Inside (–) a Vision

Inside (–) a Vision

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Das dänische Entwicklerstudio Playdead machte anno 2010 mit einem Hammerschlag auf sich aufmerksam. Ihr Monochrom-Platformer Limbo beeindruckte nicht primär ob seiner spielerischen Qualitäten. Es war das Erlebnis, das die Horrorvision am Rande der Hölle dem Spieler einflößte – sofern man den Titelnamen in eine seiner Bedeutungen als jenen Ort auflösen und erkennen möchte. Mit einem kleinen, schemenhaften Jungen, in der Gänze bis auf kleine weiß-leuchtende Augen schwarz auskoloriert, machte man sich auf die Suche offenbar nach seiner Schwester. Es folgte eine Tour de Force des Bizarren, Grotesken, Grausamen: brutale Kinder, die an William Goldings Lord of the Flies erinnern, die omnipräsente Bedrohung einer gigantischen Spinne, ständige Tristesse, aber auch meditative Schönheit begegneten auf der Reise, die nie im klassischen Narrativ vorgesetzt, sondern erlebt wurde. Inside ist nun ihr neues Meisterwerk.

SLEAZE.inside-3Wer?

Ein hektisches Rascheln kündigt die Ankunft des „Helden“ an, der offenbar vor irgendetwas auf der Flucht zu sein scheint. Er lässt sich aus dem Gestrüpp hinaus von einer Art Mauer fallen und der Spieler übernimmt. Es gibt keine Einleitung, kein Intro, keine Zwischensequenz. Er steht einfach vor uns, ängstlich und außer Atem, in seinem roten Pullover und der schwarzen Hose. Sein Gesicht ist zwar erkennbar, aber noch immer von solcher Schemenhaftigkeit, dass er sich einer größeren Annäherung verweigert. Und der es doch schafft, den Spieler im Laufe des Abenteuers an sich zu binden. Ähnlich den ebenfalls unkonventionell erzählten Abenteuern ICO und Shadow of the Colossus von Fumito Ueda lebt dem Jungen eine wahre Lebendigkeit inne. Er atmet schwer nach einer erfolgreichen Flucht, setzt bei akuter Gefahr zum Sprint an und zittert merklich in Momenten, in denen eher Leben und Tod gleichsam nahe ist. Im Kontrast dazu seine mitschwingende Gerissenheit, situationsbezogene Intelligenz und Kompromisslosigkeit. In dieser Welt von Inside müssen auch Opfer gebracht werden.

Wo?

Wie schon in Limbo präsentiert Playdead eine Welt, die ihre kafkaeske Bedrohlichkeit aus dem Vertrauen der reinen Bilder zieht. Es gibt keine ausgesprochene, dafür aber zu sehende Hintergrundschichte bzw. vielmehr die Vision einer Welt, die von Grausamkeit, Kälte und wissenschaftlicher Verantwortungslosigkeit geprägt ist. Eine Welt, in der ein Leben nichts zählt. Eine Welt, in welcher der Mensch offenbar im Begriff ist, sich über Natur und ihre Gesetze zu erheben. Diese Gratwanderung auch in ihrem Innenleben ausgedrückt, in dem alte Technik, architektonisch alt anmutende Gebilde und ein großer Naturaspekt auf die Kühle einer Forschungsfestung treffen. Es könnte die unsere sein. Aber sie ist ebenso wunderschön, was nicht nur an der formidablen Ästhetik liegt – das Licht, die Farben, das Spiel mit den Perspektiven sind eine Augenweide. Es sind ebenso die Momente von Hoffnung, Menschlichkeit und Mitgefühl. Warum man überhaupt ist, wo man ist und was für eine Rolle man spielt, erzählt Playdead nicht offensichtlich. Aber die Vision, die sie lebendig werden lassen, ist von erzählerischer Größe und Klasse.

SLEAZE.inside-2Wie?

Im Gegensatz zu Limbo spielt diesmal auch der Hintergrund eine entscheidende Rolle. Denn er ist nicht nur Storyelement, sondern ebenso spielerisches: So geschieht es, dass im Hintergrund Menschen nach dem Jungen suchen oder roboterhafte Killermaschinen mit riesigen Suchscheinwerfern nach jeder Bewegung Ausschau halten. Playdead schafft damit einige Höhepunkte und setzt statt des noch in Limbo recht präsenten Rätselanteils das Gefühl einer intensiven Erfahrung in den Vordergrund. Der Spielfluss ist damit flüssiger und weniger „spielerisch“; im Erstlingswerk erschien mir der Knobelpart einen Tick zu konstruiert, was ein wenig an der Immersion gezerrt hat. Inside verlangt vielmehr eine instinktive Anpassung des Spielers an Spannungssituationen, womit dem Spiel eine nicht geringe Dosis Spannung verabreicht wird.

Bewusst sollte sich hier zurückgehalten werden mit einer zu eingehenden Beschreibung einzelner Ereignisse, denn Inside sollte erlebt werden. Es stößt ab und fasziniert zugleich, wirft viele Fragen auf und wagt es nicht, Antworten zu geben. Denn darum geht es nicht. Es ist das Stimulieren des Spielers, das Hervorrufen von Reaktion, auf das Kunst basiert. Und Playdead versteht es mit Inside prächtig, mit dieser dystopischen (oder schon realen?) Vision eine wahrhaftige Erfahrung zu bieten. Ein Meisterwerk.

Alex Warren

Titel: Inside
Entwickler: Playdead
VÖ: 29.06.2016 (Xbox One), 07.07.2016 (Microsoft Windows)

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