neues zu hören. Dann kann ich zum Beispiel auch Krach hören, der von Maschinen gemacht wird, und ich höre trotzdem etwas Neues.

Quasi eine Interpretationssache?
Das ist eine Interpretationssache, ja, und wenn ich jetzt überhaupt denke, ein Ton ist ein Geräusch, dann kann ich ja viel mehr hören als wenn ich nur Musik hören will. Dann kann ich mehr entdecken. Vielleicht auch erfinden.

Das ist sehr interessant. Inwiefern denken Sie, wurde TD von der psychedelischen Rockmusik aus GB und den USA beeinflusst?
Ich würde denken, dass sie auf jeden Fall Kinder ihrer Zeit waren, und dass sie sicherlich auch von der psychedelischen Musik beeinflusst wurden. Am Anfang jedenfalls.

Man hat sich ja, grade in der deutschen Szene, versucht abzusetzen von der englischsprachigen Szene…
Ja genau. Man hat sich dafür interessiert, aber man hat trotzdem versucht, etwas anderes zu machen. Tangerine Dream waren ja auch am Anfang eher etwas rockig. Aber davon wollten sie weg, insofern glaube ich schon, dass da etwas mitwaberte, bewahrten aber ihre Distanz. Beeinflussung gab es aber bestimmt.

Das passt auch ganz gut zu meiner nächsten Frage. Tangerine Dream spielen ja Musik frei von jeglichen Konventionen, also wirklich „freie“ Musik. Hat diese Art der Musik spätere Künstler noch beeinflusst?
Ja, es gibt da sicherlich einige. David Bowie fand TD auch ganz interessant. Oder auch Schiller (der Musiker, nicht der Dichter) hat TD als Einfluss genannt. Und Hans Zimmer ist ein riesiger Fan der Band. Da wird es bestimmt viele geben, die sich haben beeinflussen lassen. Auch DJs.

Im Film wird die Zusammenarbeit mit Salvador Dalí gezeigt. Für mich persönlich ist psychedelische Musik stark mit dem Surrealismus verbunden bzw. von ihm beeinflusst. Wie sehen Sie das?
Ja klar. The doors of perception, dass meinen Sie sicherlich. Und da haben wir ja auch so einen Link zwischen TD und der elektronischen Musik. Diesen neuen Stil, also die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen. Da spielt das psychedelische bestimmt mit rein, und auch der Surrealismus. Aber da hat Edgar ja auch versucht, diese Pforten der Wahrnehmung anders zu öffnen, indem er neue Sounds kreierte, mit Schulz und Ranke zusammen natürlich. Dalí hat ja auch mal gesagt „nichts ist so realistisch wie die Träume“ und insofern seien diese viel realistischer als die Wirklichkeit, und da passt das auch ganz gut zusammen. Deswegen hat sich Edgar da auch so beeinflussen lassen. In dem neuen Stil.

Edgar Froese 1966 in Berlin

TD gehören zu einer Generation von Bands, die in der Aufbruchsstimmung der Gegenkultur Berlins Ende der 60er / Anfang der 70er gegründet wurde. Denken sie dieser Zeitgeist spiegelt sich auch auf den Veröffentlichungen von TD wieder?
Ich denke schon. Edgar hat auch selber in seiner Autobiographie darüber geschrieben und mir auch selbst erzählt, dass das „Zeit“-Album auch ein Ausdruck sei und dass er bei Dalí diesen Spruch gelesen hat, dass Zeit eine Illusion sei, und dass er die Berliner Mauer auch als eine solche wahrgenommen hat. Eine Illusion, dass das alles unwirklich ist. Und das hat er auch in diesem Album verarbeitet.

TD gelten als die Wegbereiter der elektronischen Musik. Wie weit würden Sie ihren Einfluss in dieser Szene einschätzen?
Ich kann hier leider nicht für die elektronische Musikszene sprechen, ob es da einen Einfluss gab. Aber ich würde denken, dass sie Pioniere waren in der elektronischen Musik und sich viele DJs von ihnen inspirieren ließen. Und ich denke auch, dass sich vor allem die Ambient Musik davon beeinflussen ließ.

Tangerine Dream gelten zusammen mit Ash Ra Tempel als Gründer der Berliner Schule. Als in der Doku am Ende die Aufnahmen mit Timothy Leary entdeckt wurden, musste ich an Ash Ra denken, die auch ein Album mit Timothy während dessen Exils aufnahmen. Denken Sie, TDs Album kommt aus der derselben Schaffungsphase mit Ohr-Chef Rolf Ulrich Kaiser?
Ja, das war sicherlich über Rolf Ulrich Kaiser, aber das ist jetzt nur eine Mutmaßung, weil Dieter Dirks es nicht mehr weiß. Dirks hat nämlich das Archiv-Material vom Ohr-Label übernommen. Das war auch ein Zufall, denn sie haben ihr Archiv ein bisschen renoviert und finden dabei das Material. Und es ist ja ein Stück Zeitgeschichte. Ist verrückt sowas. Etwas neues Altes zu entdecken.

Warum funktioniert TDs Musik so gut als Soundtrack für Filmproduktionen?
Das kann ich Ihnen sagen. Diese Musik inspiriert mich auch selbst, weil sie solche Klanglandschaften entstehen lässt. Sie erzeugt Bilder im Kopf. Und sie hat keinen Text. Ich bin ganz frei in meinen Bildern. Ich bekomme keine Emotionen serviert, sondern ich bekomme Klänge, die in mir etwas hervorrufen.

War es eigentlich schwer, große Namen wie Brian May oder Michael Mann für Interviews zu bekommen?
Naja, Michael Mann in Hollywood auszugraben war schwer für mich. Es hat so zwei Wochen gedauert, bis ich mich da durchtelefoniert habe, aber dann war er total aufgeschlossen. Wir hatten einen totalen Draht zusammen, aber den hatte ich eigentlich mit allen. Alle waren dem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen. Michael Mann, Paul Brickman und Peter Baumann haben auch Werbung für das Crowdfunding für den Film gemacht. Das fand ich ganz toll, denn jemand wie Michael Mann hat ja nun auch wirklich keine richtige Ahnung, wer ich eigentlich bin.
Auch die Fans, ich bin ganz glücklich darüber, wie sie das Projekt unterstützt haben.

Im Film werden viele Amateuraufnahmen verwendet. Handelt es sich hierbei um private Aufnahmen von Edgar Froese?
Ja das waren alles Privataufnahmen. Es gibt diese Privataufnahmen, Super 8, und der Rest war vom WDR oder RBB. Gott sei Dank waren sie auch dabei, denn sonst wäre es nicht so rund geworden, glaube ich.

Da wären wir auch bei meiner letzten Frage:  Haben sie schon Pläne für zukünftige Projekte?
Ja, und zwar würde ich gerne einen Film über Lüül machen. Einer von den 17 Hippies.

 Ach so, die Band…
Ne, nur über Lüül, den Solisten. Über den würde ich gerne einen Langfilm machen. Aber das ist jetzt noch nicht so big, ich kann also noch nicht alles verraten. Aber ich mache gerade auch noch zwei andere Filme für Arte.

Simon

Revolution of Sound. Tangerine Dream

von
Margarete Kreuzer

Deutschland 2017

Deutsch, Englisch

Dokumentarische Form
90 Min · Farbe

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