„Ich denke nicht, dass du jemals Kinder haben solltest.“

„Ich denke nicht, dass du jemals Kinder haben solltest.“

„Was die Oberflächen zeigen ist nur ein Teil der Wahrheit. Darunter steckt das, was mich am Leben interessiert: die Dunkelheit, das Ungewisse, das Erschreckende, die Krankheiten.“ - David Lynch

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Derzeit beschert uns David Lynch mit Twin Peaks: The Return ein unvorstellbar kostbares Geschenk. Der Anfang 1946 geborene US-amerikanische Künstler, dessen filmisches Wirken nur einen Teil seines breiten Schaffensspektrum ausmacht, zeigt mit der Fortsetzung seiner Anfang der 90er erstmals ausgestrahlten und gemeinsam mit Mark Frost entwickelten Serie erneut, warum er zu einem der wichtigsten Regisseure nicht nur unserer Zeit gehört.
Das Besondere: David erschafft intuitiv, aufrichtig und ohne Kompromisse. Seine Werke sind zeitlose Denkmäler der menschlichen Existenz, für deren Elemente er tief in einem Ozean ebt, hinabtaucht. Er gibt uns, was er aus sich heraus anbieten kann. Nicht, was ihm besonders gewiefte Marketing-Maschinen vorgeben. Seine Kreationen sind quasi von Mensch zu Mensch gegeben.SLEAZE + David Lynch

Geschichten statt Erklärungen

Die nun auch in den deutschen Kinos gestartete, unter der Regie von Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes sowie Jon Nguyen entstandene Dokumentation David Lynch: The Art Life nimmt sich dem Mysterium „David Lynch“ an, ohne zu entmystifizieren. Es geht weniger um eine Suche nach absoluten Antworten als viel mehr um einen schüchternen Blick ins Herz und den Verstand Davids. So präsentiert sich der Film vielmehr als eine Art vom Schöpfer selbst vorgetragene Aneinanderreihung traumwandlerischer Anekdoten, eine Reise, die sich vor allem auf seine Kindertage über die Anfänge als Maler bis hin zur Produktion seines Spielfilm-Debüts Eraserhead aus dem Jahre 1977 beziehen.

Über vier Jahre nahm die Produktion von David Lynch: The Art Life in Anspruch, für die die Filmemacher über 20 Gespräche mit ihrem titelgebenden Traumführer umsetzten und aufzeichneten – 2007 erschien bereits ihr Lynch (One), der sich der Produktion von Davids bis dato letztem Kinofilm Inland Empire (2006) annahm. Doch das (cineastische) Schaffen steht für ihr neustes, dokumentarisches Werk nicht primär im Vordergrund. Sie nehmen sich keinem Film direkt an oder versuchen sich gar an einer Analyse.

Lasst den Traum die Türen öffnen

Und dies ist der eigentlich große Verdienst von The Art Life. Davids ungefilterte Erzählungen über seine zarte Mutter zum Beispiel äußern sich stets als feinfühlige, faszinierende Seelenberichte einer Welt der wundersamen Düsternis. Gleichsam räumt er mit dem Klischee des schon seit der Kindheit gebeutelten Künstlers auf, denn diese beschreibt David Lynch als idyllisch, nicht aber ohne Risse. Denn auch das zeigt sich in Filmen à la Blue Velvet und Mulholland Drive: Hinter der noch so offensichtlichen Sorglosigkeit lauert Dunkelheit, eine Welt hinter der Welt, die zugleich Wahres in sich trägt. In dieser Zeit des Aufwachsens sei seine Welt nicht größer gewesen als ein paar Blocks. Innerhalb dieser Welt befinden sich aber weitere gewaltige Welten.SLEAZE + David Lynch

Der Traum ist allgegenwärtig. In seinen Filmen wie außerhalb. Prallen Traum und vermutete Wirklichkeit einmal aufeinander – dies geschieht im Grunde ständig, bewusst wie unbewusst – können sich ungeahnte Konflikte Bahn brechen. Denn sie setzen uns zu uns und unserer Welt in ein anderes Verhältnis. So erzählt David einmal davon, wie er seinen Vater zu seinem damaligen Haus in Philadelphia mitnahm, indem er eine Reihe Experimente am Laufen hatte: Was geschieht über eine gewisse Zeit mit Früchten? Welche Phasen durchlaufen sie? Wie verfallen sie? Er habe einige tote Vögel gehabt, seine Maus in Plastik und „ein Haufen von Zeug, das ich gesammelt habe“. Als er diese Dinge mit seinem Vater im trübe belichteten Keller teilen wollte, sagte dieser seinem Sohn später auf der Rückfahrt zur Bahnstation: „Ich denke nicht, dass du jemals Kinder haben solltest.“
Hinter gewissen Dingen zu blicken oder – passender: sich den Dingen durch Hinaustreten des Gewohnten anzunähern, ruft häufig Angst und Unverständnis auf den Plan. Im besten Fall mag David Lynch: The Art Life für dieses Vorhaben sensibilisieren, die Weltenerfahrung schärfen und erweitern. Im besten Fall ist sie der Anstoß, die Welt des Traumes genauer zu ergründen und Detektiv in ihr zu sein. Im besten Fall ist sie ein Geschenk an jene, die es offenen Herzens und Verstandes annehmen. Mögen sich unendlich viele Türen öffnen. Denn, ist nicht dies das Kino: ein kollektives Träumen?

Alex

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