Hooray for all kind of things – Jon Gnarr

Hooray for all kind of things – Jon Gnarr

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Jon Gnarr, ein Politiker, der eigentlich gar keiner ist, wurde ihm Jahr 2010 Bürgermeister des 120.000SeelenStädtchens Reykjavík. Das ist allerdings nur der Höhepunkt der langen, abwechslungsreichen und vor allem kaum zu glaubenden Geschichte des Jón Gunnar Kristinsson.

Photo by Aleksandar Radulovic
Photo by Aleksandar Radulovic

 

Ganz Europa steckt in einer Krise. Die Finanzkrise schreitet unaufhaltsam Richtung Abgrund voran und ist im Begriff, halb Europa mitzureißen. 2008 ist wahrlich kein gutes Jahr für die Weltwirtschaft. Die Krise erstreckt sich allerdings noch weit über den Finanzsektor hinaus und wird Identitätskrise der europäischen Staaten und vorallem deren Einwohner. Es herrscht Politikverdrossenheit auf ganzer Linie. Island, das man hierzulande ja hauptsächlich wegen seiner schönen Landschaften und der Popfee Björk kennt und schätzt, trifft es mit am härtesten. Nachdem die isländischen Banken der Reihe nach den Geist aufgeben, steht das ganze Land vor der Zahlungsunfähigkeit.
Keine spaßige Angelegenheit
, so ein Staatsbankrott, das könnt ihr mir glauben. Die machthabenden Politiker und Parteien – traditionell gänzlich Spaßbefreit – haben all ihre Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit verspielt.

Bis dahin habe ich mich nicht für Politik interessiert. Die Politiker machten ihr Ding und ich machte meines.

In dieses Szenario tritt „Die Beste Partei‟ (isländisch: Besti flokkurinn), betreibt einige Monate lang einen irrwitzigen und inhaltlosen Wahlkampf und stellt kurz daraufhin den Bürgermeister der Stadt. Klingt komisch? Ist es auch. Im wahrsten Sinne des Wortes und zwar von Anfang bis Ende, denn die Reykjavíker haben seit Mai 2010 einen Comedian als Oberbürgermeister in ihrem Rathaus sitzen. Wer ist also der Mann, der im Internet seitdem als „interessantester und coolster Bürgermeister der Welt gefeiert wird und der es fertigbrachte, ohne die geringste politische Erfahrung diesen ansehnlichen und durchaus machtbehafteten Posten zu erlangen?

gnarr-jumpingJón Gunnar Kristinsson, von Freund und Feind nur Jon Gnarr genannt, wurde 1967 in der Stadt geboren, die er später einmal regieren sollte. Der kleine Jon war sich dessen allerdings lange Zeit selbst nicht bewusst, weshalb der Sohn eines kommunistischen Polizisten und einer Erzkonservativen sich vorerst in der Punkrockszene herumtrieb. Er brüllte als „Jonsi Punk sozial- und gesellschaftskritische Texte ins Mikrophon und schaffte es damit sogar, zusammen mit Björk und ihrer damaligen Band „The Sugarcubes durch die Lande zu tingeln.
Mit 19 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch, mit 20 wurde er Vater.
Mitte der Neunziger fing der ADHS geplagte Jon beim Radio an, wodurch er irgendwann zum Fernsehen gelangte. Und was eignet sich wohl besser für einen aufgedrehten Hitzkopf, als Stand-Up Comedian zu werden? Bestimmt so Einiges, aber auf diesem Gebiet muss er wohl hervorgestochen sein, denn er entwickelte sich zu Islands führenden Spaßvögeln. Er erweiterte im Laufe der Zeit sein Fachgebiet, spielte in Serien und Filmen mit und könnte als Mischung aus Jim Carrey, Christian Ulmen und Sasha Bar
on Cohen beschrieben werden, wobei der Bekanntheitsgrad Jim Carreys – global gesehen – auf das kleine Island mit seinen knapp 320.000 Einwohnern eins zu eins zu übertragen ist. Er ist eine große Nummer im Showgeschäft, dem er trotzdessen bei jeder Gelegenheit eine lange Nase dreht und den Spiegel vorhält.
Was macht man also, als gefeierter Schauspieler, Komiker und Autor, der schon alles erreicht hat? Na klar, in die Politik gehen. Das hat schließlich bei Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger auch gut funktioniert. Immerhin ist das politische Parkett doch lediglich der nächste logische Schritt im Medienzirkus und dem Starkult um die eigene Person. Wen kümmert schon politisches Grundverständnis oder eine entsprechende Ausbildung, solange man Sätze wie „I’ll be back!
cool genug rüberbringen kann.

So kam es also, das Jon Gnarr im Jahre 2009 eine Spaßpartei gründete, die allerdings, anders als Arnie, nicht im Entferntesten eine Machtergreifung im Sinn hatte. (Der Umstand, dass hier ein Österreicher und der Begriff Machtergreifung in einem Satz genannt werden, ist rein zufälliger Natur; Anm. d. Red.) Die Bezeichnung Spaßpartei war für „Die Beste Partei‟ von Beginn an Leitmotiv und es bestand keinerlei Intention, irgendwie am politischen Geschehen mitzuwirken, wie es haufenweise Spaßparteien wie „Die Partei, die „FDP, oder auch die „Anarchistische Pogopartei Deutschland hierzulande immer wieder gern versuchen.

Was als Witz begann, wurde jedoch irgendwann ernster als erwartet, aber alles schön langsam und der Reihe nach.

Jon GnarrDie Beste Partei propagiert „offene Korruption statt verdeckte, wie sie von den machthabenden Parteien praktiziert würde. Außerdem habe sich Jon Gnarr schon immer danach gesehnt, über ein ordentliches Einkommen und viel Macht zu verfügen. Das positive Feedback steigt, weshalb sich die Parteimitglieder kurzerhand überlegen, als Krönung des Scherzes sich offiziell zur Wahl stellen zu lassen. Da „Die Beste Partei alle Anforderungen des isländischen Parteiengesetztes erfüllt, können sie sich ab sofort sowohl offiziell als Partei bezeichnen als auch selbige bei der Gemeindewahl in Reykjavík zur Wahl aufstellen lassen.

Gesagt, getan, nehmen ihre Wahlversprechen immer weiter Form an. Unter anderem gehören dazu die kostenlose Bereitstellung von Handtüchern in jedem Schwimmbad und einen Eisbären für den städtischen Tierpark, damit das Klettergerüst bei IKEA nicht die größte Kinderattraktion Reykjavíks bleibt. Außerdem wolle man „Disney World Island bauen, bestenfalls mit freiem Eintritt, sodass auch Obdachlose ein Foto mit Mickey Mouse machen können. Nicht zu vergessen ist der Themenpark in der Mitte der Stadt, in den alle Dinosaurier, die bei Jurrasic Park mitgewirkt haben, umgesidelt werden sollen.

Jon GnarrMan kann es nicht oft genug wiederholen, weshalb ich erneut darauf hinweise. Die gesamte Partei, alle ihre Konzepte und jede ihrer Handlungen waren ein reiner Witz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Künstler um Jon Gnarr wollten ihrem Unmut über die herrschenden Verhältnisse Luft machen und versuchten auf diesem Wege, dem ganzen Polit-Zirkus Paroli zu bieten. Es war Satire – nicht mehr und nicht weniger.
Aber schon Kurt Tucholsky fragte und antwortete: „Was darf Satire? – Alles!‟, weshalb man sich eigentlich nicht darüber wundern kann, wenn der politische Geschäftsführer einer neu gegründeten Partei in einem Radiostudio mit einer Hand voll praktizierender Politiker zusammensitzt und für die angesprochenen Probleme die „Importation von Juden, die alle anfallenden Arbeiten verrichten
als Antwort parat hat. Das Ganze entwickelte sich allmählich zum Selbstläufer und immer mehr Isländer stellen sich hinter die Partei, die bis zum jetztigen Zeitpunkt nicht mehr ist als ein lautes und wütendes „Fuck you in Richtung der Machthaber.
Aber vielleicht ist schon das der Kern der Sache. Die Menschen haben es satt
, jeden Tag aufs Neue belogen zu werden und sich Dinge anzuhören, die weiter von der Realität nicht entfernt sein könnten. Nämlich von ihrer Realität im Alltagseben, in einer Stadt, die seit Islands Unabhängigkeit Mitte der Vierziger fast ausschließlich von der selben Partei regiert wurde, die sich aus reichen Snobs zusammensetzt, die kein offenes Ohr und kein Gespür für die Anliegen und Probleme ihrer Mitbürger hat.

Jón nennt die anderen Parteien „Hausbesetzter öffentlicher Gebäude

Und dann kommt plötzlich einer der bekanntesten Gesichter aus Funk und Fernsehen daher, gründet eine Partei und verkündet, dass er nur mit Leuten zusammenarbeite, die die Fernsehserie „The Wire genauso innig lieben wie er oder zumindest gesehen und für gut befunden haben. Den riesigen Pluspunkt an Menschlichkeit hat er damit schoneinmal sicher und dass er lustig ist, wissen die Isländer auch schon lange.

Jon GnarrWas ist Ihr Lieblingscharakter aus „The Wire?

Omar.

Wussten Sie, dass Barack Obama das Gleiche gesagt hat?

Nein

Was haben Sie sonst noch mit Obama gemeinsam?

Ich bin weiß.

Der selbe Typ, der zeitweise als Taxifahrer arbeitete, schonmal in New Yorks größtem Schwulenclub strippte und der weder eine Universität besucht noch auch nur die leiseste Ahnung von professioneller Politik hat, stellt sich hin und verkündet, er werde der neue Bürgermeister. An diesem Punkt traf dieser große lustige Witz, die Satire und der ganze Spaß auf die harte Realität und die unmittelbaren Probleme eines krisengebeutelten Landes und dessen Hauptstadt.

Jón fing an trotz des ganzen Klamauks, das „Die Beste Partei noch immer irgendwie war und auch heute noch ist, ernsthaftere Herangehensweisen an die Thematik in Betracht zu ziehen und fand, obwohl man noch meilenweit von so etwas wie einem Parteiprogramm entfernt war, auch einige kluge Ansätze. Er entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer Art „GuerillaPolitiker und pisste dem Establishement dadurch gehörig ans Bein, was den Leuten ausgesprochen gut gefiel und der Partei unaufhörlich steigende Umfragewerte bescherte. Er veröffentlichte während der heißen Phase der Wahlkampfs einen Wahlkampfsong, der auf Tina Turners „Simply the best beruhte und mit einem isländischen Text versehen wurde.
Tina Turner höchstpersönlich hat ihm dazu die Erlaubnis erteilt, „weil eine ihrer Freundinnen ein Island Pony besitzt und sie mag isländisches Design wohl sehr…solange es aus roten Fischschuppen besteht.

So begab es sich also, nach sechs Monaten des Wahlkampfes, dass Jon Gnarr der neue Bürgermeister Reykjavíks wurde. Was das jetzt über den gemeinen Isländer, sein Politikverständnis und die Demokratie im Allgemeinen aussagt, würde gänzlich den Rahmen sprengen.

Nur so viel: Die Menschen waren genervt von ihren Repräsentanten, die sie in keiner Weise angemessen repräsentierten. Keiner wusste, was die Zukunft bringen wird, was die Meisten allerdings ziemlich genau wussten ist, dass sie nicht weiterhin das wollten, was die Vergangenheit so mit sich brachte. Die Leute haben letzendlich lieber die „Ungewissheit gewählt als ein System aufrechtzuerhalten, das augenscheinlich nicht funktionierte. Damit lagen sie wohl garnicht so falsch, denn jetzt ist ein Mann Häuptling der Stadt, der so gar nicht ins Bild eines Politikers passen will. Er verkleidet sich gerne, ob als Jediritter oder zur Unterstützung der Schwulen- und Lesbenbewegung als Drag Queen und hüpft dann auf einer „Gay Pride Parade durch die Gegend.

Für Pussy Riot hat er sich nebenbei auch schon verkleidet. Gut zu wissen ist im Übrigen auch, dass seine Tochter sowohl Bikini- und Fitnessmodel ist als auch den schwarzen Gürtel in Taekwondo besitzt. In seinem Büro hängt ein riesiger BanksyPrint. Gnarr weist eine hohe Internetaffinität auf und so schrieb er beispielsweise auf Facebook und Twitter:

Jon Gnarr
Ob er den Aufgaben und Anforderungen als Bürgermeister einer verhältnismäßig großen Stadt gewachsen ist
, muss sich erst noch herausstellen. Klar ist jedoch, dass es seine Vorgänger auch nicht waren. Dann doch lieber weniger dummes und inhaltloses Gelaber und mehr Humor mit Inhalt!

Fred

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