Was Schwellenland wirklich bedeutet

Was Schwellenland wirklich bedeutet

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Es gibt für den Begriff Schwellenland keine offiziell-eindeutige Definition – wie mir in Indien wieder bewusst wurde.

SLEAZE.indien03Die Kontaktaufnahme zu den Einheimischen war simpel. Sobald man den Flughafen in New Delhi (Einheimische formulieren das handlich um zu Nuh Dilli) verlässt, ist man im Gespräch. Sechs Taxi-, Rikscha- und Tuktuk(motorisierte Rikscha)-Fahrer gleichzeitig werfen mir englische Satzbrocken mit kuriosem Akzent an den Kopf. Zur Untermalung gibt es Abgase, Hupen und dezent anderen undefinierbaren Lärm. Wer schon einmal in Hongkong war und die Höflichkeit dortiger indischer und pakistanischer Technik-Verkäufer mit zehn potenziert, hat ungefähr ein Bild von der Aufdringlichkeit (und Unfreundlichkeit, wenn du ablehnst) der Fahrer in Delhi. Gut, dass ich so wenig verstehe.

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Nach Aussage meines Tuktuk-Fahrers Amar in Jaipur sei die Aufdringlichkeit eine Frage der Religionen. Muslims seien am nervigsten, Hindus nicht ganz so schlimm. Er gehört zur Gruppe der Sikh. „Sikhs rasieren sich nie“, erklärte Amar, die Haare um seinen Mund hat er sein Leben lang nur abgekaut. Alle männlichen Mitglieder seiner Familie hätten sich nie rasiert. Die Barthaare werden gedreht und mit den anderen Haaren unter den Turban verfrachtet. Wie auch immer, die Sikhs seien jedenfalls die nettesten im Beförderungswesen. Und zumindest er selber hatte mich zuvor nach langem Feilschen mit anderen Fahrern von sich überzeugt, sondern ich nach der Fahrt frei entscheiden sollte, wie viel ich zahlen möchte. Wir waren auch für den nächsten Tag verabredet, da hat er mich sitzen lassen. Das war nicht so nett.
Ein riesiges Land wie Indien hat in vielerlei Hinsicht eine Menge zu bieten: die Atombombe, Vegetarismus, Militär mit Sandsack-Schutzwällen und Maschinenpistolen in den U-Bahnhöfen, Bollywood, was seit der Umbenennung von Bombay in Mumbai eigentlich Mollywood heißen müsste, eine ursprüngliche Form des Hakenkreuzes an vielen Wänden, Tierfreundlichkeit, Jahrhunderte alte und weltberühmte Gebäude wie das Taj Mahal, das Rote Fort oder der Wasserpalast in Jaipur, 1,2 Milliarden Menschen, davon über 70% (Indo)Arier, wo sich die blöden Nazis neidisch fragen würden, wie diese Ausländer das geschafft haben – wenn die Nazis nicht so blöd wären.

1,2 Milliarden minus…

Rechnet man meine Erfahrungen in Neu-Delhi, Jaipur und Agra hoch, haben von den 1,2 Milliarden 100 – 150 Millionen ein ernsthaftes psychisches und/oder physisches Problem. Ein Bericht des UN-Entwicklungsprogamms 2009 bestätigt das: 25% der urbanen Bevölkerung in Armut, 23% leben in Slums, 7,8 Millionen städtische Inder sind obdachlos, von denen 71% angaben, keine Freunde zu haben…

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Ein weiterer Teil der „Probleme“ ist wohl dem Verkehrschaos zu verdanken. Der Linksverkehr ist hier nicht so gefährlich wie beispielsweise in London, denn hier kommt die Gefahr von allen Seiten. Mein Tuktuk-Fahrer Govinda (siehe Kasten) schätzt, dass mindestens 50% keinen Führerschein haben wegen der hohen indischen Korruption. Und so fahren Autos in Menschenmengen rein, alles muss schnell ausweichen, um nicht verletzt zu werden, Rad-Rikschafahrer drehen sich bei brenzligen Beinahzusammenstößen weg und schließen die Augen oder ein Typ, der über die Straße rennt, um den Bus zu kriegen, wird von einem Auto gerammt, weil der Fahrer genauso aufmerksam ist wie der Fußrenner.

Das größte Problem sind aber – Mülleimer. Oder genauer die vielen, die nicht existieren. Dadurch gibt es pro Inder eine Fliege, mindestens. Meine persönliche Theorie, dass die Kuhverehrung so groß ist, weil die wenigstens einiges der Fliegenaufmerksamkeit auf sich ziehen, konnte ich bisher nicht nachweisen. Aber sie stimmt. Genauso wie mein Tipp, dass die nächste Seuche ein indischer Mix ist. Den streunenden Hunden jedenfalls gefällt das tägliche All you can eat bestens, genauso den Tauben und, natürlich, den Kühen.

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Ein interessantes Land mit großem ABER

Indiens Städte verbinden chinesische Überbevölkerung mit arabischem Chaos. Soll heißen, ein gemütlicher Städtetrip wie in Europa ist nicht drin. Man wird immer angesprochen, fotografiert und regelrecht angeglotzt, als wäre man ein Filmstar. Für Frauen alleine ist die Situation noch anstrengender. Man sollte sich vorher gut informieren, weil in Indien sich alles ums Geld und Überleben dreht, man also dauernd übers Ohr gehauen wird. Das Land hat kulturell aber so viel zu bieten, dass es sich lohnt, den Stress auf sich zu nehmen. Nach meinem Drei-Städte-Trip würde ich eine Urlaubsmischung aus Stadt und nicht-urbanen Ruhezonen empfehlen. Unbedingt nutzen sollte man Bahn und Bus – schneller bekommt schnell man keinen Einblick in das Leben in das aktuelle Indien.

Fazit: Die Schwelle dieses Landes ist noch sehr breit. Im Gegensatz zum nördlichen Konkurrenten China, wo alles geordnet (und von oben verordnet) läuft, regiert hier häufig Missmanagement und Chaos. Für mich persönlich ist das spannender zu beobachten als China. Aber halt auch anstrengender. Für die Beobachter und für Indien.

danilo

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