Hitman 3: Agent 47 in seiner Bestform

Hitman 3: Agent 47 in seiner Bestform

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Als kahlköpfiger Auftragsmörder mit gänzlich unauffälligem Strichcode am Hinterkopf planen wir das (vorerst) letzte Mal unsere kreativen Attentate. Das Entwicklerstudio IO Interactive schließt nämlich ihre World of Assassination-Trilogie ab und schenkt uns mit Hitman 3 das wohl ultimative Schleichabenteuer.

SLEAZE + Hitman 3
Agent 47 jagt nur noch die Elite.

Der Wiederspielwert an erster Stelle

Frei nach dem Motto: „Never change a running system“ setzt Hitman 3 weiterhin auf seine altbekannte Formel. In sechs verschiedenen Sandbox-Missionen, wovon die letzte recht linear ausfällt und ausnahmsweise wenig Wiederspielwert bietet, müssen wir uns unseren Zielen nähern und sie bestenfalls unauffällig eliminieren.

Dafür stehen uns wie immer unzählige Vorgehensweisen zur Verfügung. Infiltrieren wir unseren Zielort, indem wir uns geschickt als jemand anderes ausgeben? Oder locken wir unser Opfer nach draußen und erledigen es mit dem Scharfschützengewehr aus sicherer Entfernung?

In Hitman 3 können wir sogar Abkürzungen im ersten Spieldurchlauf freischalten, was wiederum neue Wege im nächsten Durchlauf ermöglicht. Generell sollte jedem bewusst sein, dass die Missionen in den Hitman-Spielen darauf ausgelegt sind, sie mehrfach auf unterschiedliche Art und Weise durchzuspielen. Deshalb ist auch die recht kurze Spieldauer für den ersten Durchgang vollkommen vertretbar.

SLEAZE + Hitman 3
In Hitman muss man stets den richtigen Moment abwarten.

Ich habe persönlich pro Mission etwa eine Stunde gebraucht, also insgesamt sechs Stunden bis zum Abspann. Da ich aber in Hitman auf Perfektion abziele, ist die Dunkelziffer mit wiederholten Checkpoints sicherlich höher. Umso erfreulicher waren die Ladezeiten: Denn in Hitman 3 laden die Level deutlich schneller als zuvor, sogar auf Last-Gen. Damit sinkt der Frust-Faktor, wenn man mal mehrere Anläufe braucht.

Wenig neu, vieles besser

Während man schon bei Hitman 2 nach großen Neuerungen mit der Lupe suchen musste, schaut es bei Hitman 3 nicht groß anders aus. Wir haben jetzt ein Handy, mit dem wir Fotos schießen – was allerdings selten notwendig ist – und Objekte scannen oder hacken können. Das ist in manchen Missionen sehr nützlich, um beispielsweise Zugang zu versperrten Orten zu erlangen, fühlt sich jedoch leider weder bahnbrechend noch innovativ an.

Einen großen Sprung in Sachen Grafik gibt es auch nicht. Dennoch fallen die verbesserten Lichteffekte auf, vor allem gespiegeltes Licht. Das merkt man auch auf Last-Gen. Noch nie sah die Glatze von Agent 47 so glattpoliert aus wie in Hitman 3. Auch sein Gesichtsmodell wurde erneut überarbeitet und schafft eine gute Mischung zwischen dem Milchgesicht aus Hitman (2016) und der starren Miene aus Hitman 2. Die steifen Animationen sind allerdings weiterhin Programm.

SLEAZE + Hitman 3
Gut aussehnd und äußerst gefährlich.

Hitman 3 nun vorzuwerfen, lediglich ein großer DLC zu Hitman 2 zu sein, wäre jedoch töricht. Denn die Leidenschaft zur Hitman-Serie, die IO Interactive mit den sechs neuen Leveln beweist, ist bemerkenswert. Hier strahlt Hitman 3 nur so vor Details und die viele Arbeit zahlt sich auch aus.

Das Highlight: Die Missionen

Mit Missionen wie Dubai oder Dartmoor hat das Studio ein paar der besten Level des gesamten Franchises zusammengebastelt. Das liegt daran, dass Hitman 3 viele seiner Aufträge anders angeht. Es gibt nun hin und wieder spielerische Intro- oder Outro-Sequenzen, die das Spiel cineastischer gestalten und die Erzählweise aufpeppen. Außerdem hat IO Interactive die Zielorte diesmal kleiner gehalten, dafür setzen sie wie mit dem fantastischen ersten Level Paris aus Hitman (2016) viel mehr auf vertikalen Raum.

SLEAZE + Hitman 3
Wer würde nicht für so eine Aussicht töten?

Das beginnt mit Dubai, wo wir in das größte Gebäude der Welt per Fallschirm eindringen, was große Mission Impossible-Vibes hat. Danach können wir uns über etliche Wege unseren Weg nach oben ins Penthouse bahnen. An den Film Knives Out erinnert wiederum das darauffolgende Level: In Dartmoor können wir uns als Privatdetektiv ausgeben und zunächst einen Mordfall aufklären, bevor wir selbst einen Mord begehen. In Berlin wird das Spielprinzip auf den Kopf gestellt und wir müssen in einem Techno-Club (vermutlich spielt das vor Corona) zunächst unsere Ziele ausfindig machen.

Ähnlich wie in den vorherigen Teilen, hat IO Interactive aber die besten Missionen gleich zu Beginn verpulvert. Chongqing und Mendoza sind zwar clever und unterhaltsam gestaltet, aber ihnen fehlt die überraschende Wendung wie im Berlin-Level. Zur letzten Mission sage ich aus Spoiler-Gründen nichts.

SLEAZE + Hitman 3
Hitman 3 ist unter anderem eine hervorragende Möglichkeit, während Corona Urlaub zu machen.

Die Story-Missionen wurden auf drei pro Mission reduziert. Das heißt nicht, dass es weniger Mord-Möglichkeiten gibt. Es gibt lediglich weniger strikte Vorgehensweisen, was eher zum Experimentieren einlädt. Unsere Attentate sind weiterhin so kreativ und bescheuert wie in den Vorgängern, wenn nicht sogar ein kleines Stückchen mehr. Der Humor ist also noch präsent. Das merkt man nicht zuletzt an den vielen Anspielungen zu früheren Hitman-Spielen.

Dennoch schafft es Hitman 3, eine düstere und ernstere Stimmung zu erzeugen. Das fängt schon mit der Musik an, die ein perfekter Mix aus den beiden Vorgängern und den früheren Hitman-Teilen ist.

Die alte Leier

Hitman 3 präsentiert noch einmal die Stärken der Schleich-Trilogie, aber leider merzt es nicht die Schwächen aus. Wir sammeln weiterhin fleißig Waffen & Co. für unser Killer-Arsenal, können aber nur eine begrenzte Auswahl mitnehmen und brauchen tatsächlich die meisten Sachen nicht. Das ist leider in der gesamten Trilogie nicht gut gelöst worden.

SLEAZE + Hitman 3
Gern geschehen!

Auch die KI lässt sich weiterhin mit simplen Tricks ausmanövrieren, was der absichtlichen Absurdität, wie NPCs auf Bananenschalen ausrutschen zu lassen, eine unabsichtliche und immersionsbrechende Absurdität hinzufügt. Am eher mittelmäßigen Waffen-Gameplay wurde auch nichts geändert.

Und dann gibt es da noch die ungelöste Frage, warum 47 beim Treppenlaufen immer einen Tick schneller als der Rest ist. Letzteres ist natürlich nur ein Scherz am Rande, aber wenn du irgendwas an den Vorgängern auszusetzen hattest, dann besteht mit hoher Wahrscheinlichkeit das Problem immer noch.

Dann gibt es noch die typischen Server-Probleme und nervigen Bugs zum Start eines neuen Hitman-Ablegers. Man könnte meinen, nach jahrelanger Erfahrung mit dem Spielsystem würde IO Interactive wenigstens die einfachsten Bugs – wie das Freischalten gemeisterter Herausforderungen – vermeiden können. Aber auch das kommt wieder vor.

SLEAZE + Hitman 3
Unsichtbare Waschmaschinen: Der neuste Trend oder auch ein Bug?

Story unterhält, aber verschenkt Potenzial

Hitman (2016) war recht sparsam mit Story-Details, aber sorgte damit für einen spannenden Auftakt. Hitman 2 bot einen interessanten Plot-Twist und Cliffhanger. Mit Hitman 3 standen die Türen für ein aufregendes Finale ganz schön weit offen.

Und der Anfang beginnt auch vielversprechend: Die üblen Providence-Partner finden und die Konstante aufhalten. Leider passiert darüber hinaus nichts Neues. Die wohl interessanteste Figur Lucas Gray kann in Hitman 3 leider nicht glänzen und auch der Plot-Twist des vorherigen Spiels nimmt eine wenig überraschende Entwicklung und endet zu gewollt. IO Interactive zieht tatsächlich eine ähnliche Story ab, wie man sie auch schon in Hitman: Absolution sehen durfte.

SLEAZE + Hitman 3
Unglücklicherweise erinnern die Zwischensequenzen hin und wieder an Last-Last-Gen.

Die Story-Schnipsel sind dennoch unterhaltsam. Sie sehen zwar nicht so hochwertig wie in Hitman (2016) aus, aber sind mehr als die Dia-Show aus Hitman 2. Das liegt vermutlich daran, dass IO Interactive nun ohne Publisher arbeitet und deshalb an ein paar Stellen Abstriche machen musste.

Das merkt man auch an den wenigen und deshalb immer wiederkehrenden Stimmen der vielen NPCs in Hitman 3. Das ist zwar verkraftbar, aber ein ausgefalleneres Drehbuch hätte dem Finale sicher nicht geschadet, einfach nur für die extra Würze.

Noch mehr Content

Zwar vermisse ich den Ghost-Modus, also den 1v1-Multiplayer aus Hitman 2, der viel Potenzial hatte. Dafür kehren die Eskalationsaufträge und die frei von der Community erstellbaren Aufträge zurück. Die Deluxe-Edition bietet zudem exklusive Eskalations-Aufträge. Aber diese sind meiner Meinung nach nicht den 35-Euro-Aufpreis wert. Über die nächsten Monate kommen auch neue Aufträge und die kontroversen, zeitlich begrenzten schwer zu fassenden Ziele.

Außerdem gibt es wieder tonnenweise Herausforderungen in den sechs Missionen zu meistern. Hierbei geht es darum, die Ziele auf eine bestimmte Weise zu töten, zum Beispiel mit Gift oder der Klaviersaite. Oder es gilt, andere versteckte Aufgaben zu erledigen. Das kann sehr schnell darauf hinauslaufen, dass man nur noch Herausforderungsziele abklappert. Deshalb lieber erst die Missionen genießen und beim zweiten oder dritten Durchgang in die Liste schauen.

SLEAZE + Hitman 3
Der explosive Golfball ist selbstverständlich auch wieder eine Herausforderung.

Mörderisches Fazit

Für Hitman 3 gilt wie für Hitman 2: Ist man kein Freund des Stealth-Genres oder der „Hitman-Formel“, dann wird man auch nicht warm damit. Hitman 3 ist darauf ausgelegt, mehrfach auf verschiedene Weise durchgespielt zu werden. Das Spiel leidet zwar weiterhin an den bekannten Schwächen der Vorgänger, aber dafür gehören die Level zu den besten, die die Reihe je vorzuweisen hatte.

Viele Missionen kommen zudem mit einem Kniff daher, sodass auch genügend Diversität unter den Leveln herrscht. Zweitrangig bei der World of Assassination-Trilogie ist die Story, die mit einem soliden Finale zwar nicht enttäuscht, aber auch nicht viel wagt.

Titel: Hitman 3
Entwickler / Publisher: IO Interactive / IO Interactive (Square Enix in Europa)
VÖ: 20. Januar 2021
Plattform: PlayStation 4 & 5, Xbox One & Series X, Nintendo Switch, PC

Ich habe Hitman 3 auf der Standard-PlayStation 4 getestet.

San L

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