Hotel d’Amour

Hotel d’Amour

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Colin und Rachel fast zusammen

Eine Erzählstimme kommentiert und erklärt. Würdevolle klassische Musik. Kameraarbeit in bester europäischer Arthouse-Tradition. Eine verregnete britische Landschaft. Ein zutiefst verstörender Plot. Hier läuft The Lobster (2015) des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Eine schräge Geschichte in einer bizarren Welt. Was passiert? Ein Spiel mit gewissen Regeln läuft ab. Es gibt Gewinner und Verlierer. Eine perfide Regulierung des sozialen Miteinanders: Sobald man von seinem Partner verlassen wird, kommt man in das Hotel. Eine oppressive Einrichtung, irgendwo angesiedelt zwischen den Albtraumwelten Franz Kafkas und Michelle Houellebecqs – mit einem Schuss Buñuel dazu.

Der erste englischsprachige Film des Regisseurs, eine europäische Koproduktion mit internationalen Stars, gewann in Cannes 2015 den Jury-Preis. Die Hauptrolle des David spielt Colin Farrell (Brügge sehen… und sterben?), den aber sicherlich die wenigsten auf den ersten Blick wiedererkennen werden: Colin ist sonst ein klassischer Leading Man mit Star-Charisma und tollem Look. Ein echter Herzensbrecher. Hier ist er aber übergewichtig, ungeschickt und irgendwie ein richtiger Spießer. Völlig abgestumpft und gefühlskalt ist er außerdem auch, aber das ist jede Figur in Lobster.

So wird dieser David am Anfang des Films verlassen und kommt in das Hotel. Und diese Institution, die auf den ersten Blick als Kurhotel oder Resort daherkommt, ist nun mal wirklich ein Goliath: Ein Ort mit unendlich vielen Regeln, merkwürdigen Ritualen und Bestrafungen, die die anwesenden Singles dazu bringen sollen, einen neuen Partner zu finden. Der Catch bzw. die Prämisse des Films: Für die Suche nach seinem neuen Partner hat man knapp sechs Wochen Zeit, sonst wird man in ein Tier verwandelt. Klingt erstmal ziemlich abgefahren, funktioniert aber wirklich gut.

Mensch oder Tier?
Mensch oder Tier?

Vielleicht, weil das Hotel so überzeugend gezeigt wird: Es ist wirklich alles darauf ausgerichtet, dass die armen Singles einen neuen Partner finden. So gibt es zum Beispiel immer wieder Propaganda-Performances, kleine Bühnenshows, durch die den Insassen klargemacht werden soll, warum es besser ist, zu zweit zu sein: Ist man alleine, kann man womöglich an einem Happen Essen ersticken. Wenn jemand anders da ist, rettet der einen durch ein Heimlich-Manöver. Die Figuren des Films fühlen sich durch solche Lehrstücke jedoch nicht in ihrer Intelligenz beleidigt. Alle spielen das Spiel mit. Zu stark scheinen die Kräfte und Autoritäten im Hintergrund zu sein, die zwar nie zu sehen sind, aber diese Welt so eingerichtet haben. Natürlich wird mit dieser Story Kritik geübt. Ob an dem merkwürdigen Paarungsverhalten menschlicher Tierchen allgemein oder auch an ganz modernen Einrichtungen wie beispielsweise Tinder – das ist jedem Zuschauenden selbst überlassen.

Aber mulmig wird einem, wenn man diesem Treiben zuschaut. Immerhin findet dann zur Hälfte des Films ein Ausbruch statt. Ein bisschen unlogisch ist dabei, warum sich Paare nicht einfach zusammentun, um dem Hotel zu entkommen. Denn ein Ort, an dem Liebe aufblüht, ist das nun wirklich nicht. Das besonders Absurde, der schwarze Humor von Lobster entsteht vor allem dadurch, dass dieses völlig verklemmte Hotel das Zusammenkommen eher verhindert als befördert.
Der Ausbruch in der zweiten Hälfte des Filmes läutet aber leider auch seinen schwächeren Teil ein. An das Hotel kommt das Leben auf der Flucht einfach nicht mehr heran. Wenn die Leute alleine bleiben, werden sie, wie erwähnt, in ein Tier verwandelt. Großzügigerweise kann man sich noch selbst aussuchen, in welches. Deshalb läuft in der Umgebung des Hotels auch manchmal ein Lama herum oder ein Pfau. Diese medizinisch-technisch ja nun wirklich nicht einfach zu machende Verwandlung läuft dabei immer hinter einer Tür des Hotels in einem speziellen Raum ab. Man sieht sie gar nicht.
Diese Prozedur führte wohl zur Einstufung als Science-Fiction-Film. Den Schritt möchte ich aber nicht mitgehen. Sci-Fi ist an diesem Film kaum etwas. Vielleicht noch der etwas futuristisch aussehende weiße Bus, den man manchmal durch die Landschaft fahren sieht. Die Sache mit der Tür und der komplett Offscreen-unsichtbaren Verwandlung ist vor allem, wie der Rest des Films, lustig und sehr originell. Die klassisch-ästhetisierte Machart steht dabei im schönen Kontrast zur bitterbösen Geschichte. Stanley Kubrick lässt grüßen (A Clockwork Orange).

Die Flucht
Die Flucht

Der Film wirft dabei wirklich viele tiefgehende Fragen auf: Was verbindet Paare überhaupt? Wie sehr verbiegt man sich, um nicht alleine zu sein? Ein konstantes Thema ist hier das der Gemeinsamkeiten: Die Kurzsichtigen tun sich zusammen, die Hinkenden oder auch die, die nervöses Nasenbluten bekommen. Hauptsache Gemeinsamkeit in dieser Gesellschaft, die so extrem auf Paare fixiert ist. Eine Tragikomödie, die dadurch doch so viel mit unserer Wirklichkeit zu tun hat. Surreal, absurd und satirisch. Aber nichts für schwache Gemüter: Nimmt man ihn zu ernst, kann The Lobster einen auch ganz schön deprimieren.

Für: Arthouse-Fans, Tinder-Geschädigte und alle anderen, die mal ihren Kopf anschalten wollen und nicht gerade nach leicht konsumierbarer Zerstreuung suchen.

Robert

Titel: The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte
Regie: Yorgos Lanthimos
Laufzeit: 114 Min.
VÖ: 23.6.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Yorck Kinogruppe

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