Im Hotel mit Sebastian Fitzek

Im Hotel mit Sebastian Fitzek

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Der Veranstaltungsraum im Hotel Ellington heißt Saal Femina. Passender könnte der Name zumindest heute kaum sein, denn davor drängen sich unzählige Frauen. Sie alle wollen Sebastian Fitzek sehen. Genau wie ich. Deutlich zu laut frage ich eine offiziell aussehende Dame, wo ich ihn finden könne, da ich einen Termin mit ihm hätte. Nicht wenige Köpfe drehen sich in meine Richtung, die Blicke drücken irgendwas zwischen Neid und Hass aus. Das macht mir Spaß. Und kurz darauf erfüllt sich mir sogar ein Lebenstraum, denn ich werde von einem Mann im Anzug in ein Hinterzimmer geführt. Das kann nur ein guter Tag werden. Und ein gutes Interview.

Sebastian, was war die dümmste Frage, die dir jemals gestellt worden ist?

SF: Nicht direkt die dümmste, aber die merkwürdigste hat mir ein Fan zu einem Zeitpunkt gestellt, als ich acht Bücher veröffentlicht hatte. „Wer war denn jetzt der Täter?“, ohne irgendwelche Hinweise, worauf er sich bezog.

Wie hast du sie beantwortet?

SF: 42. Damit kann man schließlich jede Frage beantworten. Ich weiß aber bis heute nicht, ob er das verstanden hat.

Du hast mehrfach gesagt, dass du „Was wäre, wenn?“-Geschichten schreibst. Was wäre also, wenn sich jemand einen deiner Mörder zum „Vorbild“ nimmt? Ist das für dich vorstellbar?

SF: Eher nein. Es kann zwar durchaus sein, dass etwas, das ich schreibe, so passiert. Aber dass eine meiner Geschichten dabei als Anleitung dient, glaube ich nicht. Außerdem ist die Realität oft viel grausamer als die Fiktion. Ich verdichte Ereignisse zwar, damit auf 400 Seiten genug passiert, um die Spannung hochzuhalten; aber bei einzelnen Episoden höre ich beispielsweise von Rechtsmedizinern oft, dass sie schon ganz andere Sachen gesehen haben. Bei Suizidbeschreibungen halte ich mich allerdings bewusst zurück, denn da kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass das jemand nachmacht. Wenn ich einen Selbstmord beschreibe, verwende ich daher Methoden, die ganz einfach nicht funktionieren.

Deine Figuren sind immer recht detailliert ausgearbeitet. Wieviel davon steckt schon im Entwurf und inwieweit entwickeln sie beim Schreiben ein Eigenleben?

SF: Bildlich gesprochen beginne ich immer mit einer Kohleschraffierung. Die Figuren haben Konturen, die erst beim Schreiben „ausgemalt“ werden. Dabei lasse ich dem Leser aber immer noch ein bisschen Spielraum, so dass ein Teil der Figur seiner Phantasie überlassen ist.

Nach ca. 80 Seiten ist es dann soweit, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln. Dass geht so weit, dass ich mich jeden Tag darauf freue, was meine Protagonisten als Nächstes machen. Manchmal wird das auch zum Problem. Bei „Passagier 23“ wollte die Hauptfigur einfach nicht auf das Schiff. Also stand ich vor der Wahl, sie zu zwingen oder sie doch freiwillig gehen zu lassen. Ich habe mich dann für letzteres entschieden, was aber dazu geführt hat, dass ich die ersten 80 Seiten vergessen konnte.

Noch bevor ein fertig gestelltes Buch veröffentlicht ist, sitzt du bereits am nächsten Manuskript. Ist es ab und zu schwierig, sich jeden Tag neu zu motivieren?

SF: Ich gebe meine fertigen Manuskripte ca. ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung ab, und so lange nichts zu tun, ist für mich nicht vorstellbar. Schreiben ist ja ein Hobby, bei dem ich das Glück habe, dass ich damit Geld verdiene. Ich habe auch zehn Jahre lang jeden Tag Musik gemacht, als Schlagzeuger kennt mich aber kein Mensch. Wenn man etwas gerne tut, ist das also genug Motivation. Klar brauche ich ab und zu mal Urlaub, und es gibt auch Tage, an denen ich nicht vorankomme. Da ich aber für ein Buch genügend Zeit habe, ist das kein Problem.

Ohne dass das despektierlich klingen soll – ein Thriller ist ja eher seichte Literatur. Willst du irgendwann auch mal „große“ Literatur schaffen?

SF: Da habe ich einen anderen Ansatz. Am Anfang steht bei mir immer eine Idee, die dann ganz automatisch die Form bedingt. Und vielleicht habe ich irgendwann mal eine Idee, die mit einem Thriller nichts zu tun hat. „Noah“ ist ja auch ganz anders als meine übrigen Bücher. Ich werde mich aber nicht hinsetzen und mir sagen: „Jetzt musst du etwas literarisch ganz Hochwertiges schreiben“, oder meinen Stil verändern, nur um Kritiker zu überzeugen. Das habe ich während meines Jurastudiums schon abgehakt. Die Sprache, die ich damals in den Klausuren verwendet habe, habe ich am Ende selbst nicht mehr verstanden, aber es gab gute Noten.

Als du neulich an einer Hotelrezeption gefragt hast, wo man was zu essen bekommt, wurdest du nach draußen geschickt, da es im Hotel nur gehobene Gastronomie gebe. Nervt dich sowas oder genießt du es, dich unerkannt bewegen zu können?

SF: Ich finde das super, dass man als Autor auf der Straße so gut wie gar nicht erkannt wird. Selbst J.K. Rowling könnte wahrscheinlich unerkannt durch Berlin laufen. Manche Autoren leiden darunter, aber ich finde, dass man sich selbst nicht so ernst nehmen sollte. Normal behandelt zu werden erdet einen und führt eben manchmal auch zu lustigen Situationen wie der Hotelgeschichte. Außerdem ist es gerade für mich als Thrillerautor wichtig, ganz normale Alltagssituationen erleben zu können, da mir diese oft als Inspiration dienen.

Von Freunden, die beim Fernsehen arbeiten, weiß ich, dass man durch TV-Präsenz ständig erkannt wird und eben solche Situationen nicht erlebt. Im Extremfall kann das zu einer ungesunden Prominenz führen. Wer ständig überall hofiert und bevorzugt wird, fühlt sich vielleicht irgendwann tatsächlich wie King Kacke und verliert den Bezug zur Realität.

Simon

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